Damals in Wanne-Eickel – ein Pressebericht von 1949

Bernhard Linvers ging sonntags noch zur Schlosskapelle

sagt der fast 72jährige Fuhrunternehmer Bernhard Linvers, der kürzlich auf eine 60 Jahre lange Geschäftszeit zurückblicken konnte.Traurig schaut er auf das Bild von „Hans“, den er selbst gezogen hatte. Ein Vierteljahrhundert zog „Hans“ Möbelwagen oder Kohlenkarren und brachte manchen Wanne-Eickeler zur letz­ten Ruhe. „Es muss wohl Schicksal sein, dass er gerade auf einem Friedhof in ein Ein-Mann-Loch stürzte und das Bein brach“, meint L. Als er zur Unglückstelle gerufen wurde, wieherte „Hans“ noch einmal auf; am nächsten Tag war „Hans“ tot.

Ruhiges Leben vor 50 Jahren

Als Linvers in der Heidstraße sein Ge­schäft eröffnete, dachte noch niemand an Autos und Straßenbahnen. Möbeltrans­porte bis Hamborn und weiter wurden nur mit Pferd und Wagen vorgenommen. „Wir waren Tag und Nacht unterwegs, kauften in den „Stammwirtschaften“ zur Mahlzeit ein Stück Wurst und einige Brötchen – und natürlich ein paar große Schnäpse“, erzählt L. „Es waren schöne ruhige Zeiten…“

Luftbildaufnahme des noch ländlich geprägten Wanne, Repro Gerd Biedermann

Fuhrmann muss Zigarre rauchen

„Einmal hatte ich einen neuen Fuhr­mann, der sich in der Gegend nicht aus­kannte. Als ich den nach Gelsenkirchen schickte, um Sauerstoff zu holen, riet ich ihm, das Pferd – es war „Hans“ – ruhig laufen zu lassen. Und er kam auch rich­tig an der Rampe an.“ Dann schwelgt L. in Erinnerung an die guten Zigarren vor dem ersten Kriege. „Fünf Pfennige das Stück, da musste ein Fuhrmann ja Zigar­renraucher werden.“

L. ist im „Kattenbusch“, der heutigen Bickernstraße, geboren. Er denkt noch oft an den weiten Schulweg bis zur späteren Diesterweg-Schule. Vor 60 Jahren musste er werktags mit den Eltern in die Schloss­kirche nach Crange pilgern, sonntags war Gottesdienst in Eickel. „Ich habe die ganze Entwicklung von Wanne und Eickel, von der Petroleumfunzel über die Gaslampe zum elektrischen Licht, vom Pferdeomni­bus „Alter Bahnhof – Herten“ über die Straßenbahn bis zum Autobus, mitge­macht“, freut er sich. Apropos, alter Bahnhof: „Es gibt wohl nicht mehr viele Wanne-Eickeler, die sich der Zeit erin­nern, als beim Einlaufen des Zuges die Glocke ertönte.“

Diesterwegschule, Repro Gerd Biedermann

Möbelwagen brannte aus

Aber auch Schicksalsschläge blieben nicht aus. „Man hat eben gute und schlechte Zeiten durchgemacht.“ Als L. jung verheiratet war, sollte er Möbel zu der heute stillgelegten Zeche Hermann nach Selm bringen. Die Leute hatten selbst geladen, nachts wollte L. dann los­fahren. Spät abends kam plötzlich ein Feuerwehrmann und sagte ihm: „Bern­hard, dein Wagen brennt.“ „Drei Zim­mer Möbel sind da verbrannt, ein schö­ner Schlag für mich.“ Im letzten Kriege wurde zunächst das Haus zerbombt, dann verlor er durch Bomben zwei Pferde. „Aber wir lassen den Kopf nicht hängen; wenn ich nur nicht gerade so schlecht zu­recht wäre“, lacht L. „Noch nie bin ich krank gewesen, es ist das erste Mal, dass ich mir den Magen verkorkst habe. Und trotzdem habe ich nicht mal ein Schnäpschen im Hause, dass wir wenigstens einen „Kleinen“ nehmen könnten. Die Geschäf­te dürften aber auch besser sein, Kohlen sind noch zu teuer (die Leute kaufen selten einen Sack voll, sondern fast nur in Eimern) und – es sterben auch weniger Menschen in Wanne-Eickel als früher.“

Der Text wurde von Gerd Biedermann entdeckt und für das Digitale Geschichtsbuch bearbeitet.

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