Jazz-Wanne zwischen Sartre und Bahndamm

„Wanne-Eickel ist jetzt das Jazz-Zentrum des Reviers“

„Den Hot-Club habe ich ins Leben gerufen, ganz einfach aus der Freude am Jazz heraus. Da hatte ich mir Gedanken gemacht, wie man die Dortmunder Jazz-Leute zusammen bekommt…Da habe ich schnell eine redaktionelle Notiz in den Zeitungen aufgegeben, dass sich Jazz-Interessenten um 19.30 Uhr an der Normaluhr am Rheinlanddamm treffen sollten. Da kamen so 128 Leute insgesamt zusammen“, erzählt der Jazz-Fan Lothar Dietrich über die Anfänge der Jazz-Club-Bewegung der 1950er Jahre im Revier. Die Gründung dieser Jazz-Clubs, auch Hot-Clubs genannt, orientierte sich am Vorbild des in Paris schon den 1930er Jahren entstandenen „Hot-Club de France“.

Mit dem Jazz verbanden die Clubmitglieder die Vorstellung einer freiheitlichen politischen Kultur, gegen den herrschenden Konformismus im Adenauer-Deutschland: „Jazz war für uns Ausdruck eines freien Lebensgefühls, das für alles stand, an das wir glaubten: Liberalität, Überwindung von Rassenschranken und Überwindung einer ungerechten gesellschaftlichen Ordnung.“

Die Gruppe "Conny´s Men" beim Konzert im Union-Theater an der Hauptstraße in Wanne-Mitte: am Vibraphon Conny Wiludda, am Piano Heinz Oelmann, Foto Norbert Kozicki
Die Gruppe „Conny´s Men“ beim Konzert im Union-Theater an der Hauptstraße in Wanne-Mitte: am Vibraphon Conny Wiludda, am Piano Heinz Oelmann, Repro Norbert Kozicki

Der Jazz und der damit verknüpfte Lebensstil eigneten sich vorzüglich als Protestmittel im Muff und Mief jener Tage, denn während der Nazi-Herrschaft war das Spielen und Hören von Jazzmusik verboten. Die jazzinteressierten Gymnasiasten und Studenten hatten so einen immensen kulturellen Nachholbedarf. Referate und Diskussionen über die Geschichte des Jazz und seine verschiedenen Varianten bestimmten das Bild des beginnenden Clublebens.

„Ich ließ meine Haare wachsen, schnitt mir einen Pony, zog lange schwarze geschlitzte Hosen an, die mir eine Klassenkameradin vererbt hatte, dazu Rollkragenpullover und Duffle-Coat, und umrandete meine Augen mit schwarzer Farbe und meine Gedanken mit Weltuntergangsstimmung. Ich fühlte mich ins Nichts hineingeworfen und spielte Jazzplatten… Und dann wieder lesen: Sartre ´Die Fliegen´…“, erinnert sich eine Zeitzeugin über ihre Jugend im existentialistischen Milieu.

Der Einfluss der französischen Existenzphilosophie auf die Lebensvorstellung und den Lebensstil der Jazzfans war überall spürbar. Auch im hiesigen Raum diskutierten die Jugendlichen, ganz in schwarz gekleidet, die Werke von Sartre und Camus an der Biertheke.

02. April 1954: Wanne-Eickel erlebt die Gründung des Jazzclubs. Vierzehn junge Männer und eine Frau trafen sich im Gesellschaftszimmer der Gaststätte Union-Bräu an der Hauptstraße 235 , um den lokalen Hot-Club aus der Taufe zu heben. Einstimmig wählten die Versammelten Herbert („Herby“) Bayer zum ersten Clubvorsitzenden. Friedhelm Grampp und Harald Bayer fungierten als Schriftführer. Manfred Knittel kassierte die monatlichen Mitgliedsbeiträge von 1,50 DM, bei 3 DM Aufnahmegebühren.

