Vespa-Club Wanne-Eickel

Die Verkehrsdichte unserer Städte wird das Rollerfahren befördern…

‚Alles musste ein gutes Bild geben‘, erinnerte sich der Fahrlehrer August Schirbach von der Heidstraße im Wanner Norden, wenn er mit Glanz in den Augen über die Blütezeit des Vespa-Clubs Wanne-Eickel erzählte. Am 30. März 1952 hob August Schirbach mit dem KfZ-Meister Lemke, den Lehrern Meier und Hüppe sowie dem Kraftfahrer Heinz Heimann den Motorrollerclub aus der Taufe. In der Gastwirtschaft Sassenhoff-Altevogt an der Dorstener Strasse führten sie die Gründungsveranstaltung durch, verabschiedeten ihre Vereinssatzung und wählten den Vorstand. Bereits ein Jahr später zählte der Club über vierzig sportbegeisterte Motorrollerfahrerinnen und -fahrer.

Eine stattliche Anzahl von Besitzern einer Vespa, wenn man bedenkt, dass so ein italienischer Zweisitzer über 1.200 DM in den frühen fünfziger Jahren kostete. Die Käufer dieser attraktiven Motorroller legten Wert auf Eleganz und Zuverlässigkeit. Der dem Motorroller charakteristische Spritzwasserschutz ermöglichte den Damen und Herren eine korrekte Kleider- und Anzugsordnung. Aus diesem Grund benutzten viele Handelsvertreter diese wendigen Fahrzeuge, um ihre Kundschaft zu erreichen. Auch die holde Weiblichkeit konnte ohne große Schwierigkeiten im Reitersitz das Fahrzeug bewegen.

 

 

‚Beim Motorrollerfahren ging alles feiner zu‘, betonte August Schirbach und benennt die drei immensen Vorteile dieses fahrbaren Untersatzes: nettes, zierliches Fahrzeug, wartungsfrei und erfordert wenig Raum. ‚Im Winter stellt man die Vespa einfach in den Hausflur‘, so August Schirbach.

Die Lederbekleidung der häufig martialisch auftretenden Motorradfahrer war den auf Eleganz bedachten Vespafans verpönt. Motorradfahrer lebten und leben in einer ‚anderen Welt‘.

1950 erhielt die Düsseldorfer Firma Hoffmann die Lizenz vom italienischen Mutterbetrieb zum Bau der Vespa. In Italien verzeichnete dieser Roller nach dem Zweiten Weltkrieg sensationelle Verkaufserfolge. Die profitable Idee zum Bau dieses originellen Zweisitzers hatte Enrico Piaggio. In 42 Jahren wurden über 8 Millionen Fahrzeuge dieses Typs verkauft. In Wanne-Eickel entwickelte sich die Firma Wepag-Schützdeller zur ersten Adresse, wo die jungen Leute mit Führerscheinklasse 4 ihre ‚brummenden Wespen‘ erstanden. Vespa-Club-Initiator Schirbach verdient sein tägliches Brot in dieser Firma als Motorradverkäufer, so die offizielle Berufsbezeichnung.

‚Die Neulinge unter den Rollern, der Lambretta, der Heinkel und der Goggo hatten gegenüber der Vespa-Piaggio keine richtige Marktchance‘, bemerkte August Schirbach fast beiläufig. Die Firmen Piaggio und Hoffmann erkannten frühzeitig, dass eine kreative Markt- und Werbestrategie enorme Umsätze ermöglicht. Die zündende Idee zur Gründung der Vespa Clubs hatten die Marketingexperten in der Geschäftsführung der Düsseldorfer Firma Hoffmann. Die deutsche Herstellerfirma unterstützte die Clubs nicht nur finanziell, sondern gab regelmäßig eine Vespa Club Zeitung heraus, führte sogenannte Delegiertenversammlungen durch und beriet in rechtlichen Fragen bei der konkreten Gestaltung der Vereinssatzung. Nachdem anfänglich nur zentrale Vespa-Treffen von Seiten der Firma durchgeführt wurden, entwickelten die Clubmitglieder im Laufe der Zeit die organisatorischen Fähigkeiten, eigene Vereinstreffen mit lokalem und regionalem Charakter durchführen zu können.

