Der Bindestrich wird begraben

Mitten hinein in die selige „Großstädtigkeit“ platzte ein Gutachten, das die Landesregierung 1967 in Auftrag gegeben hatte. Die „Projektgruppe Regierungs- und Verwaltungsreform“ kam zu dem Schluss, dass in Nordrhein-Westfalen alles besser funktionieren würde, wenn die kommunalen Einheiten größer würden. Unter „alles“ verstand die Projektgruppe wirklich alles, von der Straßenplanung bis zur Sozialhilfe, von der Jugendpflege über die Kulturförderung bis zur Gesundheitsvorsorge. Und die Vergrößerung der kommunalen Einheiten erreicht man am besten durch die Eingemeindung der kleineren Städte in die großen.

Natürlich machte die Projektgruppe auch konkrete Vorschläge, was mit den Ruhrgebietsstädten geschehen sollte. Wanne-Eickel würde doch, zusammen mit Wattenscheid und Herne, prima nach Bochum passen. Was nach Bekanntwerden des Gutachtens dann während der folgenden sieben Jahren in den Rathäusern, Gremien und Parlamenten ablief, war bisweilen nacktes Chaos, oft nicht weit von Komödienstadel oder Schmierentheater entfernt.

Das Wanner Rathaus, Repro Stadtarchiv Herne

Natürlich erhoben die betroffenen Städte, allen voran Herne, Wattenscheid und Wanne-Eickel, erhebliche Bedenken gegen die Empfehlung. In der Folge meldete sich der Norden in Person des Recklinghäuser Oberbürgermeisters Auge, der Wanne-Eickel und Herne einen Städteverbund mit Recklinghausen vorschlug. Hernes Oberstadtdirektor Ostendorf griff diese Idee auf und packte zusätzlich noch Castrop-Rauxel in die neue Mega-Stadt. So übel ist das nicht, dachten sich die beteiligten Stadträte und gaben ihren Verwaltungen erst mal den Auftrag, die Möglichkeiten zu prüfen.

Und während die Stadtverwaltungen so vor sich hin prüften, kam über die Landesprojektgruppe aus Düsseldorf 1971 der drohende Ratschlag, man möge doch bitteschön mit Bochum oder Dortmund sprechen. Klartext: Keine Chance für euer Modell. Es wird bald nur noch vier Städte geben: Duisburg, Essen, Bochum und Dortmund. Harter Tobak, der für helle Empörung sorgte, und so ruderte die Landesregierung 1972 ein wenig zurück. Acht Städte sollten es nun werden: Neben den vier genannten würde es dann auch noch Oberhausen, Mülheim, Gelsenkirchen und Glabotki geben. Glabot-was? Ach so, Gladbeck, Bottrop und Kirchhellen. Und was sollte aus Herwanwat werden? Ab nach Bochum!

Hauptpostamt Wanne, Repro Stadtarchiv Herne

Während die Stadträte unverdrossen auf den Ostendorf-Vorschlag setzten und einen Planungsverband beschlossen, applaudierten SPD und CDU im Landtag der Achter-Variante. Den Bürgerinnen und Bürgern in Herne, Wanne-Eickel, und Wattenscheid reichte es jetzt. Bürgerinitiativen wurden gegründet, Unterschriften gesammelt. Ende 1972 wollte Innenminister Weyer die Landtagsabgeordneten vor die Wahl stellen: Pest oder Cholera (wie viele Bürger glaubten) – sprich: acht Städte mit jeweils mindestens 200.000 Einwohnern oder vier Stadtverbände.

Der Mega-Verband „Bochum“ hätte demnach aus den Städten Herne, Wanne-Eickel, Wattenscheid, Witten, Recklinghausen, Datteln und Marl bestehen sollen. Eine äußerst sympathische Lösung, befanden plötzlich manche der betroffenen Stadtfürsten. Jetzt schlug die Stunde der Parteien-Arbeitskreise. Während die CDU andere Filetierungsvorschläge machte, besannen sich die Kollegen von der SPD wieder auf den Ruhrsiedlungsverband, den man doch zu einem kommunalen Dachverband entwickeln könne. Vision Ruhrstadt anno 1972. Abenteuerliche Konstruktionen und Begriffe wie „Dreierstädte“ oder „Perlenstädte“ machten die Runde. Jedes Gremium und jede Expertenrunde zog einen neuen Plan aus dem Hut – am Ende waren es 32 (!) Modelle, die im Zuge der Neuordnung diskutiert wurden.

1973 trennten sich die Wege der kleineren Städte. Wattenscheid entschloss sich zur völligen Blockadehaltung und sammelte Unterschriften. Zu wenige allerdings, mit dem späteren Ergebnis einer Zwangseingemeindung nach Bochum. Das niederschmetternde Resultat dieser Politik kann heute besichtigt werden. Castrop-Rauxel flirtete mit Recklinghausen und wurde später dem Kreis angeschlossen. Aus heutiger Sicht die pfiffigste Lösung, was man in Castrop-Rauxel besichtigen kann. Und Wanne-Eickel? Zog plötzlich gemeinsam mit Herne die Idee der „Städte-Ehe“ aus dem Hut.

Kleine Wappenkunde: 49 Jahre lang waren Emscherpferd und drei Eickeler Rauten die Visitenkarte der Stadt Wanne-Eickel. Darunter das ehemalige Herner Wappen. Ganz unten das Wappen der neuen Stadt Herne. Repro Stadtarchiv Herne

Die Landesregierung versuchte es im September 1973 noch einmal mit der Eingemeindungs-Brechstange, aber ohne Erfolg. Und mit der SPD-Fraktion des Landtages im Rücken durften Herne und Wanne-Eickel im Mai 1974 das Aufgebot bestellen. Am 01. Januar 1975 wurde geheiratet. Ohne Jubel und ohne Feier. Der neue Herr im Haus schraubte als Erstes die Namensschilder ab, und nicht nur an den Ortseingängen. Mit unglaublichem Eifer wurden auch in den Nachbarstädten, an Autobahnen, in Fahrplänen und Karten alle Schilder und Hinweise auf die ehemalige
Stadt Wanne-Eickel entfernt. Ab sofort gab es nur noch 4690 Herne 2.

Was war noch mal der Anlass für die Kommunalreform? Ach ja: Alles sollte für die Bürger in den neu geordneten, größeren Städten besser werden. Was in Wanne- Eickel heute natürlich auch besichtigt werden kann.

Wolfgang Berke

Aus: Berke, Wolfgang,  Das Buch zur Stadt Wanne-Eickel, Mythen, Kult, Rekorde: Eine Zeitreise durchs Herz des Ruhrgebiets, Das Buch mit der Website: www.wanne-eickel.info, 136 Seiten, Klartext Verlag, Essen 2002, Seiten 17 und 18, Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Wolfgang Berke