Über allem lag der Jazz: Zur Geschichte der Jazz-Wanne in den 1960er Jahren

Von Wyludda zu Grass…

“Jazz wird zur Kriegserklärung an die Respektabilität, zum Signal der Frauenemanzipation, der Sexualrevolution, der Absage an das bürgerliche, zum Fanal aller, die außerhalb der Gesetze, der guten Gesellschaft und der sittlichen Ordnung standen oder stehen wollten! Freudianer und Gangster, Marxisten und Zuhälter, Studenten und Halbwelt, Bohemiens und Unterwelt scheinen im Jazzkult eine neue Rückkehr zur Natur zu proklamieren, der abgestandenen gesellschaftlichen Konventionen des 19. Jahrhunderts eine ironisch-obszönen Absage zu erteilen.“ (Günther Paechter, 1954)

Bebop – die Geschichte einer musikalischen Revolution des Jazz und ihrer Auswirkungen – bestimmte den kulturellen Entwicklungsgang der Jazzkultur nach dem Zweiten Weltkrieg. „Aus heutiger Sicht kann man sich kaum noch vorstellen, welche schockartigen Wirkungen dieser neue Jazzstil hervorrief. Eine Zadek-Inszenierung in Bayreuth oder die Entwicklung des Free-Jazz führten nicht annähernd zu solch heftigen Reaktionen, wie sie der Bebop auslöste“, berichtete Iron Werther in seiner lesenswerten Darstellung der „Bebop-Revolution“.

Charlie Parker, Charlie Christian, Kenny Clarke und Dizzy Gillespie haben wesentlich diesen neuen Stil kreiert und maßgeblich beeinflusst. Zu dem damals erhobenen Vorwurf, die Bop-Musiker tendierten zu unpatriotischem Verhalten, äußerte Dizzy Gillespie: „Das ist verdammt richtig. Wir weigerten uns, Rassismus, Armut oder wirtschaftliche Ausbeutung zu akzeptieren und ein unkreatives, eintöniges Leben zu führen; aber daran war nichts Unpatriotisches. Wenn Amerika sich nicht an das hält, was in seiner Verfassung steht und uns nicht als Menschen respektierte, dann war der ‚american way of life‘ für uns eine einzige Scheiße. Und sie stellten es beinahe als unamerikanisch hin, unsere Musik zu mögen.“

Während die übergroße Mehrheit der Musikinteressierten teilweise recht aggressiv auf den neuen Stil reagierte, entwickelte sich eine regelrechte Bebop-Subkultur. Die Bebop-Fans hielten sich für ‚hip‘, d. h. für nonkonformistisch und glaubten, immer auf dem Laufenden zu sein. Diese Modeströmung erreichte eine solche Verbreitung, dass man selbst in den Kaufhäusern bald einen sogenannten ‚Bebop-Kit‘ kaufen konnte: Baskenmütze, Brille und künstliches, klebbares Kinnbärtchen. Mit diesem Verkleidungsset konnte jeder wie Dizzy Gillespie aussehen, der die historische Vorlage für diese subkulturelle Ästhetik lieferte.

Der Bebop-Kult ging fließend in die Bewegung der Beatniks über. Beatniks waren in den 1950er Jahren vorwiegend weiße Jugendliche, die die Rassendiskriminierung und die Aufrüstung ablehnten und sich als Gegenbewegung zum Spießbürgertum verstanden. Ihren Protest äußerten sie meistens literarisch. Dylan Thomas war einer ihrer Helden. Im subkulturellen Fahrwasser des Bebop schlugen die Wellen hoch: Drogen und freie Sexualität lieferten den Medien den schlagzeilenkräftigen Stoff, mit dem bessere Umsätze am Kiosk erzielt wurden.

Mit diesem Stigma mussten sich die Jazzfans im Ruhrgebiet auseinandersetzen. Noch im Jahr 1965 diffamierte die Wanne-Eickeler Zeitung mit einem großaufgemachten Dreispalter unter der Überschrift „Es begann im Jazz-Keller – Mit dreizehn schon gekokst“ die Jazzer: „Im Winter 1963 besuchte die damals 13jährige Sylvia B. In Stockholm einen Jazz-Keller. An diesem Abend begann für die Volksschülerin die Bekanntschaft mit Marihuana…“ Wenn Jugendliche in den Jazz-Keller hinabstiegen, drohte nach Ansicht der moralisch aufgerüsteten Öffentlichkeit der Verlust abendländischer Werte.

Januar 1960: „Die kleine trübe Lampe über einer Eisentreppe im Hinterhof des Hauses ‚Am Bahndamm 3‘ glimmt im Verborgenen. Nur wer das Geheimnis der weißen Hand kennt, die entlang der Wände den Weg weist, findet zur Jazz-Wanne, dem Hoch-Parterre-Quartier der Wanne-Eickeler Jazzfreunde. Hier pulsiert das Leben im stampfenden Rhythmus des Schlagzeuges, im harten Stakkato des Pianos. Ein kleines Häuflein Idealisten in den Zwanzigern hockt im mäßig geheizten Raum, zieht versonnen an der Zigarre, lacht, diskutiert, träumt, musiziert. Vom Alltag nur durch ein paar Stufen getrennt, erleben sie im Drive Entspannung und Aufmunterung zugleich. Die Routine des Tages verblasst, Fragen drängen sich auf. Der Ernst der neuen Zeit steht im Mittelpunkt und über allem liegt der Jazz.“

 

Die Aufbautruppe der Räume 'Am Bahndamm 3' in Wanne-Süd um Conny Wyludda, Repro Norbert Kozicki
Die Aufbautruppe der Räume ‚Am Bahndamm 3‘ in Wanne-Süd um Conny Wyludda, Repro Norbert Kozicki

 

Die musikalische und organisatorische Entwicklung der Jazz-Szene während der späten 1950er Jahre in Wanne-Eickel führte zur einfachen, aber genialen Idee: Wir brauchen einen eigenen Treffpunkt. Eine Gruppe um den musikalisch hochtalentierten Conny Wyludda ergriff die Initiative: Am Bahndamm 3 im Stadtteil Wanne-Süd entstand in einem alten Backsteinhaus der Jazz-Club. Die Jazzer aus Wanne-Eickel und der näheren Umgebung besaßen ab sofort ihr eigenes Domizil. Vorbei waren die Zeiten, in denen die Jazzer um 22 Uhr die städtischen Jugendheime verlassen mussten. Vorbei waren die Zeiten, in denen man geduldeter Gast diverser Gaststätten war.

