Die Geschichte
Nach einem Erlass des Bundesfinanzministers durften für öffentliche Bauten 1 – 3 % der Gesamtbausumme für künstlerische Ausgestaltungen verausgabt werden. Hiervon machte die Stadt Herne Gebrauch und schrieb 1955 einen Ideenwettbewerb zur künstlerischen Ausgestaltung des Volksschulneubaus in Herne-Sodingen aus. Insgesamt neun Künstler, u. a. die bekannten Robert Imhof sowie Hermann und Jupp Gesing, reichten ihre Vorschläge ein.
Den Zuschlag bekam die Börniger Bildhauerin Elisabeth Hoffmann mit der Plastik ‚Das Tor‘, die von der Künstlerin als ‚Gruppe der Ballspieler‘ beschrieben wurde. Es gab zwei Varianten, die Plastikgruppe mit und ohne Brunnenanlage. Die Stadt entschied sich aus Kostengründen für die Variante ohne Brunnen. Die Plastikgruppe sollte auf einen Sockel gesetzt werden. Insgesamt wurden 12.000,00 DM veranschlagt, 10.000,00 DM für die Plastik, 2.000,00 DM für Sockel und sonstige Arbeiten.
Mit Schreiben vom 03. Februar 1957 legte Hoffmann einen ersten Entwurf der Plastik ‚Gruppe der Ballspieler‘ vor. Dieser Entwurf stellte Oberbürgermeister Robert Brauner, Oberstadtdirektor Edwin Ostendorf sowie Stadtkämmerer Hermann Kleine nicht zufrieden. Gemäß des Titels ‚Das Tor‘, sollte die ‚Gruppe der Ballspieler‘ lebendiger gestaltet werden. Elisabeth Hoffmann erklärte sich bereit, ihren Entwurf in Ton zu überarbeiten. Am 30. April 1957 trafen sich Brauner, Ostendorf und Kleine im Atelier von Hoffmann. Der neue Entwurf fand Zustimmung, und so wurde am 14. Mai 1957 Elisabeth Hoffmann der Auftrag erteilt, die Plastikgruppe zu einem Festpreis von 10.000,00 DM aus Anröchter Dolomit zu fertigen.
Geplant war, die Plastikgruppe aus einem Block zu fertigen. Dies ließ sich jedoch nicht realisieren, da die Dolomitensteinbrüche in der Bruchsaison keinen geeigneten Steinblock liefern konnten. Mit Schreiben vom 20. Juli 1957 schlug Hoffmann vor, die Plastikgruppe in Maßblöcken aufzuschichten. Man würde zwar Horizontalfugen sehen, die aber nicht stören würden. Weiter führte sie aus, dass die Aufschichtung von Steinmaterial in der Bildhauerei gebräuchlich sei. Als Beispiele führte Hoffmann an: Venus von Milo = 2 Blöcke, Laokoon-Gruppe = 6 Blöcke, Bamberger Reiter = 3 Blöcke, Martin von Lucca = 8 Blöcke, Buddhaplastiken in Japan und Aztekische Karyatiden in Mexiko = mehrere Blöcke.
Beeindruckt von den Beispielen erklärte sich die Verwaltung mit Schreiben vom 13. August 1957 einverstanden, die Plastikgruppe aus 3 Blöcken Dolomit herzustellen. Dabei legte die Stadt größten Wert darauf, dass die Arbeit auch in handwerklicher Weise einwandfrei zusammengefügt wird, sodass die Plastik wie bei dem von Elisabeth Hoffmann erwähnten historischen Beispielen gefertigt wird.
‚Das Tor – Gruppe der Ballspieler‘ wurde im August 1958 fertiggestellt, die Abnahme durch Robert Brauner, Edwin Ostendorf und Hermann Kleine erfolgte im Atelier der Bildhauerin am 08. August 1958. Anschließend wurde die Plastikgruppe auf dem Schulhof der Sodinger Volksschule, der jetzigen Mont-Cenis-Gesamtschule, aufgestellt. Am 02. September 1958 wurde Elisabeth Hoffmann die vierte Abschlagszahlung i. H. v. 3.000,00 DM ausgezahlt (vorherige Abschlagszahlungen: 06. Juni 1957 = 1.000,00 DM, 16. Oktober = 3.000,00 DM, 17. Februar 1958 = 1.000,00 DM). Mit der Schlusszahlung i. H. v. 2.000,00 DM am 12. November 1958 hatte Elisabeth Hoffmann den Auftrag erfüllt.



Am 04. August 1960 dokumentierte der Stadtfotograf Rolf Baumann die Gruppe unter der Negativ-Kartei-Nr. R369 und dem Auffindnamen ‚Plastik ‚Das Tor‘, Schulhof Sodinger Str., Ostbachtal‘.
Dann wurde es still um die Plastikgruppe, bis Elisabeth Hoffmann selbst das Kunstwerk 1968 wieder in Erinnerung rief. In der Herner Ausgabe der Westfälischen Rundschau vom 20./21. Juli 1968 erklärte sie, dass die Gruppe eine sogenannte ‚Allround-Plastik‘ sei, die drei Jungen darstellt. Sie erklärte hierzu: ‚Man gewinnt immer einen neuen Eindruck, ob man die Plastik morgens, mittags, nachmittags oder abends betrachtet. Lichteffekte spielen eine große Rolle‘.


