Das erste Kommunale Kino Deutschlands

Als Wilhelm Marzina zu Beginn des 20. Jahrhunderts den ersten Kinematographen in seiner Gaststätte im Norden Wannes aufstellte, war das Publikum begeistert, vor allem, weil die wackeligen Stummfilme Sex and Crime nach Wanne und Eickel brachten. Nun ja, es war wohl eher „Liebe, Herz, Schmerz“ oder„Lug und Trug“ – aber die Gemeindeväter sahen es mit Sorge und fürchteten einen rapiden Verfall der Sitten durch diese Filme.

Sehr gemütlich war der umgebaute Garthmann’sche Saal am Eickeler Markt nicht, aber verdammt groß. Beim Experiment „Kommunales Kino“ blieben wahrscheinlich häufig Plätze leer … Repro Stadtarchiv Herne

Also beschloss man in Eickel die Einrichtung eines Gemeindelichtspielhauses gegen die „Schmutzwelle von Schund“, mietete den großen Saal der Gaststätte Garthmann an, ließ ihn umbauen und servierte dem nach Unterhaltung dürstenden Publikum moralisch einwandfreie Kost. Gleich am Eröffnungstag, dem 01. Dezember 1912, zeigte man den Kracher „Mütter, verzaget nicht“.

Die Eickeler gelten mit ihrem Kommunalen Kino als absolute Pioniere in Deutschland – und das lange, bevor das Kommunale Kino eigentlich erfunden wurde. Offenbar waren ihre Filme im Dienste der Volkserziehung aber nicht sehr erfolgreich, denn keine zehn Jahre später verabschiedete sich die Gemeinde Eickel wieder aus ihrem Kinoabenteuer. Das Lichtspielhaus wurde privatisiert, zeigte endlich auch die verschärften Streifen und hatte richtigen Erfolg. Nach dem Zweiten Weltkrieg hieß es dann Atrium und schaffte es bis in die 1970er Jahre.

Ironie der Geschichte – bis vor wenigen Jahren noch an der Hauptstraße zu sehen: die Videothek im ehemaligen Kino „Kammerspiele“. Repro Stadtarchiv Herne

Als das große Kinosterben Wanne-Eickel erfasste, zog man nicht nur dem Atrium den Stecker raus. Auch Astoria, Lichtburg, Union, Lito (Wanne), Rex (Eickel), Regina, Capitol (Holsterhausen), Apollo und Kreter (Röhlinghausen) mussten dran glauben. Nur die Kammerspiele (Ecke Hauptstraße/ Dürerstraße) retteten sich noch mit der Zerstückelung ihres schönen, großen Saals ins Schachtelkino-Zeitalter. Im Mai 1992 gab der letzte Besitzer Ernst Grünewald dann aber auch auf: „Wir haben dem Fernsehen und auch der Videowelle getrotzt. Geschafft haben uns die amerikanischen
Filmpaläste.“

Wolfgang Berke

Aus: Berke, Wolfgang,  Das Buch zur Stadt Wanne-Eickel, Mythen, Kult, Rekorde: Eine Zeitreise durchs Herz des Ruhrgebiets, Das Buch mit der Website: www.wanne-eickel.info, 136 Seiten, Klartext Verlag, Essen 2002, Seite 32, Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Wolfgang Berke

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