Der Fall des Krummen Hundes

„Der Krumme Hund ist gefallen. Am Mittwochnachmittag wurde der historische Hafenkran im Wanner Westhafen von seinem Sockel gestoßen.“ So berichtete die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) vom 15. März 2012 über den Abriss des ehemals denkmalgeschützten Brücken- und Wippkrans der Wanner-Herner Eisenbahn und Hafen GmbH (WHE). Der Kran, der wegen seiner Form schnell von der Wanne-Eickeler Bevölkerung Krummer Hund genannt wurde,  musste – 85 Jahre nach seiner Inbetriebnahme – der Errichtung eines neuen Container-Terminals weichen.

Mit der Eröffnung des Rhein-Herne-Kanals im Juli 1914 wurden zeitnah die meisten Kanalhäfen des rheinisch-westfälischen Industriegebietes in Betrieb genommen. Auf einer ca. 39 km langen Wasserstraße befanden sich 20 Häfen, die zumeist dem reinen Kohleverkehr dienten.

Der Westhafen mit Krummen Hund, 1950er Jahre, Foto Stadtarchiv Herne
Der Westhafen mit Krummen Hund, 1950er Jahre, Foto Stadtarchiv Herne

Die Anlage der Hafenbetriebsgesellschaft Wanne-Herne m. b. H. mit Sitz in Wanne nahm beim Kohleumschlag unter den Kanalhäfen den ersten Platz ein.

Als sich am 01. April 1926 die politischen Gemeinden Wanne, Eickel und Röhlinghausen zur Stadt Wanne-Eickel zusammenschlossen, war die Gesellschaft ein hundertprozentiges Unternehmen der Städte Herne und Wanne-Eickel.

Das unmittelbare Einzugsgebiet des Wanner Westhafens umfasste die Städte Wanne-Eickel, Herne, Bochum und Recklinghausen.

Die in diesem Gebiet gelegenen Bergbauunternehmen wie die Gewerkschaft Ewald, die Zechen Schlägel & Eisen, General Blumenthal, Shamrock, Constantin, Hannibal, Hannover und Königsgrube führten über die Kleinbahn der Hafenbetriebsgesellschaft ihre gesamte zu verschiffende Kohle dem Westhafen in Wanne-Eickel zu. 1926 erreichte der Jahreskohleumschlag des Westhafens 2.286.505 Tonnen.

Durch ein Überangebot auf dem Kohlemarkt und die Nachfrage nach bestimmten Kohlesorten- und -qualitäten wurden eine Erweiterung und der Umbau der gesamten Hafenanlage notwendig. Neben der Schaffung eines neuen Hafenbeckens legte man auf eine gut ausgebaute Bahnanlage Wert.

Nach Fertigstellung der Hafenanschlussbahn wurde im Oktober 1928 das neue Hafenbecken für den Umschlagbetrieb freigegeben.

Bereits ein Jahr zuvor ging am nördlichen Ufer des Stichkanals ein neues Brückenkransystem mit drei fast baugleichen, elektrischen Brücken- und Wippkränen in Betrieb. Diese sollten die Nachteile des vorhandenen Portalkransystems minimieren.

Krummer Hund, 1950er Jahre, Foto Stadtarchiv Herne
Krummer Hund, 1950er Jahre, Foto Stadtarchiv Herne

Der Krumme Hund, bei der Hafenverwaltung unter Kran 4 geführt, war einer dieser neuen, modernen Kräne, die im Vergleich zu den Portalkränen einige Vorteile wie geringere Seillänge, effizientere Lastenbeweglichkeit, geringere Motorenleistung  für die Einziehbewegung und bessere Stabilität aufwiesen.

Der Krumme Hund diente im Besonderen dem Kies- und Sandumschlag. Ab 1945 arbeitete er an gleicher Stelle bis zum Jahr 1997 auch für die Kohleseparationsanlage. Zum Schluss wurde er zur Verfüllung des nördlichen Beckens des Westhafens eingesetzt. Nach Außerbetriebstellung stand der Kran als baulicher Solitär an alter Stelle auf einem Gleisfragment, ca. 100 m östlich der Recklinghauser Straße.

Straßenkarte Ruhrgebiet mit Krummen Hund und Mond von Wanne-Eickel, 1964, Foto Stadtarchiv Herne
Straßenkarte Ruhrgebiet mit Krummen Hund und Mond von Wanne-Eickel, 1964, Foto Stadtarchiv Herne

Da der alte Brückenkran für die Entwicklung der Arbeits- und Produktionsverhältnisse stehe und außerdem ein Identifikationsmerkmal für den Hafen und die Menschen aus der Umgebung sei, wurde der Krumme Hund, bestätigt durch Urteil des Verwaltungsgerichts Gelsenkirchen vom 12. September 2002, in die Liste der Baudenkmäler der Stadt Herne unter der Listennummer 639.1-63/DL-99 rechtskräftig aufgenommen.

