Aus dem Dorf Herne — als man noch Wegegeld zahlte

Von Cremers Hof an bis hinunter zum Schloss Strünkede war die Bahnhofstraße gänzlich frei von Häusern. Rechts und links von ihr befand sich je ein Graben, um das Regenwasser aufzunehmen. Hatte es eine Weile mal nicht geregnet, dann stand darin eine schmutzige, trübe Brühe, die weithin die Luft verpestete. Der Stallgeruch der vom Dörfchen um die alte Dionysiuskirche herübergeweht kam, war dagegen ein Wohlgeruch, war er doch das Fluidum eines ackerbautreibenden Dorfes.

Vor 150 Jahren war die jetzige Bahnhofstraße schon befestigt, und zwar im Zuge des Ausbaus der Überlandstraße Münster, Haltern, Recklinghausen, Herne, Bochum und weiter. 1839 -1841 wurde diese Straße gebaut. So erhielt Herne eine direkte Verbindung mit Bochum, die sonst durch den Steinweg, Wiescherstraße, Constantin über Hiltrop führte, also einen ganz beträchtlichen Umweg machte. Nun könnte auch die Route der Personenpost Bochum – Herne – Recklinghausen die neue Straße benutzen, was in jeder Beziehung angenehmer war. Warum? Das ist leicht erklärt.

Bis zu den erwähnten Jahren sahen die Straßen auch in Herne trostlos aus, auch noch viel später. Ausgebaut war eigentlich nur der Steinweg, deswegen mussten die Fuhrleute hier ein Wegegeld zahlen, und zwar an der jetzigen Wirtschaft Hirdes.
Breit und vollkommen ausgefahren lagen die Herner Straßen in der Landschaft. Hatte es geregnet, waren sie kaum passierbar. Jeder Herner besaß damals Schaftstiefel und eine Lampe, damit sie auch nötigenfalls in der Dunkelheit die ‚Straßen‘ benutzen konnten. Im Sommer wiederum war der Staub unerträglich.

Neben tief ausgefahrenen Radspuren lagen überall im Fahrdamm große und kleine Tümpel; man kann sich vorstellen, wie die Personenpost schaukelte. Achsenbrüche waren natürlich an der Tagesordnung. An den Stellen, wo ein Nebenweg in unsere jetzige Bahnhofstraße einmündete,
war der Morast besonders groß, weil hier die Wagen einen Bogen machen mussten um einbiegen zu können. Dadurch entstanden Vertiefungen, in denen sich das Wasser ansammelte. Wurde das Wetter schlimm, so packte man hier abgehauene Baumäste aufeinander und schüttete Erde darauf. Dann ging es mal wieder eine Weile.

Ab und zu raffte man sich dazu auf, auch aufgespaltene Baumstämme nebeneinander zu legen. Das war natürlich sehr praktisch, denn Pferde und Räder fanden einen festen Halt. Noch heute stecken in der Bahnhofstraße an der Einmündung in die alte Shamrockstraße, an der Neustraße und Von-der Heydt-Straße, Reste dieser Baumstammlagen, die bei gelegentlich tiefer greifenden Arbeiten angetroffen werden.
Nicht nur die jetzige Bahnhofstraße befand sich in einem trostlosen Zustand, sondern auch z. B, der sogenannte Juckweg, die heutige Von-der-Heydt-Straße. Um 1875 machte sich ein Herner darüber lustig und schrieb unter anderem:

‚Sie haben eine Leiche im Transport, auf einmal war der Tote fort.‘ Damit sollte gesagt werden, dass der Leichenwagen wegen der vielen Löcher im Juckweg hin- und herschwankte. Dazu noch eine Überlieferung eines alten Herners, der folgendes berichtete: Seine Mutter habe ihm erzählt, dass an ihrem Tauftag auf der jetzigen Bahnhofstraße der Wagen auseinandergebrochen sei und zwar sei das Vorderteil abgerissen, wodurch die gesamte Taufgesellschaft mit dem Wagenhinterteil nach vorn gekippt sei, der Kutscher aber habe erst auf lautes Zurufen gemerkt, was geschehen war. Schließlich sei man auf Schusters Rappen zur alten Kirche auf dem jetzigen Haranniplatz gegangen.

 

Gruß aus Herne, Postkarte, um 1900, Repro Stadtarchiv Herne
Gruß aus Herne, Postkarte, um 1900, Repro Stadtarchiv Herne

 

Die ursprüngliche Bahnhofstraße besaß nur eine Fahrbahn, denn wegen mangelnden Fußgängerverkehrs waren Bürgersteige überflüssig. An ihr standen beiderseits hohe Pappeln, die schon aus kilometerweiter Entfernung zu sehen waren. Hinter den Pappeln lagen die Abflussgräben, worauf unsere heutigen Bürgersteige liegen!
Als lange nach 1850 allmählich einzelne Häuser daran entstanden, waren die Pappeln den Einwohnern im Wege, aber trotz vieler Eingaben war die Provinzial-Straßenbauverwaltung nicht zu bewegen, diese abhauen zu lassen. Besonders lästig empfundene Pappeln wurden dann einfach zum Absterben gebracht, erst 1880 verschwanden diese Bäume gänzlich.

Die in den ersten Jahrzehnten nach 1890 entstandenen Häuser an der Bahnhofstraße waren in Fachwerkmanier gebaut, aber mehrstöckig. Es ist wohl keins mehr davon vorhanden oder es ist umgearbeitet und auf modern verputzt.
Ein Blick auf die jetzigen vielen Häuser in der Bahnhofstraße belehrt uns, dass sie alle gegen Ende 1800 und Anfang 1900 gebaut worden sind, im Stil jener Jahrzehnte. Fraglos wird sie immer moderner und in weiteren 50 Jahren wird sie ihr heutiges Gesicht vollständig verändert haben, zumal nichts beständiger ist als der Wechsel.

Der Text wurde von Gerd Biedermann entdeckt und für das digitale Geschichtsbuch aufbereitet.

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