Doch bevor die ersten künstlerisch-musikalischen Leckerbissen in der Jazz-Wanne dem Publikum präsentiert werden konnten, machten die Jazzer relativ schnell Bekanntschaft mit Vorurteilen und bürokratischen Anordnungen: „Die Stadtverwaltung machte uns massiv Auflagen. Wir hatten nur zwei Toiletten, die nicht fein säuberlich nach Männlein und Weiblein getrennt waren. Wir sollten das ändern. Ich teilte der Verwaltung mit, dass beim städtischen Ausgleichsamt für 50 Angestellte auch nur zwei Toiletten zur Verfügung standen“, erinnerte sich Heinz Oelmann, Pianist der „Modern Jazz Group Wanne-Eickel“, der in jenen Tagen bei der Stadtverwaltung von Wanne-Eickel beschäftigt war.

„Und mit solchen Kleinigkeiten wollten die an uns ran. Das klappte aber nicht, weil wir ein Privatklub waren. Wir verkauften nur zum Selbstkostenpreis. Für die Stadt ging das nicht so einfach. Da war so ein erster Klub, der einfach machte, was er will und noch nicht einmal die Polizeistunde einhält.“

„Leider sind das nicht die einzigen Schwierigkeiten, denen sich die junge Wanne-Eickeler Jazz-Gemeinde gegenübersieht. Es fehlt nicht nur die Unterstützung, sondern vielmehr das notwendige Verständnis für den Wert der Jugendarbeit, die hier fast unbemerkt geleistet wird. Der Jazzklub ist eine aus der Praxis geborene ernsthafte Vereinigung junger Menschen, der die offizielle Anerkennung und Förderung nicht versagt bleiben sollte“, kommentierten im Februar 1961 die Ruhr-Nachrichten die konfliktträchtige Atmosphäre in Wanne-Süd, nachdem sich Nachbarn wieder einmal beschwert hatten.

 

Typische Szene in der Jazz-Wanne, v.l.n.r. Offergeld, Wyludda, Oelmann, Repro Norbert Kozicki
Typische Szene in der Jazz-Wanne, v.l.n.r. Offergeld, Wyludda, Oelmann, Repro Norbert Kozicki

 

Dazu kam noch ein heftiger Streit darüber, wer im Jazzklub das Sagen habe. Der CDU-Stadtverordnete Hermann Meer versuchte sich im Dienst einer schnellen Parteikarriere, mit den Lorbeeren der Jazz-Wanne zu schmücken und beanspruchte die Räume für den CDU-Nachwuchs. Doch die Musiker setzten ihren Willen durch und zwangen mit der Axt in der Hand den politischen Nachwuchs der CDU ins Freie. Als Folge davon erhielten die Jazzer die Kündigung ins Haus geschickt, die unter den Jazzfreunden einen regelrechten Schock auslöste. Die Musiker erklärten daraufhin der Presse, dass sie ihren Zufluchtsort bis zum letzten Blutstropfen verteidigen wollen. Mit Erfolg: Die Kündigung wurde zurückgezogen.

Trotz – oder vielleicht wegen – dieser Schikanen entwickelte sich am Bahndamm ein vitaler Jazzklub, der im gesamten Revier seine Freundinnen und Freunde hatte. Die Jazz-Wanne – eine gut gehandelte Adresse der Jazzfans. Auf Selbstorganisation und Unabhängigkeit legten die Macher der Jazz-Wanne dabei besonders großen Wert. Im Jahr 1961 bekam die Jazz-Wanne ihr musikalisch-kulturelles Profil.

„Einem Ameisenhaufen glich Samstagabend die Jazz-Wanne am Bahndamm. Bei jedem Schritt musste man höllisch aufpassen, dass man nicht über eins der unzählig am Boden herumliegenden Lichtkabel stolperte. Nur unter großen Mühen gelang es den Unbeteiligten, ein ruhiges Plätzchen am Ende des Raumes zu ergattern. Der unvorbereitete Laie glaubte schon an ein Chaos größeren Ausmaßes, wurde jedoch von den Akteuren schnell eines Besseren belehrt. Was wie ein sinnloses Durcheinander aussah, waren in Wirklichkeit Folgen harter Arbeit. Samstag begannen nämlich die Dreharbeiten des Filmes ‚Interview mit Dr. Jazz‘ in den Räumen des Jazzklubs“, meldete die Lokalpresse am 6. Juni 1961.

Ein Team junger Männer, Hans-Dieter Abring (Kamera), Willy Verhasselt (Ton), Richard Woblick (Kameraassistenz) und Horst Hollstein (Drehbuch und Regie) drehten in der Jazz-Wanne ihren 15-minütigen Streifen ‚Dr.Jazz‘. An diesem Wochenende spielten die Filmemacher die ersten 30 Meter ein. Die Musik kam original von de „Modern Jazz Group Wanne-Eickel“ in der Formation Hartmut Krowarz (Bass),  Conny Wyludda (Vibraphon),  Horst Offergeld (Drums) und Heinz Oelmann (Piano) .

