Vom Feldweg über die Violin- zur Kampstraße

Zur Geschichte der Kampstraße

‚Kampstraße, Kampstraße? – Moment­ mal, wo liegt die doch?‘ Und angestrengt legt der Angeredete seine Stirn in Falten, wenn er einem Fremden Auskunft geben soll. Wie viele Herner mag es geben, die auf Anhieb sagen können, wo diese Straße war? Dabei ist die Kampstraße nicht irgendwo weit draußen. Gegenüber der Viktor-Reuter-Straße, von der Bahnhof­straße abzweigend, befand sie sich so­gar im Zentrum unserer Stadt. Die al­ten Herner unter uns wissen natürlich Bescheid, denn als Herne, noch klein war und sich erst entwickelte, war die Kamp­straße eine Straße von einiger Bedeu­tung. Über dies dürfte sie mit eine der ältesten Straßen Hernes gewesen sein.

Nie mehr als 15 Häuser

Ursprünglich war die Kampstraße ein Weg wie manch andere Straße auch, aus denen dann ein moderner Verkehrsweg mit breiten Bürgersteigen, Kopfpflaster, Straßenbahnschienen und Obusleitung wurde. Als sie den Charakter einer Straße annahm erfand man für sie einen höchst poetischen Namen: Violinstraße. Möglicherweise wusste man nichts Rechtes mit diesem Namen anzufangen. Es erfolgte eine Umtaufung, Feldweg oder Feldstraße wollte man wohl nicht wieder sagen, und so kam man auf den Gedanken, das Lateinische in Anspruch zu nehmen. Im Lateinischen bedeutet Kampus Feld. Und aus der alten Feldstraße wurde die Kampstraße. Das mag etwa in den 1880er Jahren gewesen sein. Um 1870 standen dort sieben alte Fach­werkhäuser, von denen auch heute noch vier erhalten sind. Auf mehr als 15 Häuser hat es die Kampstraße nie ge­bracht und wird sie es wohl auch nicht bringen.

Blick in die Kampstraße, Repro Gerd Biedermann

Der Chronist blättert . . .

Wenn man von der Bahnhof­straße in die Kampstraße blickte, atmete sie Stille und Ruhe. Kaum ein Auto kam auf den Gedanken, hier durch­zufahren und die Radfahrer mieden das Katzenkopfpflaster, das noch aus dem Jahre 1890 stammte. Mit der Geschichte unserer Stadt, in der sie bis heute noch nicht erwähnt wurde, ist die Kampstraße eng verbunden. Pickelhauben contra Kumpels. Als damalige Miniatur-Pütt Von der Heydt noch eine Groß-Zeche dar­stellte, wohnten in jedem der Häuser der Kampstraße zwei oder drei Hauer von ‚Von der Heydt. Kein Wunder auch, daß die Königliche Gendarmerie bei Bergarbeiter-Streiks und am 01. Mai in den Jahren von Kaiser Wilhelm II. auf die Kampstraße ein besonderes Auge warf. Überdies wusste man bei den Polizeistellen genau, dass hier eine An­zahl Funktionäre des Alten Bergarbeiterverbandes wohnten und die Zeitungs­botin des ‚Volksblattes‘, dem Organ der SPD, auch hier eine Anzahl treuer Abonnenten hatte. Besser als ihr Ruf, fast vergessen ist, dass die kleine Kampstraße ein getreues Spiegelbild der ungesunden wirtschaftlichen Verhältnisse war und vom ‚Spießbürger‘ möglichst gemieden wurde. Zwei Pferdemetz­gereien befanden sich in der Straße. An den Tagen der Musterung war hier das Leben besonders lebhaft. Die singenden und schwankenden Gestalten der blu­mengeschmückten Gemusterten nahmen in den ‚Speisezimmern‘ der Pferde-Schlächtereien einen stärkenden Imbiss zu sich. Ferner gab es in drei der fünf­zehn Häuser einen Flaschenbierverkauf, der besonders an Lohn- und Zahltagen florierte. Ein besonderes Haus war für Sinti und Roma bereitgestellt.

Über einen Kamm geschoren

An dem Ruf der Straße trugen die Behörden selbst Schuld. Alles, was man nicht in anderen Straßen sesshaft machen wollte, wurde dahin abgeschoben. Dazu gehörten auch Kohlenfuhrleute. Such­ten die plempentragenden Ordnungshüter jemanden, ging ihr erster Weg zur Kampstraße. Unglücklicherweise trug sich kurz vor dem Ersten Weltkrieg in ihr ein Mord zu. Einige Selbstmorde vorher und nachher ruinierten das An­sehen der kleinen Straße vollends. Dabei waren die Menschen, die in ihr wohnten, nicht besser und nicht schlech­ter als die von anderen Straßen. Sie arbeiteten fleißig, verfuhren ihre Schich­ten und waren treue Kirchgänger. Viele verbanden mit ihrer politischen und ge­werkschaftlichen Überzeugung reinsten Idealismus und das Bestreben, die Menschheit aus dem Elendstal in bessere Verhältnisse zu bringen. Der satte Bürger ging durch die Straßenzeile mit einem Gefühl des Gruselns und behörd­liche Maßnahmen verstärkten es. Schwarze Schafe gibt es überall. Aber in Bezug auf die Kampstraße wurde alles über einen Kamm geschoren.

Kampstraße, Ecke Bahnhofstraße, Repro Gerd Biedermann; Zur Geschichte des Nordsee-Hauses siehe Mortiz Gans

Der Siegeslauf des modernen Verkehrs­mittels

Aus der Fülle der Ereignisse sei noch erwähnt, daß in der Kampstraße Hernes erste Fahrradreparaturwerkstatt durch Neumann eingerichtet wurde. Die Auto-Firma Bendix machte die staunenden Herner von hier aus mit dem ersten Automobil bekannt, das noch auf Vollgummireifen dahintuckerte. 1974 ist die Kampstraße wegen der Erneuerung des Stadtkerns verschwunden. So hat auch diese Straße ihre Geschichte.

Der Text wurde von Gerd Biedermann entdeckt und für das Digitale Geschichtsbuch aufbereitet.

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