UnRechtsOrt Polizeigefängnis Herne

Eine Dokumentation zur Geschichte des Herner Polizeigefängnisses von 1933 – 1945

Vor drei Jahren rückte ein bis dahin weitgehend unbekannter Ort in der Herner Innenstadt in den Blickpunkt des Interesses, das ehemalige Polizeigefängnis. Dieser architektonisch eher schlichte Innentrakt des Polizeiamtsgebäudes am (heutigen) Friedrich-Ebert-Platz war den Lokalhistorikern der DGB-Geschichtswerkstatt bei ihrer Spurensuche nach den Ereignissen in der Zeit der NS-Diktatur von 1933 bis 1945 in besonderem Maße aufgefallen: In den städtischen Sterbebüchern tauchte dieser Ort mit der Anschrift „Adolf-Hitler-Platz 3“ als letzte Wohnanschrift vieler Verstorbener auf. Vertiefte Recherchen machten deutlich, dass an diesem Ort Willkür und brutale Machtausübung stattfanden. Widerständige Bürger und Bürgerinnen aus der Arbeiterbewegung, Oppositionelle aus den christlichen Kirchen, Bibelforscher (Zeugen Jehovas), Juden und Jüdinnen, Sinti und Roma sowie in den letzten Kriegsjahren Zwangsarbeiter*innen und Kriegsgefangene wurden hier unter widrigsten Bedingungen inhaftiert und misshandelt.

Dieser authentische Ort bietet heute die Chance zur Errichtung eines Lern- und Erinnerungsortes. Das war der Anlass zur Gründung des Trägervereins Förderkreis Mahn- und Gedenkstätte Polizeigefängnis Herne e.V. im Mai 2019. Für diese Zielsetzung arbeitet der Förderkreis, und er hat dabei große Unterstützung gefunden – bis hin zum einstimmigen Beschluss des Rates der Stadt Herne im Dezember 2021.
Parallel zu den Bemühungen um die Realisierung dieses Projekts haben Mitglieder des Förderkreises weitere Recherchearbeit geleistet. Der frühere Gewerkschaftssekretär Norbert Arndt hat dazu in dieser Dokumentation wichtige Ergebnisse seiner intensiven Recherchen zum Polizeigefängnis zusammengefasst und sie mit anderen Daten, Dokumenten, Aussagen und Erfahrungsberichten ergänzt. Damit ermöglicht er Einblicke in das Geschehen an diesem authentischen Unrechtsort in unserer Stadt, das zuvor jahrzehntelang keine angemessene Beachtung fand. Daraus ergeben sich zwangsläufig wichtige Fragestellungen für weitere lokalhistorische Recherchen, etwa nach der konkreten Beteiligung Herner Polizisten an den Verbrechen vor Ort und an den Massenmorden durch die Polizeibataillone im Osten Europas sowie nach durchgeführten oder unterlassenen Konsequenzen beim Wiederaufbau der Polizei nach der Befreiung vom Faschismus. Auch die Rolle der kommunalen Verwaltung bei der Etablierung des lokalen Terrorapparates gilt es zu untersuchen, nicht zuletzt aber auch dessen aktive und passive Unterstützung durch große Teile der städtischen Zivilgesellschaft.
Die Dokumentation muss daher als Zwischenergebnis der lokalhistorischen Recherchen verstanden werden, mit ihrer Herausgabe soll vor allem Anstoß für weitere Nachforschungen gegeben werden. Insbesondere junge Menschen dazu zu ermutigen, ist ein Ziel der bürgerschaftlichen Initiative, das ehemalige Polizeigefängnis zu einem Ort des aktiven Erinnerns und Lernens zu machen. Norbert Arndts Dokumentation dient diesem Zweck: Die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit mit lokalhistorischen Bezügen ausgehend von dem authentischen Erinnerungs- und Lernort Polizeigefängnis soll zur Entwicklung von Kompetenzen beitragen, sich kritisch zu aktuellen Formen der Ausgrenzung von Menschen, des Rassismus, des Antisemitismus und des völkisch-nationalistischen Denkens verhalten zu können.

Rolf Dymel, Vorsitzender des Förderkreises Mahn- und Gedenkstätte Polizeigefängnis Herne e.V, März 2022

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