Revierpark Gysenberg – Das Kinderspielhaus

Von der Beatscheune zum Kinderspielhaus

Der alte Gutshof im Revierpark Gysenberg in Herne hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Bei der Gründung des Revierparks im Juni 1970 wurden die historischen Gemäuer in den Park integriert. Wobei: Integriert ist gar nicht das passende Wort.

Das Kinderspielhaus Pfiffikus, 2008, Repro Stadtarchiv Herne

Denn: Anfangen konnte die Gründerväter nicht viel mit dem Gutshof. Und auch später stand er immer wieder leer. Abreißen durften ihn die Verantwortlichen für den Revierpark Gysenberg nicht. Also blieb er stehen. „Während der Bauzeit saß dort die Bauleitung, später richtete man Diensträume und Wohnungen ein“, berichtet Stadtarchivar Jürgen Hagen. Und verweist dann auf die erste Nutzung des Gebäudes im jungen Revierpark – auf „die nicht unumstrittene Karriere als Beatscheune“.

Beatscheune kann Krawall vertragen, Freizeithaus nicht

Die „Beatscheune“, eine Konzert- und Party-Location, wurde im Hauptgebäude der Hofanlage eingerichtet, weil die Jugendlichen und jungen Erwachsenen im taufrischen Freizeithaus gefeiert und überall ihre Spuren hinterlassen hatten: „lädierte Rasenflächen, Gartenbeete, in denen jegliche Hoffnung keimender Natur zerstört war, Flaschen, Abfall, Trampelpfade und, an der östlichen Seiten des Freizeithauses, beflecktes Weiß“, so schrieb die WAZ am 08. Juni 1970 über die „unübersehbaren Spuren, die das Heer der etwa 1000 jungen Leute während des mehrstündigen Freizeit-Happenings hinterlassen hatten“.

In der Beatscheune und im Kinderspielhaus fanden früher Konzerte statt. Repro Stadtarchiv Herne

Flugs richteten die Revierpark-Chefs deshalb zwischen Zoo und der noch nicht ganz fertigen Eishalle die „Beatscheune“ her, die nötigen Kosten von 25.000 Mark etwa für neue Böden bewilligte die Politik im Handumdrehen. „Der Beatschuppen eignet sich besonders für sehr laute Veranstaltungen“, erklärte die WAZ am 24. Juni 1970 ihren Lesern. Und: „Er kann einen Krawall vertragen, ohne daß die Wände wackeln.“

Zuspruch im Kinderspielhaus war zunächst groß

Nach wenigen Jahren aber war schon Schluss, das Interesse an Beat und Scheune war sichtlich erlahmt. 1977, sagt Stadtarchivar Jürgen Hagen, wurde dann in dem Fachwerkhaus das Kinderspielhaus ins Leben gerufen. Kinder zwischen sechs und 14 Jahren konnten dort, erst von ehrenamtlichen Eltern und später von pädagogischen Fachkräften unterstützt, nach der Schule spielen, malen und basteln. Der Zuspruch war zunächst groß in dem Kinderspielhaus, das später den Namen „Pfiffikus“ erhielt: Etwa 30 Kinder, schrieb die WAZ zwei Jahre nach der Eröffnung, seien dort jeden Tag vor Ort.

Die Räume in dem Haus wurden renoviert, die zweite Etage wurde ebenfalls freigemacht, und auch das Programm wurde ausgebaut. Marion Hindel war seit 1981 insgesamt 27 Jahre lang als Erzieherin im „Pfiffikus-Haus“ und beschäftigte sich mit vielen Generationen von Kindern. Offene und teiloffene Angebote habe der Revierpark dort angeboten, erzählt sie, darunter auch Koch,- Musik-, Theater- und Tanz- Workshops, zum Schluss dann noch Geburtstagsfeiern. „Die Angebote“, so Hindel, „waren Selbstläufer“. Vor rund 15 Jahren sei dann Schluss gewesen.

„Fröhliche Ferienstadt“ wurde dort angeboten

Für viele unvergessen: In dem alten Gutshof wurde Ende der 1970er/Anfang der 1980er Jahre auch das Ferien-Programm „Fröhliche Ferienstadt“ durchgeführt. „Dieses Programm machte den Kindern, die in den Ferien zu Hause blieben, ein umfangreiches Angebot“, sagt Hagen.

Das kann Christian Stiebling nur bestätigen. Der heutige Chef von Reifen Stiebling organisierte als 18-Jähriger das Ferien-Programm zum ersten Mal. Die Ferienstadt sei schnell ein Renner geworden, sage und schreibe 1.000 Kinder seien in den Sommerferien gekommen – täglich. Ihnen hätten die bald bis zu 30 Betreuer über drei Wochen ein riesiges, kostenloses Angebot von Basteln und Werken über Toben bis hin zu Besuchen in Schwimmbad, Wald, Kino und bei der Feuerwehr machen können. Eine Gruppe Frauen, so der damalige Geschäftsführer der gemeinnützigen Aktion, habe täglich für die Besucher im Akkord 1000 Brote geschmiert. Finanziert worden sei das Ganze durch die Stadt und durch Spenden. Die halbe Stadt habe sich für die „Fröhliche Ferienstadt“ engagiert, darunter viele Unternehmer. „Das war sensationell, eine tolle Zeit“, blickt Stiebling zurück. Etwa sechs Jahre sei der Ferienspaß gelaufen.

Vom Naturerlebniszentrum zur Party-Location

2018 wuchs dann nach Jahren des Leerstands eine neue Idee: Das Kinderspielhaus Pfiffikus sollte zum Naturerlebniszentrum umgewandelt werden. Präsentiert werden sollte den vor allem kleinen Besuchern dort ein Mix aus Bildung, Aktivitäten und Kunsthandwerk. Nach wenigen Monaten war aber schon wieder Schluss, die Betreiberin zog sich zurück.

Und heute? Da ist das „Pfiffikus-Haus“ wenn auch keine „Beatscheune“, so aber doch ganz frisch wieder eine Event-Location. Der LM:V-Veranstaltungsservice, der unter anderem auch das Veranstaltungszentrum Gysenberg betreibt, hat die Räume in dem denkmalgeschützten Haus gepachtet. Sie können gebucht werden für Hochzeiten, Firmen-, Vereins- und Familienfeiern.

Erbaut vom Grafen von Westerholt-Gysenberg

Erbaut wurde der historische Gutshof im heutigen Revierpark Gysenberg zwischen 1816 und 1830 von den Grafen von Westerholt-Gysenberg aus dem Abbruchmaterial der Schlossanlage des Johann von Gysenberg.

Das Hauptgebäude wurde immer wieder neu genutzt, lange stand es zwischendurch leer. Seit kurzem ist es eine Party-Location. Auf der Hofanlage gibt es noch zwei weitere Gebäude. In einem ist heute der Betriebshof für den Revierpark untergebracht, das andere ist baufällig und steht leer.

Michael Muscheid in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv Herne1)Der Text wurde am 15.07.2020 in der Herner Lokalausgabe der WAZ erstveröffentlicht.

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Anmerkungen

Anmerkungen
1 Der Text wurde am 15.07.2020 in der Herner Lokalausgabe der WAZ erstveröffentlicht.