Um das Denkmal herum entstanden im Bereich des verfüllten Hafenbeckens ein Terminal für einen „kombinierten Verkehr mit Containerlager- und -umschlagplätzen“ sowie Bürogebäude.

Wegen gestiegener Umschlagszahlen plante die WHE ein neues Container-Terminal, das allerdings nur bei Aufgabe des denkmalgeschützten Kranstandortes realisierbar war. Die in wirtschaftliche Schieflage geratene WHE sah sowohl aus finanzieller als auch räumlicher Sicht keine Möglichkeit, den Kran durch Verlegung  zu retten.

Der Krummer Hund als Industriedenkmal, 2011, Foto Stadtarchiv Herne
Der Krummer Hund als Industriedenkmal, 2011, Foto Stadtarchiv Herne

Aus diesem Grunde wurde der Krumme Hund  2011 aus der Denkmalliste gestrichen.

Die Streichung aus der Denkmalliste und der beschlossene Abriss führten zu einer hitzigen Debatte, denn im Fall Krummer Hund standen sich widerstreitende Interessen wie die emotionale Bindung an ein Industriedenkmal, wirtschaftliche Zwänge und der Erhalt von Arbeitsplätzen gegenüber.

Nachdem Anfang Januar 2012 der geplante Abbau bekannt wurde, formierte sich eine Bürgerinitiative, die sich für den Erhalt des Krummen Hundes einsetzte. Auf der anderen Seite gab es ein „Plädoyer für Abriss“, wie die WAZ vom 30. Januar 2012 titelte.

„Es gibt keine realistische Alternative zum Abriss, weil sonst viele Arbeitsplätze in Gefahr wären“ appellierte die Geschäftsführung der WHE an die Öffentlichkeit und warb um Verständnis. Auch der Betriebsrat der WHE sah keine Alternative, da es auch darum ginge, neue Arbeitsplätze zu schaffen. Weil Dortmund ebenfalls ein neues Terminal plane, war aus Sicht des Betriebsrates ein Aufschub nicht denkbar, da die WHE ansonsten ihren Wettbewerbsvorsprung von zwei Jahren verlieren würde.

Derweil schlug die Gesellschaft für Heimatkunde Wanne-Eickel e. V. unter anderem vor, dass ein Sponsor für einen Standortwechsel und Restaurierung des Kranes gewonnen werden soll. Hauptsponsor könnte z. B. der Stromanbieter Yellow Strom sein, so die Gesellschaft. Der restaurierte Kran könnte dann den Schriftzug „Von Yellow Strom ins rechte Licht gerückt“  tragen.

Anfang Februar 2012 schließlich traf sich in der Künstlerzeche Unser Fritz eine Gruppe von ca. 40 Personen für die Rettung des Krummen Hundes. Auch der Betriebsratschef der WHE nahm als Gegenpart daran teil.

Konsens war, dass der Kran an seinem Standort nicht stehen bleiben konnte. Alternativ wurden Plätze in der Nähe des Heimatmuseums und an der Künstlerzeche vorgeschlagen.

Um die Gruppe finanziell und personell zu unterstützen, funktionierte die Initiative den Verein „Haus Crange“ durch Satzungsänderung zum „Förderverein zur Rettung des Krummen Hundes“ um.

Schließlich wurde eine Petition an den entsprechenden Ausschuss in Düsseldorf gerichtet. Ziel der Petition war es, den Kran wieder in die Denkmalliste aufzunehmen und einen zeitlichen Aufschub zu erlangen.

Der Krumme Hund ist gefallen, 14.03.2012, Foto Roland Schönig
Der Krumme Hund ist gefallen, 14.03.2012, Foto Roland Schönig

Alle Aktivitäten waren ohne Erfolg. Am 13. März 2012 begannen die Arbeiten zum Abriss des Krummen Hundes. Einen Tag später war dieses Wanner Wahrzeichen gefallen.

Das neue Container-Terminal mit zwei Portalkränen wurde am 06. Februar 2013 offiziell eingeweiht.

Jürgen Hagen

Quellen:

Stadtarchiv Herne:

  • Dokumentationsbibliothek: Sammlungen Rhein-Herne-Kanal und WHE Dokumentation des Brückenkrans (Kran 4) „Krummer Hund“
  • Postkarten- und Fotosammlung, Sammlung „Stadtwerbung“
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