Einzug der Reformation in das Gebiet von Alt-Herne

Wichtige Hinweise zum Einzug der Reformation in das Gebiet der alten Stadt Herne – wie auch in das Gebiet von Wanne-Eickel – gibt der evangelische Pfarrer und Historiker Johann Diederich von Steinen in seinem mehrbändigen Werk „Westphälische Geschichte“. In diesem berichtet von Steinen, dass im Jahr 1559 der katholische Pfarrer Wilm Brabeck sein Amt niederlegte. Als Nachfolger übernahm  Crafft Messing (Schreibweise nach von Steinen) von Herbede das Amt.1561 begann Crafft Messing gegen den katholischen Glauben zu predigen. Gleichzeitig führte er den Katechismus Luthers ein.

Die romanische St. Dionysiuskirche war der sakrale Mittelpunkt im Kirchdorf Herne, die der Verbreitung von Luthers Lehren diente und auf die benachbarten Gemeinden, die zum Kirchspiel Herne gehörten, ausstrahlte. Als Kirchspiel wurde ursprünglich ein Pfarrbezirk, in dem die Ortschaften einer bestimmten Pfarrkirche und deren Pfarrer zugeordnet sind, bezeichnet. So gehörten zum  Kirchspiel Herne die Bauerschaften Altenhöfen, Baukau, Bergen, Hiltrop, Holsterhausen und Pöppinghausen.

 

Modell des alten Dorfes Herne mit der St. Dionysiuskirche als Mittelpunkt, Foto Stadtarchiv Herne
Modell des alten Dorfes Herne mit der St. Dionysiuskirche als Mittelpunkt, Foto Stadtarchiv Herne

 

Vermutlich in der Zeit vom 9. bis frühen 12. Jahrhundert wurde die erste Kirche im Dorf Haranni gebaut (1150 wird aus dem altdeutschen „haranni“ das mittelhochdeutsche  „hernen“). Grabungsfunde weisen auf einen Vorgängerbau der St. Dionysiuskirche hin. Ob dieser Bau schon der religiöse Mittelpunkt einer eigenen Pfarrgemeinde gewesen ist, lässt sich an Hand der bekannten Quellen nicht mehr sagen. Nachweisen lässt sich aber, dass die Pfarrangehörigen, d.h. für das Mittelalter alle innerhalb des Sprengels wohnenden Menschen, auf dem Kirchhof beerdigt wurden. Bei Ausgrabungen auf dem Altmarkt wurden Mitte der 1930er Jahre südlich der jetzigen Kreuzkirche beigabenlose Körpergräber mit Baumstammsärgen frühestens aus dem 9. Jahrhundert entdeckt. Dies spricht für eine christliche Bestattungskultur.

 

Die St. Dionysiuskirche, Foto Stadtarchiv Herne
Die St. Dionysiuskirche, Foto Stadtarchiv Herne

 

In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts, spätestens in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts wurde die „neue“ St. Dionysiuskirche gebaut. Der Turm stammte noch vom Vorgängerbau. Mit der Industrialisierung kamen auch nach Herne immer mehr Menschen. Die Kirche wurde zu klein, ein neues Gotteshaus musste her. Die nicht baufällige St. Dionysiuskirche wurde 1876 abgebrochen, der Turm bereits 1873. Dessen Steine dienten als Fundament für den Neubau. Die neue evangelische Kirche wurde 1875 eingeweiht. 1963 erfolgte die Umbenennung von Hauptkirche zur Kreuzkirche.

Die Umwidmung der St. Dionysiuskirche von der katholischen zur lutherischen Lehre durch Crafft Messing sollte nach dessen Tod – vermutlich im Jahr 1570 – wieder rückgängig gemacht werden. Der nun im Herner Kirchspiel tätige Pfarrer Dietrich Ockendorf aus Buer versuchte, die Reformation umzukehren. Der Patron Göddert von Strünkdede verhinderte dies, indem er 1573 die Pfarrstelle an Leonhard Frielinghaus vergab, der eine Tochter von Crafft Messing heiratete. Ebenso wurde in der Schlosskapelle ein lutherischer Pfarrer eingesetzt. 1669/70 wurde dann endgültig festgestellt, dass Herne eine Gemeinde nach lutherischem Bekenntnis ist.

 

Die evangelische Hauptkirche mit Pastorat, um 1928, Foto Stadtarchiv Herne
Die evangelische Hauptkirche mit Pastorat, um 1928, Foto Stadtarchiv Herne

 

Die Strünkeder sorgten jedoch um 1686 auf Alt-Herner Gebiet für eine Spaltung innerhalb der evangelischen Kirche. Sybille Gertrud von Strünkede geb. von der Recke zu Horst, Witwe von Gottfried von Strünkede, führte in Strünkede die evangelisch-reformierte Lehre ein. Dieser Schritt führte zu einigen Konflikten. So berichtet Ludwig Koechling in seinem 1961 erschienenen Buch „400 Jahre evangelische Kirchengemeinde Herne“ von einer großen Schlägerei zwischen „aufgewiegelten Herner Bauern“ und „Strünkedeschen Knechten“.  Um eine nachträgliche Leichenpredigt für das totgeborene Kind des Freiherrn Johann Conrad von Strünkede, das am 24. Dezember 1700 im Strünkeder Keller der St. Dionysiuskirche lutherisch bestattet wurde,  halten zu können, versuchten Reformierte, sich gewaltsam Zutritt zur Kirche zu verschaffen. Hiergegen läuteten die Lutheraner Sturm, die Schlägerei brach aus. Daraufhin ließ Johann Conrad von Strünkede zwei der Bauern, die die Sturmglocke geläutet hatten, gefangen nehmen.

Erst 1845 vereinigten sich die evangelisch-reformierte Strünkeder Gemeinde und die evangelisch-lutherische Gemeinde Herne zu einer Gemeinde.

 

Schloss-Strünkede-Kapelle im Winter, 1960er Jahre, Foto Robert Grabski
Schloss-Strünkede-Kapelle im Winter, 1960er Jahre, Foto Robert Grabski

 

Mit der Industrialisierung, die Mitte des 19. Jahrhunderts einsetzte, und dem Zuzug von Katholiken aus den Ostgebieten, fasste die katholische Kirche auf Alt-Herner Gebiet wieder Fuß.

An den Einzug der Reformation in Herne erinnerte der Kraft-Messing-Platz, der südlich der Kreuzkirche, am Standort der ehemaligen St. Dionysiuskirche, lag. Die Benennung des Platzes erfolgte am 27. November 1961, also im 400. Herner Reformationsjahr. Im Mai 1976 wurde der „Kraft-Messing-Platz“ in die „Sodinger Straße“ einbezogen.

Jürgen Hagen

 

Quellen:

  • Stadtarchiv Herne, Dokumentationsbibliothek, Bestand Kirchen, St. Dionysius- und Kreuzkirche
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