Sind wir Demokraten?

Rudi Dutschke und Johannes Rau diskutierten auf Einladung des Aktuellen Forums Wanne-Eickel und die Stadt verweigerte die Nutzung des städtischen Saalbaus

„Nun kann man ihn bald auch im Ruhrgebiet bestaunen: Rudi Dutschke, den Chefideologen des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes und Anführer der antiparlamentarischen Opposition von Linksaußen. So weltfremd der junge Mann mit dem Rollkragenpulli, unrasiertem Gesicht und Haartolle auch anmutet, er hat es verstanden, die Diskussionen über das Unbehagen der Jugend im Allgemeinen und die Hochschulreform im Besonderen für seine Zwecke auszunutzen. Von Kiel bis München vergeht kaum eine Woche ohne Diskussionen mit diesem Star aller Demonstrationen, Der heute 28-jährige Soziologie-Student hat erreicht, was längst nicht alle Nobelpreisträger und Professoren geschafft haben: eine bundesweite Publizität.“ (WAZ vom 18.1.1968)

Auf Einladung des Aktuellen Forums Wanne-Eickel reiste Dutschke im Februar 1968 nochmals ins Ruhrgebiet, um mit dem damaligen Vorsitzenden der sozialdemokratischen Landtagsfraktion, Johannes Rau, ein Streitgespräch zum Thema „Sind wir Demokraten?“ zu führen. Die Stadtverwaltung Wanne-Eickel verweigerte die Benutzung des städtischen Saalbaus, aus Angst vor angeblichen Politrockern und Krawallmachern. Die Stadtväter von Wattenscheid gaben sich innovativ und stellten die Stadthalle zur Verfügung. Aus der ganzen Republik erreichten Kartenwünsche das Wanne-Eickeler Bildungswerk. Die Außerparlamentarische Opposition erreichte in jenen Tagen ihren politischen Höhepunkt mit zahlreichen Demonstrationen und Diskussionsveranstaltungen. Zechensterben, Bildungsnotstand, Fahrpreiserhöhungen, Notstandsgesetze und der Vietnamkrieg waren die brisanten Themen, die auch im Revier in der aktuellen Tagespolitik eine zentrale Rolle spielten.

„Es war die Veranstaltung, wo mindestens zwölf Polizeipräsidenten, Oberbürgermeister und Oberstadtdirektoren im Saal waren und damit zum Ausdruck brachten, dass sie ein derartiges Streitgespräch für richtig hielten“, erinnerte sich der Initiator des Geschehens, Helmut Hellwig, ehemaliger sozialdemokratischer Abgeordneter im nordrhein-westfälischen Landtag. Nicht alle Sozialdemokraten waren über die Diskussionsveranstaltung erfreut. Der stellvertretende Parteivorsitzende Herbert Wehner intervenierte mit dem Ziel, die Podiumsdiskussion mit Rau und Dutschke zu verhindern. Der Zuchtmeister der SPD und politische Architekt der Großen Koalition erkannte die von den Parteilinken verfolgte Strategie: Die Begegnung des SDS-Ideologen und des etablierten Vertreters der SPD sollte die Partei nach links öffnen. Damit wäre die von Wehner geplante Fortsetzung der Großen Koalition über das Wahljahr 1969 hinaus unmöglich geworden.

Die Sozialdemokraten Steffen und Hellwig waren sich darin einig, dass an diesem Sonntagmorgen der rote Rudi mit seinen am Werk des Philosophen Ernst Bloch entwickelten rhetorischen Fähigkeiten brillierte. Hellwig sprach von einer „merkwürdigen Sprache, die zum Zuhören verführte“ und beim Publikum auf eine faszinierende Bereitschaft zum Zuhören stieß. Getragen von seiner originellen, ausgefeilten Rhetorik, stellte Rudi Dutschke seine Ideen und zukunftsorientierten politischen Visionen leidenschaftlich vor.

Großes Interesse sorgte für einen überfüllten Saal in der Wattenscheider Stadthalle, Foto Norbert Kozicki, 1968
Großes Interesse sorgte für einen überfüllten Saal in der Wattenscheider Stadthalle, 1968, Repro Norbert Kozicki

An diesem Sonntagmorgen trat Rudi Dutschke zur Überraschung vieler im blauen Anzug auf. Die Presse meldete: „Dutschke glattrasiert und im Anzug“. Während des Flugs überzeugte Micki Beinert, damaliger Bildungsreferent der Falken in Westberlin, der für das Aktuelle Forum den Kontakt zu Dutschke hergestellt hatte, den SDS-Mann, dass er in seiner üblichen Kluft – quergestreifter, weiter Pullover und Jeans – im Ruhrgebiet nicht auftreten könne. Im Düsseldorfer Flughafen tauschten beide ihre Klamotten. Beinert und Dutschke hatten zufällig die gleiche Konfektionsgröße. Micki Beinert lief während der Veranstaltung im Mantel herum, weil er nicht zeigen wollte, dass er die Jeans von Dutschke trug.

