Gysenberger Mühle

Ganz in der Nähe des Tierparks Gysenberg steht ein nur noch in Rudimenten vorhandenes Gebäude. Dieses Bauwerk war jedoch in früheren Zeiten für die damalige Bauerschaft von großer Bedeutung: „Eine schöne und einträgliche Mühle“ sei sie, stellte 1757 der Pfarrer und Historiker Johann Diederich von Steinen fest und meinte damit die Wassermühle im Gysenberger Wald. Die Mühle gehörte zunächst der adeligen Familie von Gysenberg und gelangte später in den Besitz der Grafen von und zu Westerholt. Graf Egon Franz von und zu Westerholt verkaufte 1927 den Gysenberger Wald an die Stadt Herne. Die 1721 erstmalig urkundlich erwähnte Mühle gehörte mit zum Inventar.

Gysenberger Mühle in den 1960er Jahren, Repro Gerd Biedermann

Die alte Bauerschaft Gysenberg unterlag einem „Mühlzwang“, d. h. ein fester Kreis von insgesamt 43 Mahlgenossen war gezwungen, sein Korn ausschließlich in der Mühle mahlen zu lassen. Mit diesem Mühlzwang war die Auslastung der Mühle gewährleistet, was wiederum die Einkünfte des Grundherrn sicherte. So wurde beispielsweise für das Jahr 1721 ein Jahresertrag von 4 Reichstalern und 50 Stübern erzielt. Damit konnte immerhin eine Köchin für ein halbes Jahr entlohnt werden. Mit Wegfall der Leibeigenschaft Anfang des 19. Jahrhunderts fiel diese sprudelnde Einnahmequelle weg, denn nun konnten die Nutzer ihre Mühle selbst wählen. Es entstanden zahlreiche neue Mühlenbetriebe und die Gysenberger Mühle musste sich ungewohnter Konkurrenz stellen.

Das Mühlengebäude und die technische Einrichtung stammten ursprünglich aus dem 18. Jahrhundert und wurden 1903 zu einem Fachwerkhaus mit ausgebautem Satteldach umgebaut.

Die Mühle lag am Oberlauf des Ostbachs oder der „Schmedebecke“, wie der Bach früher genannt wurde. Sie wurde zunächst aus zwei großen, heute noch bestehenden, Stauteichen betrieben.  Das Wasser wurde dabei über eine Zuleitungsrinne auf das Mühlrad gelenkt. Der Wasserbetrieb blieb bis 1908, dann wurde auf Maschinenbetrieb umgestellt. Der letzte tätige Müller war Johannes Höltmann. Er betrieb die Mühle noch nach dem Zweiten Weltkrieg.

Danach wurde das – wie es in einem Bericht heißt – „schmucke Fachwerkhaus, das noch heute angenehm auffällt“, gastronomisch genutzt.

„Es gibt zu wenig Imbissmöglichkeiten in diesem Bereich“, erklärte der Unternehmer Pelani in den Ruhrnachrichten vom 04. Mai 1971 und schloss mit einem Selbstbedienungsimbiss die Gysenberger Marktlücke. Tische und Stühle im Außenbereich sowie ein Bootsverleih zur Erkundung der ehemaligen Mühlteiche rundeten das Angebot ab. Nicht jeder war mit der Umwidmung zur Verpflegungsstelle für hungrige Mäuler einverstanden. „Altes Mahlwerk verrottet neben Affenküche“ titelte die WAZ vom 17. Februar 1982 und bemängelte, dass das historische Fachwerkhaus als Imbissbude „höchst profan“ genutzt werde. Das wollte der Heimatforscher Günter Habijan nicht hinnehmen und erneuerte im gleichen Artikel seine bereits im Juli 1980 an die Stadt Herne gerichtete Bitte, die geschichtsträchtige Wassermühle unter Denkmalschutz zu stellen. Ein Engagement, welches am Ende belohnt wurde: 1986 erfolgte endlich die Eintragung in die Liste der Baudenkmäler.

Damit nicht genug, 1990 wurden die schon länger diskutierten Pläne für eine Restaurierung der Mühle realisiert. Die Arbeiten gestalteten sich jedoch langwierig und schwierig. Und dann der Schock: Durch Brandstiftung wurde 1997 das Holzfachwerk von Erd- und Dachgeschoss und die Holzbalkendecke über dem Kellergeschoss vollständig zerstört. Ein Wiederaufbau des Mühlengebäudes war nicht realisierbar, mit der Konsequenz, dass es aus der Denkmalliste fiel.

Das Mahlwerk jedoch blieb mit Ausnahme geringfügiger Beschädigungen weitestgehend erhalten. Da die Technik der Gysenberger Mühle nur noch bei vier weiteren Ruhrgebietsmühlen zu finden sei, plädierte unter anderem der Münsteraner Landeskonservator energisch für eine Instandsetzung der noch erhaltenen Anlagen. Mit Erfolg, die Mühle wurde nun unter veränderten Bedingungen hergerichtet.

Von außen kann der lokalgeschichtlich interessierte Mensch einen Blick auf das Wasserrad werfen. Eine im Boden eingelassene Glasplatte soll die genaue Inaugenscheinnahme der Technik des Mahlwerkes ermöglichen, was zurzeit aber wegen der starken Verschmutzung des Glases schwierig ist. Betritt man den Gebäudeaufbau, der das ehemalige Mühlenfachwerkhaus repräsentieren soll, wird dem Besucher das technische Innenleben beeindruckend vor Augen geführt.

Auch wenn von der historischen Gysenberger Mühle lediglich ein Überrest verblieb, vermittelt dieses technische Denkmal doch recht eindrucksvoll, wie in früheren Zeiten die Wasserkraft genutzt wurde.

Gerd Biedermann, Jürgen Hagen

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Quellen:

  • Stadtarchiv Herne, Dokumentatiosnbibliothek, Bestand Revierpark Gysenberg, Gysenberger Mühle
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