 

Die Modern Jazz Group während einer Probe für den Fernsehauftritt mit Günter Grass, Repro Norbert Kozicki
Die Modern Jazz Group während einer Probe für den Fernsehauftritt mit Günter Grass, Repro Norbert Kozicki

 

Willy Verhasselt informierte über das Treatment des Films: „Wir hören das schrille Klingeln einer Schulglocke. Ein Steppke, neun bis zehn Jahre alt, schließt hinter dem in den Klassenraum eilenden Lehrer schwungvoll die Tür.

‚Guten Morgen‘, wift der Lehrer seiner Klasse zu. ‚Guten Morgen‘, schallt es in einem vielstimmigen Chor zurück. ‚Setzen!‘ kommt das Kommando. Die Geräuschkulisse, die sich aus Füßescharren, Stühlerücken und Flüstern zusammensetzt, wird durch die Stimme des Lehrers unterbrochen: ‚Halt, noch nicht! Wir haben in dieser Woche noch nicht gesungen.‘ Mit den letzten Handbewegungen des Lehrers – es soll nach Dirigieren aussehen – kommt wieder das Kommando ‚Setzen!‘ Mit dem Nachsatz: ‚Die Rechenhefte auspacken!‘ Der Betrachter dieser Szene denkt an das Schlagwort musische Erziehung. Dabei beschleichen ihn ungute Gefühle. Soll sie so aussehen? Wohl kaum. Daran haben die Ganzheitsbildungsprofessoren sicher nicht gedacht, als sie die Theorie entwickelten, musische Bildung sei ebenso wichtig wie die Wissensvermittlung. Also die Schulreformer haben recht, wenn versuchen, den Musikunterricht in den Schulen abzuschaffen. Die Minuten können wertvoller angelegt werden. Vielleicht mit relativitätstheoretischen Experimenten. Nur: Wie soll es weitergehen ?“

Das war die zentrale Frage von Dr. Jazz aus dem Jahr 1961. Seine Antwort lag auf der Hand: Jazz und ganz speziell Modern Jazz. Die Jazz-Wanne als Jungbrunnen für alle musikpädagogisch geschädigten Menschen. Mit dieser groß aufgemachten Berichterstattung in der Lokalpresse gelang es der Jazzszene, aus den Negativschlagzeilen herauszukommen.

Bereits einige Wochen vorher entwickelte eine gewisse Irma ketzerische Gedanken über die Jazzmode und über die Flut von Jazzkonzerten und Jazzern in Kellern, Schuppen, Hinterhäusern und Dachstuben: „…Was mir zuerst auffiel: die Faszination, die Töne und Rhythmus auslösen. Es braucht der Schlagzeuger nur einen zweiminütigen Wirbel loszulegen, und der Ausdruck gelangweilter Lässigkeit im Parkett und Sperrsitz verwandelt sich in Ekstase. Man macht mit, klatscht, pfeift und trampelt mit den Füßen. Sich beim Jazzkonzert betont lässig zu geben, ist offenbar Mode. Von wegen Mode: Nietenhosen sind jetzt verpönt. Man ist als Jazzer kein Hosenmatz mehr! Der enge Rock ist erlaubt. Manchmal fragt man sich bei den mit Backsteinen in die Länge gezogenen Pullovern: warum eigentlich noch der Rock?…Und dann die Frisur! Der Kopf ist überhaupt das Charakteristischste: Er zeigt an, dass man einen Jazztyp vor sich hat. Die Mädchen tragen je nach Länge und Farbe die haare glatt herunter gekämmt, aber Haarspangen in jeder Größe. Er hat meist seine Haare so lang geschnitten, dass man soeben noch die Haarfarbe ahnen kann…Bei Jazzkonzerten sollte immer geraucht werden; denn nur beim Qualm einer weltoffenen Zigarette spürt man die Eigenart jedes Musikstückes heraus; man gibt sich verträumt dem Genuss der klagenden Trompeten- oder jauchzenden Klarinettentöne hin und fühlt sich nach Chicago, New Orleans oder San Francisco versetzt…“

Nur acht Tage später meldete die Presse: „Es bleibt dabei: Wanne-Eickel hat die beste ‚Modern Jazz Group des Reviers‘.“ Am Mittwoch, dem 14. Juni 1961, skizzierte Folkwangschüler Willy Verhasselt die Entwicklung in der Jazz-Wanne und testete das aktuelle Ensemble in der Formation Horst Offergeld (Drums), Hartmut Krowarz (Bass), Conny Wyludda (Vibraphon), Tony Watson (Saxophon), Heinz Oelmann (Piano), Tom Harris (Saxophon) und John Donally (Trompete).

Die drei Engländer, die in Dortmund als Soldaten bei der britischen Rheinarmee stationiert waren, hatten Anfang des Jahres Bekanntschaft mit dem Wanne-Eickeler Jazzklub gemacht. Die Atmosphäre und das solistische Können des klubeigenen Quartetts veranlassten sie, öfter mit ihren Instrumenten in die Jazz-Wanne zu kommen. Mit den englischen Musikern erhielten die beiden Macher des Klubs, Pianist Heinz Oelmann und Vibraphonist Conny Wyludda, die Gelegenheit zur musikalischen Integration, die sich als Begriff durch John Lewis und das „Modern Jazz Quartett“ zu einem Terminus der Jazzkritik entwickelt hatte. Integration meint hier, dass alles zu einem Ganzen gehört, dass sich jede Einzelheit einer Gesamtidee unterordnet.