Als die beiden Berliner in der Wattenscheider Stadthalle eintrafen, führte Organisator Hellwig Rudi Dutschke in einen Nebenraum, damit er sich frisch machen konnte. Veranstalter Helmut Hellwig erinnerte sich: „Als ich Dutschke zur Bühne führte, brauchten wir in der relativ kleinen Wattenscheider Stadthalle über zwanzig Minuten bis wir sie erreichten. Immer wieder sprangen Menschen auf und bedrängten Dutschke: , Rudi, wir kommen aus dem Sauerland, wir sind drei Leute, was müssen wir tun, um den Kampf zu verstärken?‘ Die sahen in Rudi Dutschke einen Propheten. Und immer wieder der Ruf: , Rudi, wir kommen aus dem Hessenland, kannst du nicht mal …‘ Und Rudi nahm sich Zeit für diese Menschen.“

„Mir lag daran, von Johannes Rau zu hören, wie er den von Dutschke eingeschlagenen Weg beurteilt, und ob er meine, dass die Studentenproteste der jungen Demokratie in unserem Land förderlich seien. Von Dutschke wollte ich erfahren, wie er sich denn eine andere Bundesrepublik, ein anderes Deutschland vorstelle“, erläuterte der Moderator Friedrich Steffen, Kulturdezernent und Stadtkämmerer a.D. von Wanne-Eickel.

Die Sozialdemokraten Steffen und Hellwig waren sich darin einig, dass an diesem Sonntagmorgen der rote Rudi mit seinen am Werk des Philosophen Ernst Bloch entwickelten rhetorischen Fähigkeiten brillierte. Hellwig sprach von einer „merkwürdigen Sprache, die zum Zuhören verführte“ und beim Publikum auf eine faszinierende Bereitschaft zum Zuhören stieß. Getragen von seiner originellen, ausgefeilten Rhetorik, stellte Rudi Dutschke seine Ideen und zukunftsorientierten politischen Visionen leidenschaftlich vor.

Rudi Dutschke, Moderator Friedrich Steffen und Johannes Rau (v. l.), Foto Norbert Kozicki, 1968
Rudi Dutschke, Moderator Friedrich Steffen und Johannes Rau (v. l.), 1968, Repro Norbert Kozicki

„Ich denke, wir sind nicht dadurch Demokraten, dass wir uns hier versammeln dürfen, das zum Ersten. Wir haben auch dann noch nicht Demokratie, wenn wir uns streiten dürfen. Und wir haben auch dann noch nicht Demokratie, wenn da welche meinen, einen Auftrag zu haben. Wir haben auch dann noch nicht Demokratie, wenn die etablierten Parteien feststellen, sie seien die Vertreter des demokratischen Staates“, begann Rudi Dutschke seinen ersten Diskussionsbeitrag an diesem Sonntagmorgen, um dann einen historischen Exkurs zum Ursprung der Demokratie zu starten.

Er entwickelte drei Thesen:

1. Das Bürgertum hat nach der Französischen Revolution die Begriffe Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit hochgehalten, doch der ökonomische Prozess der Konzentration und Zentralisation des Kapitals führte zur sozialen Spaltung.

2. Die Umwandlung des faschistischen Antisemitismus in einen vorgeschobenen Antikommunismus diente dazu, die lohnabhängigen Massen nach der größten Katastrophe der deutschen und internationalen Geschichte bei der kapitalistischen Stange zu halten.

3. Im Interesse des Erhalts der formalen Demokratie muss die SPD gegen die Notstandsgesetze geschlossen vorgehen.

In seinem zweiten Diskussionsbeitrag skizzierte Dutschke die Rolle der Sozialdemokratie mit folgenden Worten: „Nun sollten wir doch einmal die historische Kontinuität der SPD einfach sehen und nicht verdrängen. Der Weg der SPD ist bis heute eine ununterbrochene Wiederholung historischer Fehler. Er ist ein ewiger Versuch, sich als staatstragende Partei auszuweisen und anzubiedern und immer in der falschen Stunde.“ (Zitate nach dem Mitschnitt des Westdeutschen Rundfunks vom 4.2.1968)

An anderer Stelle prognostizierte er: „Wenn die Demokratie aus dem Parlament verschwindet, bei den Parteien nicht mehr zu Hause ist, dann geht sie auf die Straße, um sich endlich dort wiederzufinden, wo das Volk ist.“

Auf die Frage des Moderators „Ist die Bundesrepublik ein autoritärer Staat?“ antwortete Dutschke u.a.: „Also ein Staat ist autoritär, wenn er seinen Bürgern nicht aus der Struktur seiner Institutionen heraus, und zwar mit der ganzen Kraft der Institutionen und der Parteien tagtäglich die Möglichkeit gibt, die Wirklichkeit in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit zu erfahren … Die Bundesrepublik ist darum autoritär, weil weder die Parteien noch die anderen Gruppen von der Regierungslügenmaschine bereit sind, die Massen über die Situation aufzuklären, in die die Bundesrepublik hineingeraten ist.“

Dutschke stellt seine Ideen und politischen Visionen vor, Foto Norbert Kozicki, 1968
Dutschke stellt seine Ideen und politischen Visionen vor, 1968, Repro Norbert Kozicki

Der Begriff der Manipulation und des Meinungsterrors durch die Monopolpresse a la Springer bildeten weitere zentrale Argumentationsfiguren von Dutschke. Den etablierten Parteien warf er Verkrustung und Bürgerferne vor. Die Parteien müssten ihre Alltagsarbeit wieder mit realem politischem Inhalt füllen und die Auseinandersetzung mit den Menschen suchen.

