Als im Stadtgarten noch Kühe weideten

Erinnerungen an das alte Wanne — erzählt von Martha Schalke

Lange noch, nachdem die Gelsenkirchener BAG unseren alten Hof, früher Feldstraße Nr. 7, anfangs des 20. Jahrhunderts im Zuge der Industrialisierung erworben hatte, zog es uns immer wieder in die dortige Gegend. So gingen wir als Kinder oftmals mit unseren Eltern durch den Wanner Volksgarten — wie er anfangs hieß — spazieren.

Kaisergartensaal, Postkarte, um 1912, Repro Stadtarchiv Herne
Kaisergartensaal, Postkarte, um 1912, Repro Stadtarchiv Herne

Dabei kamen der älteren Generation viele Erinnerungen an frühere Zeiten, als dort noch auf saftigen Wiesen unsere Kühe und Pferde weideten. Von der höchsten Erhebung des Parkes konnte man das Wohnhaus mit den beiden großen Kastanienbäumen davor noch viele Jahre sehen, bis es schließlich beim Bau der Zechenkolonien abgebrochen wurde. Anlässlich eines solchen Spazierganges war meinem damals etwa dreijährigen Neffen auch erzählt worden, dass seine Mutter dort geboren sei. Dieses ‚dort‘ nämlich, das alte Wohnhaus, lag aber noch nicht im Blickfeld des kleinen Dreikäsehochs. Als er daher nach einiger Zeit wieder einmal an der Hand meiner Tante auf der bewussten Anhöhe stand, sagte er plötzlich aus tiefem Nachdenken heraus: ‚Ist hier die Mama geboren?‘ Dabei zeigte sein fettes Zeigefingerchen auf eine vor ihm liegende Blockhütte, die zu jener Zeit den Hügel Zur schönen Aus­sicht zierte und anscheinend einen verlässlichen Eindruck auf den kleinen Mann machte.

Saalbau und Stadtgarten, um 1925, Foto Stadtarchiv Herne
Saalbau und Stadtgarten, um 1925, Foto Stadtarchiv Herne

Von einem aufregenden Ereignis kurz nach der Geburt meiner Schwester ließen wir uns noch immer gern an Ort und Stelle berichten. Als nämlich zwei auswärtige Taufgäste, eine ältere Tante mit dem 6 Monate alten Kusinchen, wieder heimfahren wollten, sollten sie mit dem Wagen zum Bahnhof Wanne gebracht werden. Kaum war aber das Gefährt aus dem Hoftor her­aus, da scheute das erst kürzlich neu erstandene Wagenpferd, ein feuriges Vollblut. Wie sich später herausstellte, hatte es eine unüberwindliche Abneigung gegen den allerdings üblen Geruch von Knochenmehl, das zum Düngen des Ackers frisch gestreut war. Jedenfalls brauste das wildgewordene Tier vor den entsetzten Augen der Zurückbleibenden wie besessen davon. Mein Vater, der zum Glück selbst auf dem Bock saß, lenkte zunächst den Wagen von dem holprigen Feldweg in die tiefer gelegene weiche Wiese, um das höllische Tempo zu bremsen. Unglück­licherweise kam aber eine scharfe Wegbiegung dazwischen, sodass der Wagen kippte und sämt­liche Insassen auf die Wiese flogen. Meine jüngere Tante landete zuerst unten. Sie trug eine Wunde an der Stirn davon, weil sie mit dem Haken des Wagenverdecks in unlieb­same Berührung gekommen war. Auch eine üble Prellung an Arm und Knie machte ihr noch lange nachher zu schaffen und dient ihr noch heute in ihrem 82. Lebensjahr als untrügliches Signal für Witterungsumschwünge. Mein Vater musste wohl bei seinem hohen Sturz vom Bock mit dem Schienbein auf den neben ihm stehenden kleinen Reisekorb aufgeschlagen sein, was eine empfind­lich schmerzende Knochensplitterung verursacht hatte. Am besten war glücklicherweise das Baby bei dem Malheur davongekommen. Unter den Fittichen seines Schutzengels war es auf den weichen, dicken Wollmantel meiner Tante ge­fallen und vergoss in Unkenntnis der Sachlage nicht einmal ein Schreckenstränchen.

Drei-Kaiser-Brunnen im Wanner Stadtgarten, 1901, Foto Stadtarchiv Herne
Drei-Kaiser-Brunnen im Wanner Stadtgarten, 1901, Foto Stadtarchiv Herne

Umso größer war der Schock der hastig zur Hilfe herbeieilenden Großmutter, Mutter und Hof­leute, die alles mitangesehen und doch nicht verhindern konnten. Und was war inzwischen aus unserem Heiß­sporn geworden? Als er merkte, dass alles Be­lastende herausgeworfen und der Wagen recht leicht geworden war, hatte er ihn mit einem Ruck wieder auf die vier Räder zurückgebracht. Jetzt galoppierte er in voller Kraft die Wilhelmstraße entlang auf die Hauptstraße zu. Ehe er noch mehr Unheil anrichten konnte, fand sich endlich ein Kutscher, der geistesgegenwärtig sein Fuhrwerk quer über die Fahrbahn stellte und damit den aufgeregten Gaul endlich zum Still­stand brachte. Der Wagen war merkwürdiger­weise bis auf die Kotflügel unversehrt geblieben. Mein Vater aber hatte von dieser einen Probe­fahrt genug. Man suchte für das sonst so gängige Pferd einen Käufer, bei dem sich seine ‚Idiosyn­krasie‘ gegen den Geruch von Knochenmehl nicht schädlich auswirken konnte. So wechselte der Wallach in die Eickeler Brauerei Hülsmann hinüber, wo er zur Zufriedenheit seines neuen Besitzers seine Pflicht erfüllte.

Der Text wurde von Gerd Biedermann entdeckt und für das Digitale Geschichtsbuch aufbereitet.

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