Um die Ideen umzusetzen, wurde hart gearbeitet. „Und die Arbeit hat sich gelohnt. Es hat sich wieder gezeigt, dass der Jazz sowohl Musik des Individuums als auch Musik des Kollektivs ist. Diese Gleichzeitigkeit von Individuum und Kollektiv ist in der „Modern Jazz Group“ zur komplexen, gestalteten Musik geworden, zum modernen Bop, der im ganzen Revier einmalig ist“, dozierte Willy Verhasselt als wichtiges Testergebnis seiner musikalischen Recherchen in der Jazzszene des Ruhrgebiets.

Die „Modern Jazz Group“ spielte nicht nach niedergeschriebenen Arrangements, sondern probte die Plazierung der Soli und entwickelte einzig ein Grundarrangement. In den Improvisationen erhielt jeder Solist die Möglichkeit, seine differenzierte Musikalität unter Beweis zu stellen.

Verhasselt: „Beim Pianisten Heinz Oelmann beruht dieses Erleben auf einem musikalischen Überdenken und einer meditativen melodischen Erwägung des Themas. So sind seine Soli – um es einmal fachlich auszudrücken – durch ihre sich weit spannende Wölbung der Melissen innerhalb einer chromatisch gewollten Melodik charakterisiert. Sie zeugen von kontemplativer Besinnung auf das Thema. Bei all dem aber bleibt er ein großartig swingender Improvisator. Nur ab und an entdeckt man hinter der Bravour seines Spiels einen gewissen Zug zum Klischee, überspielt freilich immer wieder von seiner beispielhaften musikalischen Vitalität.“

Der Tenorsaxophonist Tom Harris faszinierte die Jazzfans durch seine große voluminöse Tongebung. Sein Saxophonspiel symbolisierte das Klangideal des „kühlen Jazz“. Im Gegensatz zu dieser kühlen Überlegenheit des Tenorsaxophons stand die unruhige Expressivität des Altsaxophons von Tony Watson, der sich durch seine nervös beweglichen Bop-Phrasen auszeichnete. John Donally, der dritte Engländer im Bunde, brillierte auf der Trompete durch seine ausgefeilte Spieltechnik, gepaart mit einer intensiven Ausdruckskraft.

Die Rhythmusgruppe um Bass und Schlagzeug mit Hartmut Krowarz und Horst Offergeld trat naturgemäß etwas in den Hintergrund. Conny Wyludda, ein begnadetes Multitalent, machte die Primitivität und der schlechte Sound des verfügbaren Vibraphons zu schaffen. „Doch dieses darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Modern Jazz Group ein hohes schöpferisches Niveau erreicht hat. Alle Instrumente der Combo stehen sich gegenüber wie Partner in einem Gespräch, und die Gesprächsthemen sind so unerschöpflich und entstehen ständig neu, wie es bei jedem echten Gespräch der Fall ist. Aber echte Gespräche werden nicht auf Straßen oder Plätzen geführt, sondern sie bedürfen einer gewissen Intimsphäre, wie sie der eigens dafür geschaffene Jazzkeller bietet“, schwärmte Willy Verhasselt. Und weiter ruft er aus: „ Es sind junge Menschen, die in unserer Zeit des Verfalls des musischen Bildungsideals noch die Initiative ergriffen haben, ihrem Drang nach musisch schöpferischer Betätigung nachzugehen. Aus dieser Achtung sollte man ihnen Achtung zollen.“

Besonders die letzten Formulierungen Verhasselts offenbaren, dass die Lobeshymnen auf die Wanne-Eickeler Gruppe nicht nur musikalisch motiviert waren, sondern auch eine kulturpolitisch-kritische Richtung thematisierten. „Unterstützt den Jazz und die Jazzer“, lautete Verhasselts publizistisches Unternehmen, dem ein gewisser Erfolg nicht versagt lieb. In den Monaten danach öffneten sich dem Wanne-Eickeler Jazzklub die Spalten der Presse. Hochmotiviert organisierten die Jazzfans Konzert um Konzert in der kulturarmen Zone von Wanne-Eickel.

Einen ersten Höhepunkt bildete die große Jamsession in der letzten Juliwoche des Jahres 1961. Den Vibraphonisten Gerd Hauck von den Dortmundern „Darktown Stompers“, den Bassisten Helmut Tüg von der Essener „Deltaband“ und den Schlagzeuger Joachim Weiler von der Essener „Haarlem-Jazzgroup“ zog es in die Jazz-Wanne, um mit Heinz Oelmann und Co. zu spielen. Hier begegneten sich unverhofft alte Bekannte. Der Bassist Hannes Beckmann und Helmut Tüg trafen an diesem Abend Ernst Dittke. Die drei Künstler hatten zusammen bei dem ehemaligen Herner Orchesterleiter Kurt Edelhagen studiert.

„Wiederholt weilten in der letzten Zeit bedeutende Jazzmusiker in der Jazz-Wanne. Man behauptet sogar, hier sei ein Domizil des modernen Jazz in Nordrhein-Westfalen“, meldete dazu am 31. Juli die Lokalpresse.

Den absoluten Höhepunkt in der Präsentation von bekannten Jazzmusikern bildete das Konzert von Polens Combo Nummer 1, dem „Andre-Kurylewicz-Quartett“ aus Krakau. Am Montagabend, dem 20. November, kam die „High Society“ des polnischen Jazzlebens von Essen, wo sie für eine Fernsehaufnahme im Jazzklub Kaleidoskop gastierte, nach Wanne-Eickel und traf sich mit über 20 qualifizierten Jazzern aus dem Ruhrgebiet. Fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit – wegen der räumlichen Enge – wurde an diesem Abend in der Jazz-Wanne ein für das Ruhrgebiet ungewöhnliches Konzert geboten, denn ein Zusammentreffen so hervorragender Musiker ohne große Session wäre wie ein Fischschwarm ohne Wasser gewesen. Es sprach für Andre Kurylewicz, dass er dynamisch äußerst vital die heiße Session trug. Seine Instrumente: Piano und Posaune.

