Leonhard (Leo) Reiners (Leiter der Herner Kultur- und Pressestelle)

Lebensdaten

Leonhard, kurz Leo, Reiners wurde am 24. Dezember 1898 in Viersen als Sohn des Werkmeisters Gerhard Reiners und seiner Frau Katharina geboren. Im Jahre 1904 zog die Familie nach Krefeld. Er besuchte von 1905 bis 1909 die katholische Volksschule; anschließend wechselte er zur Oberrealschule in Krefeld, die er vor dem Abitur im November 1916 wegen Einberufung zum Wehrdienst verlassen mußte. Nach der militärischen Ausbildung in Soest und Sennelager wurde er zu einer MG-Kompanie an die Westfront versetzt, kehrte aber Ende Februar 1918 nach einer schweren Erkrankung und nach längerem Lazarettaufenthalt zur Ersatzkompanie ins Sennelager zurück. Während eines Erholungsurlaubs bestand er die Reifeprüfung an der Oberrealschule in Krefeld. Am 12. April 1919 wurde Reiners aus dem Wehrdienst entlassen. Er übernahm im Mai 1919 eine Lehrtätigkeit an der Rektoratschule in Haren (Ems), die er zur Vorbereitung auf die humanistische Ergänzungsprüfung nutzte. Diese legte er am 12. März 1920 am Gymnasium in Lingen (Ems) ab.

Studium

Von 1920 bis 1923 studierte Reiners an den Universitäten Münster und Bonn Philosophie, Theologie, Literatur- und Kunstgeschichte. Während des Studiums arbeitete er vom 08. August bis 20. September 1923 im Büro für Erwerbslosenfürsorge der Stadtverwaltung Krefeld, was ihm im Zusammenhang mit dem passiven Widerstand eine mehrtägige Untersuchungshaft bei der belgischen Besatzungstruppe eintrug. Seine akademische Ausbildung beendete er Anfang 1927 mit der Promotion zum Dr. phil. mit dem  Thema: ‚Phänomenologie und Metaphysik der Liebe bei Malebranche‘.

Berufliche Tätigkeit und Familiengründung

Leonhard Reiners trat am 22. Juni 1925 eine Stelle als Alleinredakteur beim ‚Niederrheinischen Tageblatt‘ in Kempen an. Vorausgegangen war eine gelegentliche Mitarbeit an Zeitungen in Münster und Krefeld. Ende Juni 1927 siedelte er nach Herne über, wo er am 01. Juli 1927 die Hauptschriftleitung des ‚Herner Anzeigers‘ übernahm. Diese Tätigkeit übte er bis zum 07.  September 1939 aus.

Dr. Leonhard Reiners, Repro Stadtarchiv Herne
Dr. Leonhard Reiners, Repro Stadtarchiv Herne

Leonhard Reiners heiratete am 16. Januar 1929 Elfriede Reuschel. Aus dieser Ehe stammen die Kinder Helga (geb. am 1. Oktober 1929), Leo Richard (geb. am 10. Oktober 1930) und Edgar (geb. am 15. November 1934).

Vom Landesverband Rheinland-Westfalen im Reichsverband der deutschen Presse wurde er im Mai 1934 als ‚Schriftleiter für alle Fächer‘ in deren Berufsliste eingetragen. Im April 1937 folgte die Eintragung in die ‚Sonderliste der Kunstschriftleiter (Kunstbetrachter)‘ für folgende Gebiete künstlerischer Betätigung: Theater, Film, Bildende Kunst und Schrifttum.

Wehrdienst – Kündigung – Entnazifizierung

Am 08. September 1939 wurde Leonhard Reiners zum Wehrdienst eingezogen und war bis Kriegsende im Sanitätsdienst in Hamm (die meiste Zeit als Hauptfeldwebel des Standortlazaretts) eingesetzt. Wegen der von den Nazis angeordneten Schließung des ‚Herner Anzeigers‘ zum 31. Mai 1941 endete auch sein Arbeitsverhältnis bei der Zeitung. In seinem Zeugnis des Verlages und der Druckerei Koethers & Röttsches heißt es unter anderem: ‚Die Zeit seiner Tätigkeit fiel in die wohl wechselvollste und schwierigste Periode des Zeitungswesens im Rheinisch-Westfälischen Industriegebiet, deren Wechselfälle nur durch außerordentliches Geschick und kluges Handeln gemeistert werden konnten. Der schriftleiterischen Arbeit von Herrn Dr. Reiners ist es im wesentlichen mit zu verdanken, wenn der ,Herner Anzeiger‘ diese Zeit mit großem Erfolg überstand … Ganz besondere Verdienste erwarb sich Herr Dr. Reiners um die Förderung der kulturellen Belange, vor allem der Heimatkunde. Hier entwickelte er sich durch beispielhaften Fleiß zu der anerkannt führenden Persönlichkeit in der Herner Heimatgeschichtsforschung. Der Niederschlag seiner wissenschaftlichen Arbeit im ‚Herner Anzeiger‘ sicherte diesem eine Beachtung über Herne hinaus …‘