Herby Bayer , Initiator des Jazzclubs Wanne-Eickel und erster Vorsitzender, Foto Norbert Kozicki
Herby Bayer , Initiator des Jazzclubs Wanne-Eickel und erster Vorsitzender, Repro Norbert Kozicki

Einer der Initiatoren des „Jazzclub Wanne-Eickel“, Herby Bayer, lebte 1951 in England, wo er mit der Jazz-Musik in Kontakt kam. Nach Wanne-Eickel zurückgekehrt, begann er mit dem Schlagzeugspielen. Das Spielen des nicht gerade geräuscharmen Instrumentes führte zu einigen Familienkrisen. Herby übte stundenlang in der elterlichen Wohnung an der Dorstener Straße. Dabei kümmerte er sich wenig um die Nachbarn, die mit der Trommelei nebenan nicht einverstanden waren. Es dauerte keine zwei Jahre, bis der Name Herby Bayer zwischen Dortmund und Essen einen guten Klang hatte. Er improvisierte mit Musikern von Kurt Edelhagen und arbeitete mit Hans Koller in Gelsenkirchen. In Dortmund trat er mit der „Shorty-Röders-Band“ hervor. In der Westfalenhalle veranstaltete der Hot-Club Dortmund einen Abend mit den „Dark-Town-Stompers“. Herby Bayer aus Wanne-Eickel spielte Schlagzeug.

Der gebürtige Herner Bandleader Kurt Edelhagen schrieb bereits Anfang der 1950er Jahre deutsche Jazz-Geschichte. Von 1950 bis 1956 kürte das „Jazz-Echo“, die damals meistgelesene deutsche Jazz-Zeitschrift, die beste Big-Band. Erster: Kurt Edelhagen und seine Musiker mit riesigem Punkteabstand vor den Bands von Erwin Lehn, Werner Müller und Max Greger.

„Um die Hans Koller Story zu erzählen, brauchte man einen eigenen Beitrag“, stellte der Kritiker Joachim E. Berendt fest. Der Österreicher Hans Koller kam über München nach Frankfurt, wo er zur dominierenden Persönlichkeit des deutschen Jazz in der ersten Hälfte der fünfziger Jahre wurde. So spielte er z.B. 1953 mit der auf Europa-Tournee befindlichen Dizzy-Gillespie-Gruppe. „Jazz im Koller-Land“, lautete die Überschrift einer englischen Zeitschrift in einem Bericht über den Jazz in Deutschland. Zu Kollers Quintett gehörten 1952: Albert Mangelsdorff (Posaune), die „First Lady of German Jazz“ Jutta Hipp (Piano), Rudi Sehring (Schlagzeug) und der bereits erwähnte Shorty Röder (Bass).  Der Wanne-Eickeler Herby Bayer spielte also mit der deutschen Jazz-Elite der 1950er Jahre zusammen.

In einem Schreiben an das Jugendamt zwecks Nutzungsmöglichkeiten der Räume im städtischen Jugendzentrum Heisterkamp formulierte der im Oktober 1956 amtierende Vorsitzende Klusmann das Selbstverständnis des Clubs: „Der Jazzclub Wanne-Eickel ist eine Vereinigung mit dem Ziele, die Jazzmusik zu pflegen und weiteren Interessentenkreisen bekanntzumachen. Um allen Missverständnissen, wie sie leider im Jazz sehr zahlreich sind, vorzubeugen, möchte ich betonen, dass der Club den Jazz ausschließlich als Musikrichtung auffasst. Ich darf daher bitten, den Jazzclub nicht mit einem Tanzclub oder dergleichen zu verwechseln.“

Nach zweieinhalbjähriger, wechselhafter Entwicklung bestand der Club zu diesem Zeitpunkt aus 26 Mitgliedern, die sich wöchentlich zum Clubabend in der Gaststätte Union-Bräu trafen. Alle vierzehn Tage führte der Club kleine Sessions durch. Der Vorstand informierte die Clubmitglieder über monatlich erscheinende Bulletins. „Wöchentlich trafen sich Mitglieder des Jazzclubs zu Vortrag und Diskussion“, erinnert sich der ehemalige Schlagzeuger Hans Dieter Verhülsdonk. „Jeder wurde mal rangenommen: Pass mal auf, hast du bestimmte Interessen ? Willst da nicht einen Vortrag über Dixieland halten? Das ging so reihum. Als der Jazz nach dem Zweiten Weltkrieg rüberkam, war das berauschend, wenn man sich dafür interessierte.“

Im Monat Oktober 1956 trafen sich die Jazzenthusiasten zu folgenden Clubabenden:

09.10.56  „Kostbarkeiten des Modernen Jazz“, mit Werner Dietrich aus Gelsenkirchen als Referenten, der über Cool-Jazz, speziell über West-Coast-Jazz sprach.