 

Polnische Spitzenmusiker in der Jazz-Wanne, Repro Norbert Kozicki
Polnische Spitzenmusiker in der Jazz-Wanne, Repro Norbert Kozicki

 

„Ich verdiene als Berufsmusiker das zehnfache von dem, was mein Hochschulprofessor bekommt“, erzählte der polnische Bandleader und verdeutlichte damit, wie der Jazz hinter dem „eisernen Vorhang“ hoch dotiert wurde. Diese Bemerkung hatte einen biografischen Hintergrund. 1954 wurde er von der Universität exmatrikuliert, als im Zuge des Stalinismus kurzzeitig der Jazz in Polen verboten wurde. Weiterhin teilte er mit, dass er für das nächste Jahr wieder einen Besuch in der Jazz-Wanne plane. Außerdem gab der polnische Bandleader bekannt, dass er die Aufstellung einer deutsch-polnischen Combo plane und damit touren wolle. Mitwirkende: die Brüder Albert und Emil Mangelsdorff.

Von der lokalen Presse wurde die politische Dimension dieses musikalischen Ereignisses hervorgehoben: „Man glaubt heute oft in der westlichen Welt, alles, das aus Ländern hinter dem eisernen Vorhang kommt, als unbedeutend oder bestenfalls als staatlich gelenktes Zuchtergebnis ansehen zu müssen. Jazz, auch in der modernen Richtung noch ein Ausdruck freiheitlichen Lebens und Denkens – wenn auch von vielen Bundesbürgern als eine harmlose Abart der jetzigen und kommenden Generation betrachtet – dürfte also nach Meinung der Verfechter dieser Theorie in einem totalitären Staat wie zum in Polen kaum existieren. Nach Montagabend wäre es diesen Leuten jedoch bestimmt schwergefallen, beim Gastspiel des Andre-Kurylewicz-Quartetts in der Jazz-Wanne am Bahndamm weiter auf ihrer Meinung zu beharren. Schon bei den ersten Tönen hätten die polnischen Jazzer mit diesen Vorurteilen aufgeräumt.“

Jazz überwand in jenen Tagen spielerisch den eisernen Vorhang. Die Jazz-Musiker – im Jahr des Mauerbaus in Berlin – als wahrhaftige Internationalisten! Die westdeutschen Jazzer konnten in diesem Jahr bereits auf eine längere Tradition des nachbarschaftlichen Miteinanders mit den polnischen Musikern zurückblicken. Bereits 1957 gastierten die „Frankfurt All Stars“ auf dem zweiten Festival in Zoppot, obwohl der kalte Krieg nach wie vor die Atmosphäre bestimmte. Keiner der politisch Verantwortlichen in Bonn und Warschau wollte diese legendäre Reise von Albert und Emil Mangelsdorff und Co. So versiegelten während de Eisenbahnfahrt durch das Territorium der DDR die besseren Preußen die Waggons. Erst auf polnischem Gebiet entfernte man die Plomben.

Dr „Jazz-Papst“ Joachim Ernst Berendt war Augenzeuge dieses historischen Ereignisses: „Wir hatten das Gefühl, ein freies Land zu betreten, ein relativ freies. Als die deutschen Musiker auf flachen Wagen in das riesige Rund des Danziger Sportstadions gefahren wurden, in einem großen Zug, der von Komeda und seiner Frau Zofia geleitet wurde, unter einem weitgespannten Transparent mit den Worten: ´Jazz Zyje! Jazz lebt!´, da gab es einen Begeisterungsansturm, wie ich ihn nie vorher oder nachher irgendwo wieder erlebt habe. Tausende junger Polen zogen – traditionelles Zeichen höchster Zustimmung – ihre Hemden aus und warfen sie in die Luft. Und da das geschah, bevor die deutschen Musiker eine erste Note gespielt hatten, war kein Zweifel: dieser Empfang war politisch zu verstehen.“ In dieser wirklich kulturrevolutionären, weil grenzüberschreitenden Tradition des Zoppoter Festivals stand auch der Besuch von Kurylewicz und seinen Musikern im Revier.

Mit einem Konzert im Wanner Saalbau im Dezember 1961 ernteten die Jazzer der hiesigen Region den berechtigten Erfolg ihrer Jazzklubarbeit. Nach dem gut besuchten Konzert mit dem Wanne-Eickeler „New Jazz Quintett“ und dem „Manfred-Welsandt-Trio“ stellte die Wanne-Eickeler Zeitung fest: „Die Jazz-Konzerte haben sich eingeführt, mit Erfolg, wie der Besuch am Sonntagnachmittag wiederum zeigte. Man kann unsere Zeit nicht übergehen – jedem sein Lebensrecht. Selbstverständlich auch dem bei uns nun zu Ehren gekommenen Jazz.“

Der im mittleren Ruhrgebiet und speziell in Wanne-Eickel zu Ehren gekommene Jazz wurde auch vom WDR wahrgenommen. Im Frühjahr 1962 drehte ein Team des WDR nach einer Vorlage des Essener Journalisten Norbert Brügger den Streifen „Nach Dienstschluss ans Schlagzeug“. Unter der Regie von Beppo Turecek zeigte der Film die Situation des Amateurjazz im Ruhrgebiet. Neben der „Modern Jazz Group Wanne-Eickel“ waren der Bluespianist Günter Boas, Rolf Düdder und Manfred Welsandt zu bewundern. Die Wanne-Eickeler spielten in folgender Besetzung die Titelmelodie ein: Ernst Dittke (Saxophon), Heinz Oelmann (Piano), Hannes Beckmann (Trompete), Helmut Tüg (Bass) und Wolfgang Ast (Schlagzeug).