In der Anlage zum Entnazifizierungs-Fragebogen schildert Dr. Reiners seine Arbeitsbedingungen im Dritten Reich wie folgt: ‚… Der ‚Herner Anzeiger‘ wie auch die ‚Gelsenkirchener Zeitung‘ gehörten der Zentrumspartei an und haben bis nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten die NSDAP mit aller Kraft bekämpft. Auch als dies unmöglich wurde, blieb die Einstellung zum Nationalsozialismus zurückhaltend. Die Partei hat daher den ‚Herner Anzeiger‘ stets gehasst und ihm erhebliche wirtschaftliche Schäden zugefügt (Entzug von Beziehern, Druck- und Inseratenaufträgen, Propaganda gegen ihn usw.), sodass die wirtschaftliche Lage des Verlages und der darin Beschäftigten immer schwieriger und schließlich ein Vergleichsverfahren erforderlich wurde. Die Partei hatte die Absicht, den ‚Herner Anzeiger‘ ganz zu schließen, nahm aber davon zunächst Abstand mit Rücksicht auf die große Anzahl der darin Beschäftigten. Die ständige Bedrückung und Schließungsgefahr zwangen mich schließlich, als den geistigen Repräsentanten der Zeitung, eine Geste zu machen und mich als Parteianwärter anzumelden, um die feindseligen Parteikreise zu beruhigen und das Verlagsunternehmen zu retten. Trotz dieses Opfers ging der Hass der Partei weiter, und am 31.05.1941 wurde der ‚Herner Anzeiger‘, wie viele ehemals katholische Zeitungen, geschlossen.‘

Zur Beurteilung seiner schriftleiterischen Arbeit zitiert Reiners aus folgenden Quellen:

Auskunft der Kreisleitung der NSDAP: ‚Der ‚Herner Anzeiger‘ hat öffentlich gegen die NSDAP in der schärfsten Form gehetzt. Er hat den Kampf noch nach der Machtübernahme bis zur Verkündung des Schriftleitergesetzes fortgesetzt…‘

Auskunft des Oberbürgermeisters Albert Meister: ‚Der ‚Hemer Anzeiger‘ hat die Angriffe gegen die NSDAP auch nach der Machtübernahme sobald nicht eingestellt. Wenn damals das Vorhaben, den Betrieb überhaupt zu schließen, nicht verwirklicht wurde, so einzig und allein aus Rücksichtnahme auf die zahlreich im Betrieb arbeitenden Volksgenossen … Der vorliegende Fall ist wohl der krasseste, bei dem Schutz wegen Verstoßes gegen das gesunde Volksempfinden versagt werden muss.‘

Beschluß des Amtsgerichtes Herne vom 12. Februar 1941: ‚Es ist allgemein bekannt und auch gerichtsnotorisch, dass gerade der ‚Herner Anzeiger‘ in der Kampfzeit öffentlich in der Tagespresse den schärfsten Kampf gegen den Führer geführt hat. Der ‚Herner Anzeiger‘ war vor dem Umbruch das öffentliche Organ der Zentrumspartei, die stets als Gegnerin der nationalsozialistischen Bewegung einen scharfen Kampf angesagt und versucht hat, diese Bewegung mit allen Mitteln zu unterdrücken. Nach erhaltener Auskunft hat diese Zeitung auch nach der Machtübernahme diesen Kampf sobald noch nicht eingestellt. Kein Parteigenosse und auch kein Volksgenosse würde es verstehen, wenn einem solchen Unternehmen der Schutz des Schuldenbereinigungsgesetzes zuteil würde. Es handelt sich hier um den Inhaber eines öffentlichen Organs, das sich zu den krassesten Gegnern der nationalsozialistischen Partei zählte.‘

Nach kurzem Aufenthalt in einem Kriegsgefangenenlager wurde Dr. Leonhard Reiners am 28. Mai 1945 entlassen.

Berufliches Engagement nach dem Krieg

Nach Einrichtung einer Kultur- und Pressestelle bei der Stadt Herne ab 15. August 1945 durch Dr. Reiners wurde dieser ab 26. August 1945 als Leiter dieser neugeschaffenen Dienststelle eingestellt, die später in ein selbständiges Kultur- und Presseamt umgewandelt wurde. Durch sein engagiertes, ideenreiches Wirken hat er dem kulturellen Neuaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg wesentliche Impulse gegeben.