Besonders Dutschkes argumentatives Eintreten gegen die militärische Aggression der USA in Vietnam überzeugte viele Menschen von der Notwendigkeit des eigenen politischen Handelns. Vierzehn Tage später wiederholte er vor 5.000 Menschen seine Thesen während des Internationalen Vietnam-Kongresses in Westberlin, der den Höhepunkt der Vietnam-Kampagne der Außerparlamentarischen Opposition darstellte.

Der Fraktionsvorsitzende Rau explizierte seine Positionen und konstatierte zur Sprache von Dutschke: „Ich habe zwei Stunden lang versucht, einmal die Vokabeln aufzuschreiben, mit denen Sie im wesentlichen ihre Argumentation führen. Ich will sie nicht verlesen, aber ich will sagen, ich habe die Sorge, dass die Höhenlage der Sprache nicht dazu dient, ihre Ziele deutlich werden zu lassen, dass Sprache hier nicht verdeutlicht, nicht verständlich macht, sondern verschlüsselt…“

Mit dieser Kritik traf Johannes Rau in die Achillesferse der Studentenbewegung und von Rudi Dutschke, denn das war das große Problem der APO in der Öffentlichkeit: Auch die Sprache der Studenten verhinderte einen „deutschen Mai“ mit der massenhaften Verbrüderung von revoltierenden Studenten und generalstreikenden Arbeitern. „Ich lerne gerade verständlich sprechen“, lautete die Schlagzeile der Tagespresse in Essen am 5.Februar 1968 mit einem Zitat des SDS-Ideologen. An dem besagten Sonntag fand nachmittags eine zweite Diskussionsveranstaltung mit Dutschke in der Aula der Maschinenbauschule am Viehofer Platz statt. 1.500 Menschen drängten sich ins Schulgebäude. Mehrere hundert Menschen zogen enttäuscht ab, weil sie keinen Einlass fanden. Auch in Essen kritisierte er die grundsätzlichen autoritären Strukturen der Gesellschaft, des Parlaments und der Parteien. Er fordert zur „Organisierung im eigenen Bereich“ auf, zum Kampf gegen das internationale Kapital und gegen das „Gefühl der Ohnmacht“, das in uns allen sei.

Diese Podiumsdiskussion stellte eine Sternstunde der politischen Bildungsarbeit während der sechziger Jahre dar. Das Aktuelle Forum Wanne-Eickel, bis dahin ein örtlicher Verein zur Förderung der politischen Bildung, entwickelte sich zu einem landesweit agierenden Bildungswerk mit dem ersten Vorsitzenden Johannes Rau. Die Macher des Aktuellen Forums Nordrhein-Westfalen formulierten die Ziele: Permanente Information von Wählerinnen und Wählern, offene Diskussion über die gesellschaftlich relevanten Probleme und Hinführung zur politischen Mündigkeit. Für die Gründung des Vereins war auch noch ein anderer Aspekt entscheidend. Die Landeszentrale für politische Bildung vergab ihre Mittel für die Erwachsenenbildung zu achtzig Prozent an CDU-nahe Institutionen, eine Folge der langen konservativen Herrschaft in Nordrhein-Westfalen. Mit der Gründung des Aktuellen Forums NRW setzte eine förderungspolitische Trendwende ein.

Die Demokratisierungsdebatte, die 1968 von Leuten wie Dutschke vehement geführt wurde, gaben der politischen Bildung neue, erweiterte Ziele vor: Abbau von Chancenungleichheiten, Erweiterung von gesellschaftlicher Partizipation, Stärkung von Veränderungspotentialen und Verbesserung der Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit. Die Erwachsenenbildung transformierte sich zu einem Werkzeug zur Veränderung der Gesellschaft.

In den siebziger Jahren erfuhr die politische Erwachsenenbildung einen ungeheuren Aufschwung. Viele Länder der alten Bundesrepublik erließen entsprechende Gesetze. In Nordrhein-Westfalen verabschiedete der Landtag am 11. Juli 1974 ein „Erstes Gesetz zur Ordnung und Förderung der Weiterbildung“. Ein weiterer Meilenstein in der Geschichte der politischen Bildung war das 1985 in Kraft getretene „Arbeitnehmerweiterbildungsgesetz“, das allen Lohn- und Gehaltsabhängigen in Nordrhein-Westfalen eine Teilnahme an Weiterbildungsveranstaltungen unter Fortzahlung des Arbeitsentgelts garantierte. Neben den Volkshochschulen entwickelte sich in NRW bis heute eine bunte Palette von unterschiedlich ausgerichteten autonomen Bildungswerken. 

Norbert Kozicki

 

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