Der Film reproduzierte leise Vorurteile gegen die Jazz-Szene des Reviers. Bereits in den 1950er Jahren hatte der Jazz-Kritiker Berendt vom Provinzialismus der Jazz-Musik im Kohlenpott gesprochen – aus gekränkter Eitelkeit, denn Herr Berendt wurde für die Organisation des Dortmunder Jazz-Salons nicht konsultiert.

Die mittlerweile vom Jazz angetane Ruhrgebietspresse rückte gerade: „Verspielte Hände glitten über die Tasten des Pianos, streichelten den Bass, bearbeiteten das Schlagzeug und entlockten Saxophon und Trompete jazzige Töne. Amateure nannte sie der Kommentator und sprach gleichzeitig von der Musik der Minderheit … Das Ergebnis von zwei Tagen Dreharbeit: ein magerer Film, dessen Musik mehr konventionell als erbaulich war und kaum etwas vom Können der Wanne-Eickeler zeigte. Auch Manfred Welsandt wurde mit seinem Trio und dem in der Jazz-Wanne kreierten Jazz-Walzer in ein schlechtes Licht gerückt. Die Bands aus Dortmund und Duisburg waren ebenfalls nur an ihren Instrumenten zu erkennen…“

Zur ersten Session des Jazzklubs im Jahr 1963 fanden sich am 28. Januar wieder Musiker von internationalem Format ein: das „Joe-Goodridge-Quintett“ aus London, dessen fünf schwarze Musiker auf ihrer Europatournee in der Essener Grugahalle gastierten, sowie Mitglieder der „Fred-Schesser-Combo“, die bis Mitte Januar im Essener Jazzlokal Kaleidoskop auftraten.

 

Englische Musiker in der Jazz-Wanne, Repro Norbert Kozicki
Englische Musiker in der Jazz-Wanne, Repro Norbert Kozicki

 

Am 1. August erlebte die Jazz-Wanne ihren ganz großen Tag: Zum dreijährigen Bestehen des Klubs präsentierte das „New Jazz Quintett“ seine erste Schallplatte – mit den Stücken „Mister X“ von Max Roach und „245“ von Eric Dolphy – in den frisch renovierten Räumen. Für diesen Tag kehrte der inzwischen zum Berufsmusiker avancierte Heinz Oelmann aus Luzern in die Heimatstadt zurück. „Dem ersten Titel Mister X, einem sehr schnellen, drängenden harmonisch durchaus verständlichen Modern-Jazz-Thema, steht auf der zweiten Plattenseite eine langsame, aber hypermoderne und harmonisch kaum noch gebundene Komposition mit dem Titel 245 gegenüber. Bandleader Ernst Dittke arrangierte dieses Stück für seine Leute. Nur 20 Platten wurden hergestellt. Sie dürften zählen, wenn einmal die Geschichte des deutschen Jazz geschrieben wird“, schrieb der Redakteur der WAZ.

Auf der wesentlich später produzierten Plattenhülle war zu lesen: „Die hier vorliegenden Titel wurden im Dezember 1961 bei einem Konzert der New Jazz Quintett Wanne in Kleve unter ungünstigen und primitiven Bedingungen aufgenommen. Deshalb ist diese Platte auch weniger als akkustischer Leckerbissen, sondern eher als ein längst überfälliges Dokument einer Zeit intensivsten Lebens des an Blütezeiten und Miseren nicht gerade armen Jazzklubs Wanne zu verstehen.“

Vier Wochen später lief eine emotional bewegende Abschiedssession für den englischen Tenorsaxophonisten Tom Harris, der seit über drei Jahren regelmäßiger Gast in der Jazz-Wanne war. Wiederum nutzte Heinz Oelmann seinen freien Tag für einen Blitzbesuch in der Jazz-Wanne. „Nach kurzer Unterhaltung stieg Oelmann ans Piano, um ein letztes mal mit Tom Harris zu spielen. Was sich dann bot, ist mit Worten kaum wiederzugeben, und auch die zahlreichen Gäste an der Bar sowie Klubschlagzeuger Fluse Offergeld, der mit einem gutaussehenden Mädchen flirtete, vergaßen ihre Umwelt und hörten fasziniert zu. Rauchig, sehr rauchig war es Montagabend in der Jazz-Wanne. Wie preisgekrönte Zuchtkarpfen schnappten die Jazzer nach Luft. Aber je kostbarer der Sauerstoff, desto begeisterter der Beifall. Ein andächtig lauschendes Publikum wurde Zeuge eines verbissenen Kampfes, eine Probe zwischen Musikern und Instrumenten…Plötzlich Stille. Die Instrumente schweigen. Der Kampf ist zu Ende. Dann bricht jäh der Applaus los. Tom Harris wischt sich den Schweiß von der Stirn und ein Lächeln tritt in sein erschöpftes Gesicht…Und das alles in Wanne-Eickel, in einer Stadt, in der der Jazz immer noch nur in einem alten, ausgedienten Backsteinbau zu Hause ist“, skizziert Zeitzeuge Willy Verhasselt die Atmosphäre im Jazzklub hinter dem Bahndamm.

Am folgendem Wochenende wurden die Abschiedsfeierlichkeiten fortgesetzt. Zutaten: Rehrücken, Martini und Bier. Beginn: Freitagnachmittag. Ende… Der historisch interessierte Interviewpartner fragte nicht danach…

Neben der Vernissage „Gemälde, Foto, Jazz 63“, gemeinsam mit der Künstlergruppe „Die Freien“ und dem Profifilmklub durchgeführt, stand am 1. Dezember 1963 ein Topkonzert im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses: die „Warschauer All Stars“ mit Jan „Ptaszyn“ Wroblewski gastierten in der Jazz-Wanne.