In einem Brief an die Stadt Herne vom 16. Juli 1998 schreibt Pfarrer Leo Reiners in Erinnerung an das Wirken seines Vaters: „Mein Vater hat die gesamte kulturelle Arbeit in Herne nach dem Krieg aufgebaut: Kulturveranstaltungen, Konzerte, Theater, Oper, Vorträge. Da Herne weithin unzerstört war und im Ruhrgebiet daher ‚Goldene Stadt‘ genannt wurde, kamen namhafte Theater nach Herne. Die Lichtburg wurde als Theater genutzt und das Bühnenhaus auf Betreiben meines Vaters erweitert. Damals spielten die Bühnen Bochum, Essen, Gelsenkirchen und das Westfälische Landestheater in Herne. Berühmte Künstler kamen damals gern ‚in die Provinz‘. Mein Vater förderte die Herner Chöre, vor allem den Städtischen Musikverein.

Er war Leiter des Volksbildungswerkes und baute dieses Werk von Anfang an auf.

Als Leiter des Kulturamtes war er verantwortlich für die Städtische Bücherei und das Museum. So konnte er mit seinem alten Weggefährten Karl Brandt den Ausbau des Museums betreiben und die heimatgeschichtliche Arbeit fortsetzen.

Karl Brandt im Gespräch mit Dr, Leonhard Reiners (links), frühe 1950er Jahre, Repro Stadtarchiv Herne
Dr. Leonhard Reiners im Gespräch mit Karl Brandt (rechts), frühe 1950er Jahre, Repro Stadtarchiv Herne

Er war Leiter des Herner Verkehrsvereins und hat sich für die Verkehrsverbindungen nach Herne eingesetzt. Mir sind viele Verhandlungen um den Fahrplan mit der Bahndirektion in Essen in Erinnerung. Er war stolz, wenn wieder ein weiteres Zugpaar in Herne hielt.

Er bemühte sich um die Werbung für die Stadt Herne. Ich erinnere mich noch an die große Aktion ‚Herne soll schöner werden‘. Er entwarf Prospekte und Werbebroschüren. Er bemühte sich um Straßenführungen und Straßennamen.

Er schrieb die Stadtgeschichte fort in Form des 5-Jahresberichtes.

Er setzte sich ein für die Gründung und Ausstattung der ‚Bücherei desdeutschen Ostens‘. Ich erinnere mich, dass er in Antiquariatskatalogen nach Büchern über den Deutschen Osten suchte.

Er förderte die jungen Künstler, z. B. die Brüder Gesing, und führte zahlreiche Kunstausstellungen mit ihnen durch.

Er setzte seine Arbeit über die Heimatgeschichte fort mit Artikeln. Dabei war es ihm um die Erforschung der Familiengeschichte der alten Herner Familien und Bauernhöfe zu tun z. B. Schulte-Berge.

Er war Mitglied im Westfälischen Heimatbund.

Nach dem Kriege wurde er überzeugtes Mitglied der CDU und begrüßte den politischen Neuanfang der Christen der beiden großen Konfessionen.

Er liebte die Stadt Herne, die ihm zur zweiten Heimat geworden war und nahm an Wohl und Wehe der Stadt leidenschaftlichen Anteil. So setzte er sich auch für Industrieansiedlung ein, um die gefährliche Monostruktur von Kohle- und Eisenindustrie in Herne zu verändern.‘

Wegen seiner Arbeitsüberlastung wurde mit Wirkung vom 01. April 1956 die Trennung von Kultur- und Presseamt vollzogen. Dr. Reiners blieb Leiter des Kulturamtes.

Er starb am 24. August 1958 in Herne plötzlich und unerwartet im Alter von 59 Jahren. Seinen Plan, die heimatgeschichtlichen Arbeiten zu sammeln und in Buchform herauszugeben, konnte er nicht mehr verwirklichen. So blieb sein Werk unvollendet. Auf dem Südfriedhof an der Wiescherstraße fand er seine letzte Ruhestätte.1) Auf zwei Wegen zur Stadtgeschichte – Karl Brandt und Leonhard Reiners 100 Jahre, Stadt Herne, Der Oberbürgermeister, Herne 1998, Seiten 71 bis 75

Ein Verzeichnis der Publikationen von Leonhard Reiners findet sich hier.

Manfred Hildebrandt

Anmerkung:

Dieser Text wurde von Manfred Hildebrandt im Auftrag der Stadt Herne verfasst und 1998 veröffentlicht. Der Text wurde für das Digitale Geschichtsbuch überarbeitet. Die hier veröffentlichte Version wurde von der Stadt Herne freundlich genehmigt.

 Jürgen Hagen

Anmerkungen

1 Auf zwei Wegen zur Stadtgeschichte – Karl Brandt und Leonhard Reiners 100 Jahre, Stadt Herne, Der Oberbürgermeister, Herne 1998, Seiten 71 bis 75
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