16.10.56   „Die Improvisation im Jazz“, eine offene Diskussionsrunde

23.10.56  Jazz Session: „Unsere Club-Combo zeigt, was sie in der Zwischenzeit bei Glenn Buschmann gelernt hat.“

30.10.56  „Das Vibraphon“ mit dem Referenten Gert Welling.

Dem Bulletin für den Monat Dezember können wir entnehmen, dass das Jugendamt der Stadt Wanne-Eickel dem Jazzclub die Türen des Jugendheimes Heisterkamp öffnete. Allerdings mit einer folgenschweren Einschränkung: Der Club musste um 22 Uhr das Haus verlassen.

Der Jazzclub Wanne-Eickel feiert sein zweijähriges Bestehen mit einem Konzert im Haus des Handwerks an der Gerichtsstraße. Hier im Bild die Gruppe "Castle Ramblers" aus Nürnberg mit dem Jazzclub-Gründer Herby Bayer am Schlagzeug., Foto Norbert Kozicki
Der Jazzclub Wanne-Eickel feiert sein zweijähriges Bestehen mit einem Konzert im Haus des Handwerks an der Gerichtsstraße. Hier im Bild die Gruppe „Castle Ramblers“ aus Nürnberg mit dem Jazzclub-Gründer Herby Bayer am Schlagzeug., Repro Norbert Kozicki

„Ein Osterei mit pikanter Füllung bot der Jazzclub Wanne-Eickel den Freunden von Dixieland und Modern Swing in der Zunftklause an“, vermerkte die Lokalpresse am 3. April 1956 über die Geburtstagsparty des Jazzclubs zum zweijährigem Bestehen. Im großen Saal des „Haus des Handwerks“ gestalteten vier Bands ein Jazz-Konzert, dass die Anhänger der improvisierenden Musik begeisterte. Der Schlagzeuger Herby Bayer gastierte mit den „Castle Ramblers“ aus Nürnberg in seiner ehemaligen Heimatstadt. Bereits im Frühjahr verließ sein Bruder Harald den Club, um als Berufsmusiker sein Geld zu verdienen. Im September 1955 legte Herbert Bayer sein Amt als erster Vorsitzender nieder und zog der Liebe wegen nach Nürnberg. Diese personelle Entwicklung war für den Wanne-Eickeler Club zunächst ein schwerer Schlag, von dem er sich nur langsam erholte.

Neben den „Castle Ramblers“ brachte Herby Bayer die „Blue-Star-Combo“ vom Jazz-Studio Nürnberg zur Jubiläumsveranstaltung mit. Die Musiker der siebenköpfigen Dixielandband unter Charlie Gasserd waren die Stars des Abends, deren melodische Linien von Posaune, Klarinette und einem Cornett getragen wurden. Nach den temperamentvollen Gästen aus Nürnberg stellten sich vor: das „Gerd-Hauck-Trio“ vom Hot-Club Dortmund und die „Modern Jazz Group“ mit fast kühlen Swing-Rhythmen. Die Lokalpresse jubilierte und widmete dem Ereignis folgende abschließende Zeilen: „Es wäre müßig, die Leistungen der Combos untereinander abzuwägen. Jede Band gab ihren Mitgliedern Gelegenheit, in Soli technische Brillanz und rhythmische Fantasie zu beweisen. Und die Zuhörer sparten nicht mit ehrlicher Anerkennung.“

Im Jahr 1956 bildete Jazz in der lokalen Öffentlichkeit ein attraktives Thema. Der Journalist Hans Bernd Frings berichtete als fachkundiger Chronist des Jazz über die Kulturszene in Wanne-Eickel und im Revier. Neben dem Jazzclub Wanne-Eickel existierten noch bedeutende Clubs in Dortmund, Bochum, Essen, Mülheim, Witten, Gelsenkirchen und Düsseldorf. Alle Clubs waren in der „Deutschen Jazz-Föderation“ zusammengeschlossen. Ihr Nachrichten-Organ der „West-Jazz“, ursprünglich vom Dortmunder Hot-Club herausgegeben, druckte die Wanne-Eickeler Firma Herchenbach und Holtmann. Die Redaktion: Hans Bernd Frings.

