Margarete Henkel (Großstadtmacherin)

„Ein Säugling erhebt ein Dorf zur Großstadt“, so war es im Juli 1933 in der Wochenbeilage der Schleswig-Holsteinischen Landeszeitung, Ausgabe Rendsburg zu lesen. Nicht ganz den Tatsachen entsprechend hieß es weiter: „Die westfälische Stadt Herne hat infolge der Entwicklung der rheinisch-westfälischen Industrie einen Aufschwung genommen, wie selten eine Stadt in Deutschland. Vor 50 Jahren noch ein winziges Dorf ist es jetzt mit Herne soweit gekommen, daß sie auf Grund des hunderttausendsten Einwohners zur Großstadt angewachsen ist.“

Wochenbeilage der Schleswig-Holsteinischen Landeszeitung, Juli 1933, Repro Stadtarchiv Herne
Wochenbeilage der Schleswig-Holsteinischen Landeszeitung, Juli 1933, Repro Stadtarchiv Herne

Margarete Henkel hieß das „historische“ Baby, dass am 14. März 1933 Herne zur Großstadt machte. Wenige Tage später war der Großstadtglanz aber schon wieder vorbei. Durch die übliche Frühjahrsabwanderung von Saisonarbeitern aufs Land waren in Herne am 27. März genau 99.993 Einwohner gemeldet. Es sollte bis 1947 dauern, bis Herne wieder zu Großstadtehren kam.

Die Geburt der Tochter des Grubenelektrikers Josef Henkel und seiner Ehefrau, der Schneidermeistertochter Johanna geb. Katzenich war aber ein gesellschaftliches Ereignis. Die Herner Zeitungen gaben Extraausgaben heraus und das Radio brachte ein Interview mit den Großstadteltern.

Urkunde der Stadt Herne, April 1933, Repro Stadtarchiv Herne
Urkunde der Stadt Herne, April 1933, Repro Stadtarchiv Herne

Es gab Blumen und Präsente. Die Henkel-Werke ließen sich wegen der Namensgleichheit nicht lumpen: Persil, Sekt, Essbestecke usw., wie die Westfälischen Rundschau vom 14. März 1952 berichtete. Von der Stadt gab es eine Urkunde und ein Sparbuch mit 100,00 Mark, auszahlbar zum 21. Geburtstag. Mehr kam von den Stadtvertretern nicht. Das hatte seinen Grund, passte die Tochter eines überzeugten Demokraten doch nicht in das Weltbild der neuen braunen Machthaber.

Margarete Henkel war kein Glückskind. In ihrer Kindheit war sie häufig krank, während des Zweiten Weltkrieges wurde sie nach Pommern evakuiert. Die Eltern verloren durch Bombenangriffe zwei geerbte Häuser. Nach dem Krieg und dem Besuch der Volksschule verbrachte sie einige Zeit in einer Kinderheilstätte im Münsterland, wo Henkel auch als Haushaltshilfe tätig war. Eine Arbeit, die sie später weiter ausübte.  Margarete Henkel geriet schnell in Vergessenheit. Erst in den 1950er Jahren erinnerte man sich wieder an die „Hunderttausendste“. Henkel selbst brachte sich – auf Anraten ihres damaligen Arbeitgebers – aus Anlass ihres baldigen 21. Geburtstages in Erinnerung. So schrieb Sie dem damaligen Oberbürgermeister Robert Brauner am 25. Februar 1954 einen Brief:

„Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister! Am 14. März 1933 habe ich Herne berühmt gemacht. Durch meine Geburt wurde Herne Groß-Stadt. Am 14. März feiere ich nun meinen 21. Geburtstag und ich habe den stillen Wunsch, daß die Stadtväter von Herne an ihre 100.000. Bürgerin des Jahres 1933 denken werden.“

Brauner ließ sich nicht lange bitten, am 08. März 1954 lud er Margarete Henkel zu einem Gespräch ein. Mit Datum vom 12. März 1954 kam dann vom Oberbürgermeister per Post ein Geschenk:

„Geehrtes Fräulein Henkel! An anderer Stelle habe ich ihnen schon die Glückwünsche zu ihrem 21. Geburtstag ausgesprochen. Hierdurch teile ich ihnen mit, daß ich Ihr Sparguthaben bei der Sparkasse der Stadt Herne vom 14.3.1933, welches mit 15,00 DM nach der Abwertung noch zu verbuchen steht, mit 100,00 DM aufgefrischt habe. Es stehen damit 115,00 DM auf diesem Konto als Guthaben, über das Sie verfügen können. Ich weiß allerdings nicht, ob das ihrem „stillen Wunsche“ entspricht, hoffe aber, daß Sie darin unseren guten Willen anerkennen.“

Neben dem Geldgeschenk gab es noch eine Urkunde von Rat und Verwaltung, unterzeichnet von Oberbürgermeister Brauner.

WAZ vom 13. März 1993, Repro Stadtarchiv Herne
WAZ vom 13. März 1993, Repro Stadtarchiv Herne

In den Folgejahren gab es mehrere Zeitungsartikel über die „Großstadtmacherin“. Zuletzt berichtete die WAZ am 13. März 1993 zum 60. Geburtstag über Henkel.

Die ledige Margarete Henkel starb – längst wieder in Vergessenheit geraten – zwischen dem 31. Mai und 01. Juni 2003 in Herne.

Jürgen Hagen

Quellen:

  • Stadtarchiv Herne, Dokumentationsbibliothek, Bestand Personen, Margarete Henkel
  • Westdeutsche Allgemeine Zeitung, Ausgabe Herne, 17.11.2018
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