Jan „Ptaszyn“ Wroblewski, geboren am 27.März 1936, Tenor- und Baritonsaxophon, Arrangement und Komposition, vertritt den polnischen Modern Jazz und Free Jazz. Schon als 20jähriger war er regelmäßig im Hörfunk zu hören, trat dem „Sextett Komedy“ bei, spielte anschließend bei den „Jazz Believers“ (mit Wojciech Karolak und Krzysztof Komeda), wirkte 1958 in der als sensationell empfundenen „Newport International Band“ auf dem Newport-Jazz-Festival und auf der Weltausstellung in Brüssel mit und leitete 1960/61 eine eigene Gruppe, um dann Mitglied der „Andre-Kurylewicz-Band“ (1960-61) zu werden. Hier schließt sich der Kreis wieder. Seit dem Konzert des Kurylewicz-Quartetts in der Jazz-Wanne im Dezember 1961 gingen Briefe, Fotos und Plakate zwischen Wanne-Eickels und Polens führenden Jazzmusikern hin und her.

Die polnischen Jazzmusiker schoben diesen als privat apostrophierten Besuch in ihren mit Terminen gespickten Tourneeplan ein. Es war für das „Jan-Wroblewski-Quartett“ ein überaus erfolgreiches Jahr. Besonders auf dem Jazz-Festival in Juan-les-Pins im Sommer 1963 mit Musikern wie Miles Davis und Dizzy Gillespie und während eines mehrwöchigen Gastspieles in Pariser Jazzklubs, u.a. zusammen mit Jonny Griffin, Chet Baker und Art Taylor im berühmten „Blue Note“, errang das Quartett internationale Anerkennung.

Mietieslaw Wadecki formulierte, was die Musiker gewiss nicht nur an diesem bewegte: „Wir wollen etwas mit unserer Musik sagen, etwas mitteilen. Andere hören zu. Vom Zuhören kommt das Verstehen. Ist das nicht wichtig für alle?“

„Europas Jazzposaunist Nr. 1 begeistert in der Jazz-Wanne“, lautete die Schlagzeile am Samstag, dem 4. Juli 1964. Im Domizil am Bahndamm erhielten die Revierjazzer Besuch von Albert Mangelsdorff, der schon damals als Europas bester Jazzposaunist galt. Die Wanner Musiker luden Albert Mangelsdorff zusammen mit Jonny Renard aus Brüssel und Egil Johanssen aus Norwegen im Anschluss an ein Konzert während der Recklinghäuser Ruhrfestspielen nach Wanne ein. Seine Antwort auf die Einladung: „Klar, wir kommen!“.

„Und dann war der Frankfurter Musiker, dessen Name in aller Welt bekannt ist und der am Donnerstag die Jazzfreunde im Fernsehen begeisterte, überrascht. Im heimatlichen Dialekt staunte er: Wasch? So etwas im Kohlenpott ! Er hatte es nicht vermutet“, meldete der Chronist über die Reaktion von Albert Mangelsdorff, als er seinen Fuß über die Schwelle der Jazz-Wanne setzte. Und noch ein Mann zeigte seine Begeisterung. Ronnie Scott aus London, Gentleman im graubraunen Flanell. Der Tenorsaxophonist, der bereits mit Woody Herman, Count Basie und Thelonius Monk spielte, sagte geplante Termine ab und stattdessen fünf Abende zum Spielen in die Jazz-Wanne.

 

Günter Grass in der Jazz-Wanne nach seiner Lesung zum Thema 'Jazz und Lyrik' im Wanne-Eickeler Jungengymnasium, Repro Norbert Kozicki
Günter Grass in der Jazz-Wanne nach seiner Lesung zum Thema ‚Jazz und Lyrik‘ im Wanne-Eickeler Jungengymnasium, Repro Norbert Kozicki

 

„In dieser Wanne sitze ich gerne !“, zitierte die Presse Günter Grass nach seinem Besuch der Jazz-Wanne am 17. September 1966. Auf Einladung der Sozialistischen Jugend Deutschlands-Die Falken führte er an diesem Tag in der Aula des Jungengymnasiums in Wanne-Eickel eine Lesung durch, bei der er von den Musikern der „Modern Jazz Group Wanne“ begleitet wurde. Für Grass, den Trommler der „Es-Pe-De“ in den 1960er Jahren, standen schon damals originelle, künstlerisch ausgerichtete Präsentationsformen im Vordergrund, besonders mit dem Tenor „Jazz und Lyrik“.

„Es war eine Idee von Günter Grass, das wir auf der Falken-Veranstaltung seine Gedichte mit Rhythmen untermalten. Er gab das Stichwort und wir setzten ein: Jazz und Lyrik“, berichtete der Wannen-Chef Heinz Oelmann. Den 400 meist jugendlichen Wanne-Eickelern kündete Günter Grass, ein Waschbrett schlagend, den Höhepunkt der Veranstaltung an. Gedichte, z. T. noch unveröffentlicht, knallten den Wanne-Eickelern ins Ohr. Ob „Neubau“, „Aktion“ oder „März“, mehr oder weniger verstanden, forderten sie den Beifall.