Rolf Düdder, Präsident des Dortmunder Hot-Clubs, und Glenn Buschmann unterstützten tatkräftig die musikalische Aufbauarbeit der Wanne-Eickeler und der Herner Jazz-Szene. Der Klarinettist Glenn Buschmann entwickelte sich zum Spiritus rector der Jazz-Musik in beiden Städten. An der Wanne-Eickeler Volkshochschule dozierte er im Herbst 1956 über die Frage: „Ist Jazz wirklich so schlimm ?“ Über Glenn Buschmann finden wir in der Geschichte des Jazz von Joachim E. Berendt folgende Feststellung: „Moderner wurde es dann schon im Ruhrgebiet. In Dortmund residierte – und residiert – der Klarinettist Glenn Buschmann mit seinem Quintett und seiner spürbar pädagogischen Ader, die ihren Niederschlag in Jazzkursen und Jazzseminaren fand, und mit einer Musik, die am Swing-Stil – etwa dem späten Benny Goodmann, aber auch an zeitgenössischer Kammermusik – orientiert war.“

Glenn Buschmann stellt noch heute so etwas wie das musikalische Aushängeschild des Ruhrgebietsjazz dar. Als Referent des Herner Volksbildungswerkes scharrte er Bergleute, kaufmännische Angestellte, Schüler und technische Zeichner um sich, denen die neue, heiße Musik im Blut steckte. Die Aufzählung der Berufe zeigt deutlich, dass Jazz im Kohlenpott nicht nur eine Angelegenheit von elitären Gymnasiasten und Studenten blieb. Oft waren die musikalischen Proben durch die Schichtzeit im Bergbau begrenzt. „Der Bassist und der Combo-Schlagzeuger haben nämlich heute ausgerechnet Nachtschicht. Die beiden arbeiten im Pütt…“, schmunzelte damals Glenn Buschmann.

Er berichtete im Dezember 1956, dass es schwer fiele, die Herner und Wanne-Eickeler Jazz-Jünger unter einen rhythmischen Hut zu bringen. „Die Freunde aus Herne ließen sich vom Dixieland nicht abbringen und die Wanner liebten den modernen Jazz.“ Was war zu tun? Meister-Klarinettist Glenn fand den Stein der Weisen. „Ich teilte die Jungen einfach in zwei Gruppen auf – eine Combo für Wanne-Eickel und eine Dixieband, in die ich die Herner reinsteckte.“ Buschmann terminierte fürs Frühjahr 1957 den ersten öffentlichen Auftritt.

Das Jahr 1956 brachte etwas Ähnliches wie die regionale Anerkennung für die kulturelle Arbeit des Jazzclubs Wanne-Eickel, der in engem Kontakt zu den anderen Hot-Clubs des Reviers stand. Diese Tatsache drückte sich in öffentlichkeitswirksamen Jazz-Veranstaltungen aus: im Juli gastierten die Mülheimer „Woodhouse-Stompers“ mit Old Tim Jazz, die Cool-Formation „Little-Dave-Qartett“ aus Dortmund und das „Peter-Heidemann-Trio“ als Swing-Trio im Haus des Handwerks.

Während dieser Jazz-Session ging der Stern eines über die Stadtgrenzen hinaus bekannten Musikers auf. „Als ein wahrer Rhythmiker und exzellenter Läufe-Spezialist entpuppte sich der Wanne-Eickeler Pianist Heinz Oelmann. Das Spiel Oelmanns erinnerte in etwa an Errol Garner. Der Jazzclub Wanne-Eickel kann sich glücklich schätzen, einen solchen Nachwuchs-Pianisten in seinen Reihen zu haben. Sicher werden wir in Zukunft noch mehr von ihm hören“, schrieb Frings begeistert in der Wanne-Eickeler Zeitung.

Heinz Oelmann sollte sich im Laufe der nächsten Jahre zum musikalischen Motor der regionalen Jazz-Szene entwickeln. Als Siebzehnjähriger trat er am 9. November 1955 in den Jazzclub Wanne-Eickel ein, dessen Mitglieder ihn sofort mit Rüdiger Fritsch einstimmig zum musikalischen Berater wählten. Die weitere Entwicklung Jazz-Szene bis zur Gründung von Jazz-Wanne im Januar 1960 lässt sich vom Namen Heinz Oelmann nicht getrennt betrachten (siehe Interview mit ihm).

