Außer Rand und Band

1956: Halbstarken-Bewegung in Wanne-Eickel

„Das wäre also der Film, der die Jugend Amerikas und Englands außer Rand und Band gebracht hat. In Bochum war es gestern genauso. Man trampelte, klatschte, schrie, pfiff und gab einer besonders wilden und heißen Tanzeinlage sogar einige Schreckschüsse ab. Ob das der Sinn des Filmes ist ? Nun, wir wollen uns darüber lieber keine Gedanken machen. Rock`n´Roll heisst der Bazillus, der durch den Streifen geistert und die jugendlichen Massen in Ekstase bringt,“ formulierte der Journalist der Westfälischen Rundschau in der Bochumer Ausgabe vom 6. Oktober 1956 in der Filmkritik über den Streifen „Rock around the Clock“, der in jenen Tagen in den Kinos anlief.

Bereits zwei Tage früher frozzelte der Kollege von den Ruhr-Nachrichten: „Deutschlands Kinobesuche gehen herrlichen Zeiten entgegen. Alles, was in den letzten Wochen unter Sammelbegriff ´Halbstarke´ zusammengefasst wurde, wird vor ihren Kassen Schlange stehen. Die Jazz-Fans verschlucke schon seit Monaten die Berichte über eine Welle, die ohne Haltezeichen aus Amerika kommt, England bereits überspült und Westdeutschland gerade erreicht hat. Sie nennt sich Rock´n´Roll.“

 

Werbung in dem Filmprogrammheft 'Illustrierte Filmbühne', Foto Norbert Kozicki
Werbung in dem Filmprogrammheft ‚Illustrierte Filmbühne‘, Repro Norbert Kozicki

 

Am Freitag, den 2. November 1956 lief der Film „Rock around the Clock“ in Wanne-Eickel an. Der von den Jugendlichen heiß erwartete Streifen wurde von der Geschäftsführung der Kammerspiele mit folgender Filmkritik angekündigt:

„ Turbulenter als hier kann es in einem Tanzmusikfilm kaum hergehen. Da kredenzen die weltberühmten Jazzbands Bill Haley und seine ´Comets´, Tony Martinez, The Platters und Freddie Bell und seine ´Bellboys´einen feuerfarbenen Strauß aufreizender und dissonanzreicher Rhythmen. Die Folge der nervenkitzelnden schrägen Leckerbissen wird durch eine spielfilmähnliche Handlung verbunden, die zugleich die Karriere der Bands illustriert. Und wenn dieser Hexenkessel bizarrer, wiehernder, prustender, näselnder, sprühender und quirlender Töne die öligen, samtfarbenen Songs ablöst und sich zu sinnverwirrenden Höhepunkten steigert, dazu die Solisten ihre groesken Untermalungsexzesse starten – dann gibt es kein Halten mehr: auf der ganzen Linie siegt die ´schräge Linie´, die Begeisterung der Jazzfans kennt keine Grenzen, so dass in dem Tohuwabohu johlender, pfeifender, singender, händeklatschender, strampelnder, freudeschluchzender Begeisterung selbst Patronenschüsse kaum zur Wirkung kommen. Alles ist eben außer Rand und Band.“

Dieses Dokument der Zeitgeschichte lässt erahnen, welche Phantasien diese Filmankündigung bei Eltern, Erziehern, Lehrern und Polizisten im Nachkriegsdeutschland entstehen ließ. Die Wanne-Eickeler Jugendlichen entdeckten ihre Fähigkeit zur spontanen Organisation. In den Betrieben des Stadtgebietes wurde durch Flüsterpropaganda für den Kinobesuch geworben. „Kommst du Samstagnachmittag auch zu den Kammerspielen ?“ war die meist gestellte Frage unter den Jugendlichen. Zur gleichen Zeit verteilten „Hintermänner“, so die Lokalpresse, Handzettel, in denen zum Krawall in Wanne-Eickel aufgerufen wurde.

 

Zeitungswerbung, Foto Norber Kozicki
Zeitungswerbung, Repro Norbert Kozicki

 

Am Samstagnachmittag erschienen im Kino „Kammerspiele“ an der Hauptstrasse Jugendliche, die sechzig Eintrittskarten für die 18-Uhr-Vorstellung kauften. Die Besitzerin des Filmtheaters, die Zwischenfälle befürchtete, benachrichtigte die Polizei, die einen Funkstreifenwagen zum Ort des Geschehens schickte. Die ersten Kinobesucher kamen im Gänsemarsch zum Filmtheater. Während der 18-Uhr-Vorstellung war der Teufel los: Schreien, Toben, Pfeifen, Tuten und Fahrradklingeln gebleiteten das Rock´n´Roll-Theater in den Kammerspielen.

Eine Erinnerung aus den fünfziger Jahren:

„Ansonsten haben wir von Anfang bis Ende nur gebrüllt und geschrien und mitgegröhlt und mitgesungen. Also, was die da vorn gemacht haben, konnte kein Mensch mehr hören…Und trotzdem sind wir rausgegangen und haben gesagt: Mensch, das war mal wenigstens was.“

Deshalb irrte sich der damalige Lokalreporter gewaltig, wenn er berichtete, dass die Besucher nicht viel Freude an der Vorstellung gehabt hätten. Die Erinnerung beschreibt den Wunsch der damaligen Jugendlichen, die während des Zweiten Weltkriegs und der Hungerjahre nach 1945 aufwuchsen, endlich etwas zu erleben. Viele Erwachsene waren mit dem Wiederaufbau Deutschlands beschäftigt und fröhnten der Devise „Schaffe, schaffe, Häusle baue“.

Der Rock´n´Roll als erste Form der Rockmusik entsprach voll und ganz dem jugendlichen Erlebnishunger. Deshalb kann Rock´n´Roll nicht nur als Musikform betrachtet werden. Das Mitschwingen und Mitschreien bedeuteten Spass, gehörten mit zu einem neuen Lebensgefühl. Mit „Das tut man nicht“ im Kopf lebten die Jugendlichen im Adenauer-Deutschland, umstellt von Verboten und Geboten. Rock´n´Roll bildete in jenen Tagen eine Quelle der Befreiung. Raus aus dem Alltagstrott hieß die Devise.

Nach der 18-Uhr-Vorstellung versammelten sich über zweihundert Jugendliche auf der Strassenkreuzung Haupt-/Goethestrasse, der heutigen Dürerstrasse und blockierten den Strassenverkehr. Die bereits anwesende Polizei schritt ein und drängte die Jugendlichen in Richtung Wanne-Mitte ab. Zerstörte Fensterscheiben und demolierte Strassenlaternen blieben zurück. Erst die Festnahme von zehn Jugendlichen beendete an diesem Samstagabend die sogenannte Rock´n´Roll-Randale in Wanne-Eickel.

 

Bill Haley in Aktion, Foto Norbert Kozicki
Bill Haley in Aktion, Repro Norbert Kozicki

 

„Auffallen um jeden Preis war die Devise für eine Rock´n´Roll-gefüllte Stunden für eine Portion junger Wanne-Eickeler,“ fasste die Lokalpresse ihr Unverständnis den Jugendlichen gegenüber zusammen.

Diese Ereignisse blieben nicht ohne jugendpolitische Folgen. Der damalige Vorsitzende der Sozialistischen Jugend Deutschlands-Die Falken und spätere Landtagsabgeordnete Helmut Hellwig lud die sogenannten Halbstarken zu einer Diskussionsrunde ins Jugendheim Heisterkamp ein.

Hellwig schrieb: „ Der Krawall am Samstagabend der sogenannten Halbstarken hat auf die gesamte Jugend ein schlechtes Licht geworfen. Stimmen sind wieder lauter geworden, die froh sind, dass diese jungen Menschen bald eingezogen werden und somit endlich erzogen würden. (Anmerkung: Die Bundeswehr wurde gerade im Nachkriegsdeutschland mit der allgemeinen Wehrpflicht aufgestellt- N.K.) Glücklicherweise kann man die Jugendlichen, die diesen Krawall inszeniert haben, nicht als die gesamte Jugend bezeichnen. Wir, die Sozialistische Jugend, können es nicht verstehen, dass sich Menschen von ein paar Jazztönen so hinreißen lassen, dass sie andere Menschen anpöbeln und öffentliches Gut beschädigen. Wir glauben allerdings nicht, dass diese Jugendlichen, deren Rädelsführer uns bekannt sind, in Wanne-Eickel Gangstermethoden einführen wollen.

Wir möchten uns mit Euch, die Ihr den Krawall angezettelt habt, darüber unterhalten. Wir laden Euch hiermit ein, am Mittwoch, den den 7. November 1956, um 20 Uhr, im Jugendheim Heisterkamp mit uns darüber zu diskutieren. Wir hoffen, dass Ihr unserer Einladung Folge leistert. gez. Hellwig.“

Helmut Hellwig schien damals bereits zu ahnen, welche Gründe und Bedürfnisse die Jugendlichen zur Randale und zum Ausflippen trieb. In einem Pressegespräch mit der Wanne-Eickeler Zeitung vom 7. November 1956 erklärte er: „Wir sind keine Duckmäuser und Stubenhocker, eben sowenig wie die Jugendlichen anderer Verbände und der Sportvereine. Vielleicht arrangieren wir demnächst ein Jazz-Konzert und laden alle Fans dazu ein, warum nicht…Soll sich jeder an der Musik erfreuen. Deswegen braucht er noch längst nicht auf die Stühle zu steigen oder nachher Laternen einzuschlagen .“

Am gleichen Tag, dem 7. November 1956, fand das Gespräch im Jugendheim Heisterkamp statt. Die Rock´n´Roll bewegten Jugendlichen erschienen zur Überraschung einiger Zeitgenossen zu dieser Diskussionsrunde. Einige Skeptiker der schreibenden Zunft stellten fest, dass dort keine „Jimmy-Typen“ aufliefen, sondern eine Handvoll junger Wanne-Eickeler, „die um ihre Sorgen und Nöte wissen und Bereitschaft mitbringen aus ihrer inneren Zerrissenheit zu einer festen Linie zu finden“.

Die Chronisten berichten weiter, dass in ihren Diskussionsbeiträgen sehr klar und deutlich zum Ausdruck kam, wie diese Jugendlichen die Erwachsenen im Wirtschaftswunderland Westdeutschland erlebten. Ihre jugendeigene Reaktion: das Gefühl von Leere und Einsamkeit in einer Welt, die sich nur um materielle Dinge dreht.

Der damalige Jugendheimleiter Karrasch ergriff aus diesem Grund energisch Partei für die zunächst an den Pranger gestellten Jugendlichen. „Wir waren früher nicht schlechter und nicht besser. Auch wir haben Streiche gemacht. Man sollte die Jugend deshalb nicht verdammen, man muss sich um sie kümmern“, erklärte Karrasch programmatisch. Helmut Hellwig wies daraufhin, dass die ersten Krawalle um den Film „Außer Rand und Band“ aus Reklamegründen veranstaltet worden seien. Die Jugendlichen erläuterten, dass sie nicht immer am Gängelband geführt werden möchten. Die Zeiten der permanenten Bevormundung müssten ein für allemal vorbei sein. Früher habe man aus solchen „Jugendstreichen“ keine Staatsaktion gemacht, bemerkten die jungen Wanne-Eickeler.

Der damalige Stadtjugendpfleger Grewe bot den Rock´n´Rollern Unterstützung durch Rat und Tat an, z.B. sollten sie Gelegenheit bekommen, einen Raum im Jugendheim Heisterkamp selber gestalten zu können. Hellwig entwickelte den Vorschlag, einen weiteren Diskussionsabend zum Verhältnis von Jugendlichen zur Polizei zu organisieren, um auch dieses Verhältnis versuchsweise zu entkrampfen.

Der Berichterstatter der Wanne-Eickeler Zeitung erklärte angesichts dieser Diskussionsergebnisse:

„Jene Stimmen, die gegen den Übermut die Gewalt fordern, mögen schweigen…“

Zum Abschluss des Dialogs mit den Wanne-Eickeler Jugendlichen sangen alle zur Gitarrenbegleitung von Helmut Hellwig „Kein schöner Land“ und alle gingen friedlich nach Hause.

Norbert Kozicki, Oktober 1988

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