Warum die Umwidmung erfolgte, konnte nicht geklärt werden. Möglich, dass Hoffmann hierbei auf ihren Entwurf ‚Spielende Kinder‘, veröffentlicht in der Herner Zeitung vom 07. April 1956, zurückgriff.
Eine kurze Karriere als Fußballzuschauerdenkmal
Die Plastikgruppe wurde ohne eine besondere Zeremonie aufgestellt. Eine Berichterstattung hierüber findet man nicht. Drei Zeitzeugen, die vom Stadtarchiv Herne befragt wurden, waren zum Zeitpunkt der Aufstellung dort Schüler. Unabhängig voneinander erklärten sie, dass es eine offizielle Einweihung nie gegeben habe, die Plastik ’stand einfach da‘ und zwar ursprünglich auf dem ehemaligen, höher gelegenen Schulsportplatz, der mit einer Sprunggrube mit Anlaufbahn und einer Wurfgeraden ausgestattet war.


Die lokale Presse aber berichtete einige Zeit nach der Aufstellung über die Hoffmannsche Plastikgruppe. So schrieb die Herner Zeitung vom 03. Oktober 1958, dass drei Schüler ihre Fußballmannschaft anfeuern würden. Der Herner Lokalteil der Westfälischen Rundschau mit gleichem Datum berichtete, drei Jungen würden einem Fußballspiel zuschauen und der Volksmund hätte diese Gruppe auch als drei Findelkinder oder das erste Denkmal des SV Sodingen bezeichnet. Die WAZ wiederum erklärte, ebenfalls am 03. Oktober 1958, drei Sodinger Jungen würden in künstlerischer Form ‚Toor!‘ schreien. Einen Namen, so war man sich in den Artikeln einig, habe die Plastik aber nicht. Ganz anders der Bericht im Westfalenteil der Westfälischen Rundschau vom 24./25. Januar 1959: Die bis dato namenlose Plastik ist nun ein Ehrenmal für den unbekannten Fußballzuschauer, anstatt drei Schüler/Jungen verfolgen nun drei Herren ein Fußballspiel und die Plastik steht nicht auf dem Schulhof, sondern in einer Parkanlage.
Bei allen vier Artikeln wurde richtigerweise angegeben, dass Elisabeth Hoffmann die Plastik geschaffen hat. Ganz offensichtlich wurde sie aber nicht persönlich befragt, anders sind die unterschiedlichen Deutungen in den Berichten, die zwar alle von Fußball und Zuschauern sprechen, aber im Detail die Plastik unterschiedlich beschreiben, nicht zu erklären. In zwei Artikeln wird die Frage aufgeworfen, seit wann die Plastik dort steht. Eine anwesende Elisabeth Hoffmann hätte sicherlich etwas dazu gesagt. Ebenso hätte Sie das Kunstwerk eindeutig bezeichnet.
Und so kam es, dass die Plastik von ‚Schülern, die ein Spiel ihrer Fußballmannschaft anschauen‘, zu einem Denkmal für den ‚unbekannten – erwachsenen – Fußballzuschauer‘, mutierte.




Zur weiteren Prüfung auf Authentizität dieser Artikel wurde Dr. Joachim Wittkowski vom Germanistischen Institut der Ruhr-Universität Bochum kontaktiert, der wiederum an das Institut für Journalistik in Dortmund verwies. Professor Dr. Horst Pöttker vom Institut für Journalistik wurden daraufhin vorgenannte Artikel sowie die Artikel aus der Westfälischen Rundschau vom 20./21. Juli 1968 und der Herner Zeitung vom 07. April 1956 zur Untersuchung übersandt.
Das Ergebnis dieser Untersuchung lautet: Zweifel an der Authentizität der Berichterstattung sind angebracht. Die Artikel aus 1958 und 1959 scheinen weniger den Absichten von Elisabeth Hoffmann gerecht zu werden als journalistischer Phantasie zu entspringen. Darauf deuten das Fehlen von Zitaten und Fotos der Künstlerin in den Artikeln sowie dort verwendete Floskeln wie ‚von der Öffentlichkeit unbemerkt‘, ’soweit wie bisher bekannt‘, ‚uns scheint‘ usw. die von Journalisten gern verwendet werden, wenn keine exakten Rechercheergebnisse vorliegen, hin. Anders jedoch die Artikel aus den Jahren 1956 und 1968. Hier sprachen die jeweiligen Autoren tatsächlich mit der Künstlerin.
Resümee
Im Ergebnis werden (ball)spielende Kinder/Jungen dargestellt, die sich über ein gerade geschossenes Tor freuen. Das lässt sich gleichfalls aus der Plastikgruppe selbst schließen. Folgt man der Anregung von Elisabeth Hoffman und umrundet die ‚Allround-Plastik, drei Jungen darstellend‘, gewinnt man schnell den Eindruck einer gewissen, sportaktiven Dynamik.




Man sieht keineswegs drei sitzende Personen, vielmehr wird eine dynamische Bewegung – Ausfallschritten nicht unähnlich, drei Beine vorn, drei Beine hinten – der drei Akteure angedeutet, die sich nach dem Erfolgserlebnis Torschuss freuend umarmen. Der Kontext ergibt sich auch daraus, dass die Plastikgruppe ursprünglich auf dem Schulsportplatz stand.
Jürgen Hagen1
Meinung:
Der Torschrei – Ein Denkmal für den unbekannten Fußballzuschauer? | Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen – ein Text von Ralf Koss
Quellen:
- Stadtarchiv Herne, Dokumentationsbibliothek, Bestand Denkmale, Plastikgruppe ‚Das Tor – Gruppe der Ballspieler‘ / ‚Drei Jungen‘
Anmerkung
- Siehe auch: Der Torschrei – ein moderner Mythos aus Herne-Sodingen. ↩︎