 

 

August Schirbach und seine Vespa-Freunde knüpften Kontakte in ganz Deutschland und über die holländische Grenze hinaus. Das Vereinsleben gestaltete sich überaus vielfältig: Wochenendausflüge, Museumsbesuche, Geschicklichkeitsturnier, wöchentliche Clubabende und gesellige Veranstaltungen. Zu einer für die Jugendlichen besonderen Attraktion entwickelten sich die Geschicklichkeitsturniere, die häufig auf dem Sportplatz des SV Holsterhausen an der Heinrichstrasse durchgeführt wurden. Die Vespa-Fahrer mussten eine Wippe überqueren, fuhren Slalom, kreuzten eine Schmierseifenbahn und balancierten akrobatisch über eine vier Meter lange Bole. ‚Aber alles ohne Risiko‘, betonte August Schirbach, ‚durch diese Fahrübungen verbesserten die Leute ihr fahrerisches Können und das kam der eigenen Sicherheit im Strassenverkehr zugute.‘

Dass dieses pädagogische Herangehen nicht überflüssig war, erfuhr mancher Vespa-Fan, der bei regnerischem Wetter unfreiwillig Bekanntschaft mit dem Blaubasaltpflaster machte. Besondere Höhepunkte für die Jugendlichen stellten die Ausflüge am Wochenende dar, wenn die Vereinskolonne von über dreißig Vespas durch das Stadtgebiet rollte. Gisbert Heimann, Reparaturschlosser der Gelsenkirchener Firma Seitz, die den Wanne-Eickeler Vespa-Club ebenfalls tatkräftig unterstützte, fuhr am Ende der Kolonne, um eventuell die liegengebliebenen Maschinen wieder flott zu machen. Die vier Heimann-Brüder bildeten den Kern der Jugendabteilung des Vespa-Clubs Wanne-Eickel, die sich wegen der ‚besseren Musik‘ häufig in der Gaststätte ‚Zur Krone‘ an der Gelsenkirchener Strasse traf. Dort gab es auch in der Woche Life-Musik von Wanne-Eickeler Bands.

Diese Jugendlichen sorgten über die Mundzumundpropaganda, dass der Absatz der Vesparoller nicht stockte. Die Verkaufsstrategie der Firma Hoffmann ging voll auf: die Vespa-Clubs der fünfziger Jahre ermöglichten mit die enorme Popularität dieses italienischen Zweisitzers.

 

 

‚Die Verkehrsdichte unserer Städte und die Parkplatznot wird das Rollerfahren fördern‘, prognostizierte August Schirbach während des Interviews in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts.

Nachtrag:

Auszug aus einem Artikel anlässlich der diamantenen Hochzeit von Christa und Heinz Heimann erschienen in der WAZ-Herne am 27. Mai 2014.

‚Strahlender Sonnenschein, eine weiße Hochzeitskutsche und 30 Vespas als Eskorte, jeder Fahrer in Frack und Zylinder‘: Das klingt wie das Ende in einem alten italienischen Film. Aber für Christa und Heinz Heimann begann damit eine Ehe, die nun 60 Jahre lang währt. Heute feiert das Paar diamantene Hochzeit.

‚Wir sind immer noch so, wie wir uns kennengelernt haben‘, sagt der 84-jährige Heinz Heimann. Auch wenn die Zeiten vorbei seien, in denen er mit seiner Christa auf einer Vespa die Welt bereist habe: Berchtesgaden, Mosel oder Bodensee. Wohlgemerkt: auf einer Vespa. Christa Heimann lacht. ‚Mit einem Kind ging das ja noch irgendwie, auf dem Schoß, aber als dann das zweite kam, mussten wir uns doch über ein Auto Gedanken machen.‘ Seitdem zog das Paar aus Wanne sogar vier Kinder groß, hat heute sieben Enkel. ‚Und der erste Urenkel ist auch auf dem Weg‘, erzählen sie stolz.

Beide waren Gastwirtskinder aus Herne. Kennen gelernt haben sie sich in der Schule, gingen später tanzen. Und am 27. Mai 1954 nahm Heinz, Verkaufsfahrer für die Firma Hiesgen, Christa zur Frau.

Vespa ist die einzige Liebe neben Christa

Heinz Heimann war damals schon der Vespa, dem heute Kult gewordenen Motorroller des italienschen Fahrzeugherstellers Piaggio, verfallen – seine einzige Liebe neben Christa. ‚Meine Brüder und ich sind als ,die Gebrüder Heimann’ aufgetreten, jeder mit seinem eigenen Gefährt.‘ Auch Christa trat in den Vespa-Club ein und so wurde der Motorroller zum Symbol ihrer jungen Liebe. Noch heute haben sie viele gute Freunde aus dieser Zeit. Die Feiern zu ihrer diamantenen Hochzeit müssen deshalb gleich auf mehrere Termine verteilt werden.

Norbert Kozicki

 

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