Die große Säuberung in der Sowjetunion trifft eine kommunistische Familie

Die Sobottkas aus Wanne-Eickel: Ein Leben für den Kommunismus

„…Damit Genossen, will ich schließen, ich habe keine besondere Bitte an Sie. Ich wollte Ihnen nur das Schicksal eines Parteiarbeiters nach 30jähriger Tätigkeit für die sozialistische Arbeiterbewegung, nach fast 20jähriger Tätigkeit für die Kommunistische Internationale und die Sowjetgewerkschaften mitteilen…“ (aus nachfolgendem Schreiben von Gustav Sobottka sen.)

Gustav Sobottka (1886–1953), ein Veteran der deutschen Arbeiterbewegung, trat als Bergarbeiter 1909 in den Bergarbeiterverband in Röhlinghausen ein, 1910 in die SPD, 1913 war er bereits Parteivorsitzender in Eickel (Wanne-Eickel).

1920 kam er über die USPD zu KPD, war von 1921 bis 1932 Mitglied des Preußischen Landtags und übernahm zentrale Funktionen in der RGO (Weber/Herbst: Deutsche Kommunisten, S. 879). Sobottka heiratete die Dienstmagd Henriette, geb. Schantowski (1888–1971), im Jahre 1909; 1910 trat sie in die SPD ein (Mensing: Von der Ruhr in den GULag, S. 155).

Sobottka emigrierte im Frühjahr 1933 zunächst nach Saarbrücken und war Vorsitzender der Internationalen Konferenz der Bergarbeiter. Anschließend ging er 1935 nach Paris, von wo aus er mit seiner Familie im November des Jahres nach Moskau emigrieren konnte (Weber/Herbst: Deutsche Kommunisten, S. 880).

Sobottkas Söhne Bernhard (1911–1945) und Gustav jun. (1915–1940) wurden im August 1933 verhaftet und blieben bis Ende 1933 in Konzentrationslagern inhaftiert. Bernhard blieb in Deutschland und arbeitete illegal für die KPD, wurde 1943 wiederholt verhaftet und zu fünf Jahren Haft verurteilt. 1945 von britischen Truppen aus dem Gefängnis befreit, starb er wenige Monate später an den Haftfolgen. Gustav jun. hingegen zog mit seinen Eltern 1935 nach Moskau (Weber/Herbst: Deutsche Kommunisten, S. 880).

Gustav Sobottka jun. war bereits seit 1923 Mitglied der KPD-Kinderorganisation, mit 14 Jahren war er Gruppen-Polleiter im KJVD. Bei seiner Einreise transportierte Sobottka jun., der mittlerweile den Parteinamen „Hans Boden“, trug, als Kurier Dokumente der Roten Gewerkschafts-Internationale
in die Sowjetunion (Mensing: Von der Ruhr in den GULag, S. 155–156; Buckmiller/Meschkat: Biographisches Handbuch, Datenbank, Eintrag „Sobottka, Gustav“).

Gustav Sobottka jun. arbeitete in Moskau in einem wissenschaftlichen Forschungsinstitut für Automobile und Traktoren („NATI“) als Schlosser.

Vor fast genau 80 Jahren wurde Hans Boden, Gustav Sobottka jun., am 5. Februar 1938 im Rahmen der „Großen Säuberung“ verhaftet.

 

Deckblatt einer von Gustav Sobottka veröffentlichten Schrift, 1938, Repro Norbert Kozicki

 

Gustav Sobottka jun. wurde vom NKVD als angebliches Mitglied einer Hitlerjugend-Organisation verhaftet. Das „Hitlerjugend“-Komplott war ein Konstrukt des NKVD, das die Vorgabe umsetzte, eine nationalistische Organisation unter jungen deutschen Politemigranten „aufzudecken“, wie dies eine im Zuge der Entstalinisierung abgegebene Erklärung eines ehemaligen NKVD-der Moskauer Hitler-Jugend (1938) bezeugt: „Ich halte es für möglich, dass es unter den verhafteten jungen Deutschen einige der Sowjetunion feindlich gesinnte Elemente gab. Aber der überwiegende Teil von ihnen wurde grundlos verhaftet. […] Im Ganzen war die Organisation ‚Hitler-Jugend‘ […] künstlich geschaffen.“ (Tischler: Flucht in die Verfolgung, S. 106–109). Siehe auch: Dehl: Verratene Ideale, S. 169–278; Hans Schafranek: Am Beispiel der Moskauer Hitler-Jugend (1938). Mechanismen des Terrors der stalinistischen Geheimpolizei. In: Jahrbuch Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (1999), S. 124–160.

Gustav Sobottka jun. wurde schwer gefoltert und nach langem Widerstand am 9.3.1938 zu einer frei erfundenen, sich selbst und andere belastenden Aussage gezwungen, die er jedoch am 29.12.1938 schriftlich widerrief. Er bestätigte den Widerruf am 4.2.1939, worauf die Anklage gegen ihn dem Militärkollegium zur Überprüfung übergeben wurde. Während seine Eltern im Juni 1939 die unrichtige Auskunft erhalten hatten, es werde gegen ihren Sohn mangels Belastungsmaterial keinen Prozess geben, beschloss das Militärkollegium im Oktober, der Anklageschrift stattzugeben. Sobottka jun. wurde jedoch davon nicht in Kenntnis gesetzt und weiter in Haft gehalten, sein letztes Gesuch um Akteneinsicht stammt vom 13.4.1940. Er starb am 22.9.1940 in der Haft. (Mensing: Von der Ruhr in den GULag, S. 160–165).

 

Eröffnungsseite einer von Gustav Sobottka veröffentlichten Schrift, 1938, Repro Norbert Kozicki

 

Gustav Sobottka sen., der über einen freigelassenen Häftling davon erfuhr, wandte sich an die Parteiorgane sowie an Dimitrov, um die Todesursache in Erfahrung zu bringen und den Leichnam zur Beerdigung zu erhalten. Am 2.4.1941 schrieb Dimitrov an den NKGB-Vorsitzenden Vsevolod Merkulov, um sich für die Bitte Sobottkas einzusetzen. Merkulov antwortete am 23.5.1941, Sobottka sei eine Bescheinigung über die Todesursache seines Sohnes überreicht worden, die Leiche sei jedoch bereits kremiert. Am 16.6.1941 ließ Dimitrov über andere deutsche Kommunisten Sobottka davon in Kenntnis setzen (siehe: Lebedeva/Narinskij: Komintern i Vtoraja mirovaja vojna, I, S. 214).

1961, acht Jahre nach Stalins Tod, wurde Hans Boden alias Gustav Sobottka jun. rehabilitiert, nachdem seine Mutter eine Eingabe an die sowjetischen Behörden richtete.

Im Rahmen einer mir vorliegenden Dissertation am Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED stellte die Autorin Helga Albert 1977 die Behauptung auf, dass Gustav Sobottka jun. in Nazi-Deutschland umgekommen ist, 16 Jahre nach seiner Rehabilitierung. Damit wurde die Lebensgeschichte der kommunistischen Familie Sobottka in wesentlichen Teilen in der ehemaligen DDR ausgeblendet.

Norbert Kozicki

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