Ein Jahr später: der Jazz wurde bei den offiziellen Stellen der Stadtverwaltung hoffähig. Die Gruppe „Modern Rhythm Quartett“ um Heinz Oelmann untermalte einen Film über die Cranger Kirmes mit sogenannter schräger Musik. Mit von der Partie: Kurt Troge (Gitarre), Ufo Foreita (Bass) und Hans Dieter Verhülsdonk am Schlagzeug. Über eine Woche spielte die Combo eigene Kompositionen und Arrangements für den Film ein. 1957 und 1958 stand das Jazz-Trio des Clubs in der Formation Oelmann (Klavier), Krowarz (Bass) und Verhülsdonk (Schlagzeug) vor der Frage, wie es musikalisch weitergehen sollte.

„Wo immer wir auftraten, wollten die Jungs auch Rock´n´Roll hören. Wir waren auf Modern Jazz eingestimmt. Ich weiß noch, während eines Auftrittes in Gelsenkirchen ging es dann fürchterlich zur Sache. Das Publikum wollte nicht mehr die hervorragenden Arrangenments von Heinz Oelmann hören“, erinnert sich Hans Dieter Verhülsdonk. Das Trio „Modern Jazz Group“ löste sich auf. „Jazz war Abenteuermusik. Leute, die vom Jazz-Virus infiziert waren, waren gegen Rock´n´Roll und andere Musikrichtungen immun“, erläuterte Heinz Oelmann seine damalige Position. Er widmete sich weiterhin konsequent der Jazz-Musik. Verhülsdonk und Co. gründeten eine andere Band und spielten populäre Tanzmusik vom Schlager bis zum Rock´n´Roll.

Szene aus dem Club am Bahndamm in Wanne-Süd: Heinz Oelmann am Piano, Conny Wiludda im Vordergrund und mit Muse auf dem Vibraphon, Foto Norbert Kozicki
Szene aus dem Club am Bahndamm in Wanne-Süd: Heinz Oelmann am
Piano, Conny Wiludda im Vordergrund und mit Muse auf dem Vibraphon, Repro Norbert Kozicki

Die folgende Erinnerung von Hans Dieter Verhülsdonk als Mitglied des Abiturientenjahrganges 1958 beschreibt die Rolle der Jazzer an der Wanne-Eickeler Penne: „Viele sagten, das ist Negermusik, die man nicht hören kann. Das Verständnis für die Begeisterung der Jugendlichen fehlte völlig. Dann gab es auch immer riesige Diskussionen an der Penne mit den Musiklehrern, die natürlich so etwas überhaupt nicht aufnehmen wollten. Sie waren einfach nicht bereit, Jazz als ernsthafte Musik zu akzeptieren, ja, überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Es war schon eine Sensation, als unser Klassenlehrer Zimmermann für einen Aufsatz eine freies Thema stellte, wie z.B. ´Der Jazz und seine Entwicklung.´“

Die weitere organisatorische Entwicklung der Jazz-Szene führte zur einfachen, aber genialen Idee: Wir brauchen einen eigenen Treffpunkt. Eine Gruppe von Jazzfans um den musikalisch hochtalentierten Conny Wiludda ergriff die Initiative. Es gründete sich die Jazz-Wanne. Im Januar 1960 war es dann soweit. Die Jazzer aus Wanne-Eickel und Umgebung hatten ihr eigenes Domizil. Auf Unabhängigkeit legten alle großen Wert.

Die weitere Entwicklung der Jazz-Wanne sei hier zum Abschluss in Stichworten erwähnt: 1961 erste Schallplatte, 1962 Besuch aus Polen mit Andre Kurylewicz, 1964 Jam-Session mit Albert Mangelsdorff, 1966 Lyrik und Jazz mit Günter Grass, 1967 gemeinsamer Fernsehauftritt mit dem späteren Nobelpreis-Träger für Literatur.

Ende 1964 resümierte eine bekannter Jazz-Musiker: „Wanne-Eickel ist jetzt das Jazz-Zentrum des Reviers…Wenn die Jazz-Wanne schließt, wird das für das Jazz-Leben im Ruhrgebiet große Folgen haben.“

Norbert Kozicki

Quellen: