Großbrand bei den Chemischen Werken Hüls an der Shamrockstraße

5. August 1984 – 17.30 Uhr

Sommer 1984: Die Cranger Kirmes ist am ersten Wochenende im vollen Gang, während in Los Angeles die Olympischen Spiele stattfinden. Als jedoch am Sonntagnachmittag (5.8.1984) ein Gewitter über Herne hinwegzieht, ist es plötzlich mit der friedlichen Stille vorbei. Gerade erst ist Leichtathlet Carl Lewis nach seinem Weitsprung im weichen Sand gelandet, als um 17.30 Uhr ein Blitz auf dem Gelände der Chemischen Werke Herne der Hüls AG an der Shamrockstraße einschlägt. Mit einem scharfen Knall folgt eine gewaltige Explosion. Im Umkreis von 500 Metern gehen zahllose Fensterscheiben und Türen zu Bruch, Dachziegel landen auf den Straßen. Der mit 4.800 kbm leichtentzündlichem Isopropylalkohol gefüllte Tank 13 steht in Flammen. Sein tonnenschwerer Deckel (29 m Durchmesser) wurde zur Seite weggerissen und landete deformiert 50 Meter entfernt im Tanklager.

 

Großbrand bei den Chemischen Werken Hüls an der Shamrockstraße am 5. und 6. August 1984. Sammlung Stefan Kuhn
Großbrand bei den Chemischen Werken Hüls an der Shamrockstraße am 5. und 6. August 1984. Sammlung Stefan Kuhn

 

Es folgten ein Großeinsatz der Feuerwehr, die mehr als 27 Stunden gegen das lodernde Inferno kämpfte, und ein beispielloses Verkehrschaos rund ums Werk durch Scharen von Schaulustigen.

Vielen Hernern ist dieses Unglück lebhaft in Erinnerung geblieben, so auch Melanie Salzmann. Sie wohnte damals mit ihren Eltern in einem Mehrfamilienhaus unmittelbar hinter dem Werkszaun. Ihr Vater Günter Wilking war als Hauptbrandmeister bei der Werkfeuerwehr beschäftigt und hatte an dem Tag der Katastrophe Dienst: „Er und seine Kollegen wurden durch den Druck der Explosion in der nahegelegenen Feuerwache mehrere Meter durch den Raum geschleudert.“ Die damals Siebenjährige war überglücklich, als ihr Vater nach dem Einsatz unversehrt nach Hause kam.

 

 

Sie selbst war, wie viele andere, neugierig. Sie stieg auf den Dachboden des elterlichen Hauses. Dort konnte sie durch die weggeschleuderten Dachziegel hindurch das ganze Ausmaß des Feuers erkennen. „Es war so heiß da oben, dass man an einem nach draußen gehaltenen Stock hätte ein Würstchen grillen können.“ Derweil kreiste über der Siedlung und den Straßen dröhnend ein Polizeihubschrauber. Aus seinem Lautsprecher wurden die Anwohner aufgefordert, sicherheitshalber in den Wohnungen zu bleiben.

Dies taten jedoch nur wenige Anwohner, und sie zogen es vor, ihre Wohnungen im Gefahrenbereich schleunigst zu verlassen. Umgekehrt strömten viele andere zur Einsatzstelle, um das lodende Inferno aus nächster Nähe zu betrachten. An der Shamrockstraße 72, so erinnert sich Melanie Salzmann, kam es zu tumultartigen Szenen, als Schaulustige über die zerstörte Haus- und Wohnungstüren bei einer älteren Dame in die Dachgeschosswohnung eindrangen, um von dort direkt auf den brennenden Tank zu schauen. Die Besetzung nahm ein schnelles Ende, als ein beherzter Nachbar mit einem Beil aus seinem Gartenschuppen in der Hand die Eindringlinge vertrieb.

 

 

Die Polizei war, laut Augenzeugen, kaum in der Lage, das Verkehrschaos zu bändigen. So berichtet auch die WAZ: „Schaulustige blockierten mit ihren Fahrzeugen das Umfeld der Hüls-Chemie, verwandelten die Straßen der City in ein Chaos. Die Unvernunft feierte Triumphe. Tausende schoben sich immer dichter an die lodernde Fackel heran, ohne sich offenbar der gefährlichen Situation bewusst zu sein.“

Die zur Bekämpfung des Brandes alarmierten Hüls-Werkfeuerwehren der Standorte Herne und Marl wurden von den städtischen Feuerwehren aus Herne, Bochum und Recklinghausen unterstützt, wobei später auch der Herner ABC-Zug und das Technische Hilfswerk (THW) eingesetzt waren. Sämtliche Löschzüge der Freiwilligen Feuerwehr Herne waren im Einsatz. In der Spitze waren 142 Feuerwehrleute im Einsatz. Insgesamt waren 495 Kräfte am dem Einsatz beteiligt.