Der Chronist vermerkte zu diesem Auftritt: „Einmal mehr stellte die in manchen Bevölkerungskreisen mit einigem Achselzucken abgetane Band unter Beweis, dass sie nicht nur gut ist und ihre Erfolge, z.B. bei Oberhausener Kurzfilmtagen errungen, nicht von ungefähr kommen.“ Von der Zusammenarbeit war Günter Grass hellauf begeistert und nahm die Einladung in die Jazz-Wanne an, wo er zusammen mit dem SPD-Bundestagsabgeordneten Heinz Westphal musizierte. Der Abend bei den Wanne-Eickeler Jazzfreunden zog sich bis zum Sonnenaufgang hin. Um sieben Uhr in der Frühe war der persönliche Kontakt hergestellt. Seinen neu gewonnenen Freund , den Pianisten Heinz Oelmann, lud er samt Band gleich für Dienstag nach Berlin ein. Aufgrund ihrer beruflichen Verpflichtungen konnten die Wanne-Eickeler dieser Einladung nicht nachkommen. Grass versicherte, dass er bei nächster Gelegenheit auf die Mannen um Heinz Oelmann zurückgreifen würde.

Fast genau ein Jahr später erhielten die Jazzer einen Anruf aus Berlin. „Jazz und Lyrik“ stand in der Sendereihe des Südwestfunks in Baden-Baden auf dem Programm. Günter Grass bat Heinz Oelmann und Co. um Mitarbeit bei dieser Fernsehproduktion. Die Wanne-Eickeler sagten spontan zu.

„Wir bitten Sie, am 11.Oktober 1967, in unserer Sendung Treffpunkt Museum mitzumachen. Günter Grass, der lesen wird, hat sie für die Zwischenmusik empfohlen“, lasen die Jazzer in der Eilpost von der Abteilung Fernsehen des Südwestfunks. An einem Mittwoch im Oktober hatte die „Modern Jazz Group“ – den einzigen – Fernsehauftritt: Wolf Escher (Trompete), Niels Ungehagen (Altsaxophon), Heinz Oelmann (Piano), Conny Wyludda (Bass) und Josef Tigges (Schlagzeug).

 

 

Doch zum Zeitpunkt der Fernsehaufnahmen mit Günter Grass existierte die Jazz-Wanne als Jazzklub bereits nicht mehr. „Dein Nachbar als Kulturkiller“ könnte man überspitzt formulieren, wenn man mit Erstaunen liest, dass vier Wochen nach dem einmaligen Mangelsdorff-Gastspiel nach 22.00 Uhr keine Life-Musik mehr gespielt werden sollte. Kein Session mehr, kein Hard Bop, nur noch Jazz vom Plattenteller. Die erfolgreichen Jazzer erlebten angesichts des tiefen Provinzialismus der Wanne-Eickeler Stadtväter den Rückfall in die kulturpolitische Szenerie der 1950er Jahre. Stadtdirektor Dr. Scheja entblödete sich nicht, in der Öffentlichkeit zu versichern: „Die Jazz-Wanne wird selbstverständlich unterstützt. Nur darf während der Mittagszeit und abends kein Krach gemacht werden.“

Wie diese Unterstützung aussah, erfuhren die Jazzer schon kurze Zeit später: Sie erhielten die Kündigung des Mietvertrags durch die städtische Hausverwaltung! Doch damit nicht genug: Die Ankündigung des Abbruchs des alten Backsteinhauses bewies endgültig die Schizophrenie der Wanne-Eickeler Provinzgeister. Mittlerweile hatte das Essener Kaleidoskop ebenso seine Pforten geschlossen wie der Jazzklub in Düsseldorf. „Wanne-Eickel ist jetzt das Jazz-Zentrum im Revier“.

Doch die Warnungen von Kennern der Szene verhallten ungehört: „Wenn die Jazz-Wanne schließt, wird das für das Jazz-Leben im Ruhrgebiet große Folgen haben.“ Die offizielle Abrissbegründung liest sich heute wie ein Beleg für die Alzheimersche Krankheit alter Männer, die in der Kulturpolitik leider das Sagen hatten. Die Jazz-Wanne sollte weichen, damit tonnenschwere Lastwagen die Kneipen an der nahegelegenen Hauptstraße mit Bier versorgen konnten. Zwar trat die Abrissbirne erst 1967 in Aktion, doch die mietrechtliche Kündigung und die Abbrucherklärung verfehlten schon vorher nicht ihre Wirkung. Die Aktivitäten des Jazzklubs ließen erheblich nach.

 

Schreiben von Günter Grass an Norbert Kozicki: 1989 setzte der spätere Nobelpreisträger seine Reihe ‚Jazz und Lyrik‘ fort. Repro Norbert Kozicki

 

Wenn man die Geschichte der Jazz-Wanne Revue passieren lässt, so stellt man fest, dass die Jazzer als Botschafter ihrer Stadt sehr gefragt waren, aber nicht als Menschen, die für sich einen eigenen Lebensentwurf hatten. Die Musik ja, aber bitte nicht die Subkultur. Diese anderen, von den Normen abweichenden Vorstellungen wurden im Jazzklub zum Teil ausgelebt. Somit reiht sich seine Geschichte in die Geschichte der ungezählten Jazzklubs der 1950er und 1960er Jahre ein, an die der Musikkritiker Joachim Ernst Berendt erinnerte: „Es ist in unserer nostalgischen Zeit beliebt geworden,diesen Klubs und Nachtlokalen der 1950er Jahre nachzutrauern, als ob damit eine wundervolle Ära unwiederbringlich verloren gegangen sei. Aber man sollte die Schattenseiten nicht übersehen: nicht nur in Deutschland, auch in anderen Ländern sind ganze Generationen von Musikern durch die ‚Untertagearbeit‘ verschlissen worden. Außenstehende können sich das schwer vorstellen, aber wer nach ein oder zwei Uhr nachts weiterspielen will, wenn er vorher schon drei oder vier Stunden gespielt hat, muss trinken – und dann immer mehr trinken, Nacht für Nacht, jahrelang, ein halbes Leben lang, auch wenn die Leber schon längst kaputt ist, denn er muss ja spielen, weil er sonst nichts verdienen würde.“

Norbert Kozicki

 

Quellen:

 

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