Die ersten Einsatzmaßnahmen konzentrierten sich zunächst auf das Kühlen der stählernen Tankhülle durch einen massiven Wassereinsatz. Auch die umliegenden Tanks 9 (900 kbm Äthanol) und 5 (6.000 kbm Äthanol) sowie ein Kugeltank mit 3.000 kbm Acetaldehyd wurden mit Wasser gekühlt, um eine weitere Brandausbreitung zu verhindern. Aus über 20 Rohren spritzten pro Minute 25.000 Liter Wasser. Insgesamt verlegten die Wehrmänner 30 Kilometer Schlauchleitungen, wobei das Wasser nicht nur von Anschlüssen auf dem Werksgelände sondern auch von öffentlichen Hydranten entnommen wurde.

 

 

Das zur Kühlung von Tank 9 eingesetzte Wasser ließ den Wasserstand in der Tanktasse erheblich steigen, wodurch seine Stahlhülle einseitig eingedrückt wurde. Kurzzeitig bestand die Gefahr des Auslaufens der leichtentzündlichen Äthanol-Füllung, die einen Flächenbrand am Rande der Innenstadt verursacht hätte. Zur Sicherung der angrenzenden Wohneinheiten an der Shamrockstraße und In der Helle wurden mehrere Schaumrohre stationiert. Ferner standen für eine eventuelle Wallaufhäufung zur Eindämmung eines Flächenbrandes große Räumgeräte zur Verfügung. Der Tank blieb aber trotz des starken Wasserdrucks dicht.

Ein rasches Löschen des Feuers am Sonntagabend durch Abdecken mit Schaum misslang. Trotz des Einsatzes von 57 kbm Schaummittel wurde der Schaumangriff bereits nach einer Stunde wieder eingestellt. Wegen der Intensität der Flammen und des damit verbundenen starken thermischen Auftriebs bildete sich kein geschlossener Schaumteppich. Vielmehr trug der Wind den Löschschaum in östliche Richtung und dieser rieselte noch in Sodingen zu Boden. Mehrere Häuser und zahlreiche Autos wurden durch klebrigen Ruß zum Teil erheblich verschmutzt.

 

Der deformierte Deckel des Kessels lag 50 Meter weiter im Tankgelände. Sammlung Stefan Kuhn
Der deformierte Deckel des Kessels lag 50 Meter weiter im Tankgelände. Sammlung Stefan Kuhn

 

Während noch in der Nacht weitere Schaummittelreserven aus Castrop-Rauxel und Münster eintrafen, wurden die Kühlungsmaßnahmen ununterbrochen fortgesetzt. Bereits am Abend war auf der Einsatzfahrt ein Wagen der Feuerwehr Dortmund im Herner Autobahnkreuz verunglückt.

Parallel dazu wurde am Montagmorgen begonnen, durch eine Rohrleitung von unten Wasser in den Alkoholtank zu pumpen. Die Einsatzleitung erkannte, dass ein Verdünnen des Alkohols mit Wasser, unter gleichzeitiger Kühlung, die einzig realisierbare Löschmethode war. Dabei musste in Kauf genommen werden, dass die erforderliche große Wassermenge nur in relativ langsam in den Tank eingebracht werden konnte, was letztlich eine längere Branddauer bedeuten musste.

Unterdessen verschärfte sich am Montagnachmittag die Einsatzlage während der Kühlung der Tanks noch einmal. Der Wasserversorger Gelsenwasser fürchtete, so die Schilderungen von Brandoberamtsrat Fritz Hoppe der Berufsfeuerwehr Herne, der Feuerwehr die enormen Wassermengen nicht mehr zur Verfügung stellen zu können. Dem Leitungsnetz drohte der Kollaps. Kurzfristig wurde überlegt, Schlauchleitungen vom Rhein-Herne-Kanal bis ins Werk zu verlegen.

 

 

Doch zu der Zeit rückte auch das Ende des Großbrandes näher: Mit der Verdünnung des Alkohols wurde die Brennbarkeit des Lösemittels bis zum Montagabend herabgesetzt und die Flammen erstickten allmählich. Der Löscherfolg war schließlich gegen 19 Uhr an einer erheblichen Verringerung der Rauchbildung zu erkennen. Um 21.05 Uhr, so das Einsatztagebuch der Feuerwehr, konnte nach über 27-stündiger Branddauer „Feuer aus“ gemeldet werden. Die Gefahr für das Werk und die angrenzende Innenstadt war gebannt. Eine Messung ergab später, dass der Alkohol von ursprünglich 98 Prozent auf 10-12 Prozent verdünnt war.

Brandoberamtsrat Willi Sauer, der damalige Einsatzleiter der Berufsfeuerwehr Herne, fasste den Einsatz einige Monate später in einem Aufsatz der Fachzeitschrift Der Feuerwehrmann detailliert zusammen. Darin wird zugleich erkennbar, wie (abgesehen von Einsatztaktik und professionellem Handeln der Brandbekämpfer) dieser Einsatz Bewertung fand: „Wenn man zum Abschluss (…) als Fazit feststellt, dass, wie wir es in unserer Feuerwehrsprache zum Ausdruck bringen, es noch einmal gutgegangen ist, so darf man aber auch hinzufügen, dass dieser Tankbrand ein Jahrzehntebrand war. (…) Verletzt wurde keiner, aber wir haben auch ein wenig von dem gehabt, was wir Feuerwehrmänner im Einsatz brauchen – nämlich Glück.“

Stefan Kuhn

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