Die Essener Sozialisierungsbewegung und ihr Ende (Januar/Februar 1919)

Die Ereignisse im Raum Herne/Wanne-Eickel

Als nach der Novemberrevolution die Vertreter der Sozialdemokratischen Partei (auch als Mehrheitssozialisten MSPD bezeichnet) und die Unabhängigen Sozialdemokraten (USPD) die neue Regierung (Rat der Volksbeauftragten) bildeten, erwartete man grundlegende demokratische Veränderungen der Gesellschaft. Im Dezember 1918 beauftragte der 1. Rätekongress die Regierung, „mit der Sozialisierung aller hierzu reifen Industrien, insbesondere des Bergbaus, unverzüglich zu beginnen“. Sogar Friedrich Ebert hielt offiziell an der Zielsetzung fest, „eine Sozialisierung unserer Industrie …zur Durchführung zu bringen.“

Ende 1918 machten Teile der Bergarbeiterschaft im Ruhrgebiet Lohnpolitik „auf eigene Faust“, indem sie ohne die Gewerkschaften ihren Arbeitgebern direkt Forderungen stellten oder gar in den Streik traten. Zum Jahreswechsel nahmen die Streikaktivitäten der Bergleute zu. In Hörde beschloss eine Zechenbelegschaft die Einführung des Sechsstundentages, besetzte anschließend die Zeche und übernahm die Produktion in Selbstverwaltung. Damit erhielt die Idee der Sozialisierung einen gewaltigen Schub im Ruhrgebiet. Die Nachrichten vom Januaraufstand in Berlin lösten bei bestimmten Gruppen von Bergarbeitern weitere Aktionen aus.

 

Bergarbeiter-Zeitung vom 11.01.1919, Repro Norbert Kozicki
Bergarbeiter-Zeitung vom 11.01.1919, Repro Norbert Kozicki

 

In dieser Situation kam der Arbeiter- und Soldatenrat von Essen, in dem die drei Arbeiterparteien (SPD, USPD, KPD) paritätisch zusammenarbeiteten, zu der Ansicht, dass nur eine vorwärtstreibende gesellschaftspolitische Initiative helfen konnte. Der Rat beschloss, den Bergbaulichen Verein als Dachorganisation der Zechenunternehmer und das Kohlensyndikat in Essen zu besetzen und damit die Sozialisierung des Bergbaus im Ruhrgebiet einzuleiten. Der Essener Rat berief am 13. Januar 1919 eine Konferenz von Delegierten aller Ruhrzechen ein. Diese Konferenz bestätigte die Maßnahme und beschloss die Sozialisierung des Bergbaus. Die Delegiertenkonferenz wählte eine „Neunerkommission für die Vorbereitung der Sozialisierung des Bergbaues im rheinisch-westfälischen Industriebezirk“. In diese Kommission wurden jeweils drei Vertreter der Arbeiterparteien gewählt. Einer der drei Vertreter der SPD war der Herner Knappschaftsbeamte Julius Benz, der auch als Mitglied im Herner Arbeiter- und Soldatenrat mitwirkte. Die politische Parole lautete „Rätesystem ist besser als Streik“. Es sollte ein solches System auf allen Zechen geschaffen werden, um die Betriebsabläufe demokratisch mit weitgehenden Rechten der Bergleute zu gestalten. Der Aufbau des Rätesystems sollte der erste Schritt zur wirklichen Sozialisierung des Bergbaus werden.

 

Bekanntmachung zur Rätewahl, Essen, 15.01.1919, Repro Norbert Kozic
Bekanntmachung zur Rätewahl, Essen, 15.01.1919, Repro Norbert Kozicki

 

Die Essener Sozialisierungsbewegung verkannte dabei die politischen Absichten der von der SPD geführten Reichsregierung, aus der mittlerweile die Unabhängigen Sozialdemokraten nach den Berliner Ereignissen ausgetreten waren. Die Sozialisierungsbewegung wurde in dem Moment begonnen, als sich die SPD-Regierung eindeutig für eine parlamentarische Demokratie einsetzte. Das Modell einer Rätedemokratie war damit nicht vereinbar. Die SPD ging dabei von der Position aus, dass „angesichts der wirtschaftlichen Schwierigkeiten die Zeit für sozialistische Experimente nicht reif sei“.  Die Gewerkschaften schlossen sich der Politik der SPD an. Entscheidend für die Position der Gewerkschaften war die Befürchtung, durch eine Räteorganisation auf den Zechen eine ernstzunehmende Konkurrenz zu erhalten, und damit die Kontrollmöglichkeiten über die Arbeiter zu verlieren. Die Zechenunternehmer witterten ihre Chance, aufgrund der fehlenden Unterstützung der Arbeiter durch die SPD, Gewerkschaften und Regierung , die Rätewahlen zu verhindern. „Der Widerstand der Zechenbesitzer richtet sich in Wahrheit gegen die Sozialisierung und alles, was damit zusammenhängt.“ (Bochumer Volksblatt vom 6.2.1919, Nr. 31)

In der Zeit bis zum ersten Generalstreik im Februar 1919 weitete sich der Konflikt zwischen der Reichsregierung und der Neunerkommission in Essen aus. In Essen fanden am 20. Januar und 6.  Februar 1919 zwei weitere Konferenzen der Arbeiter- und Soldatenräte aus dem gesamten Ruhrgebiet statt, die von einer stärkeren Ablehnung der Positionen der Reichsregierung geprägt waren. Der zum Volkskommissar für die Sozialisierung ernannte Dr. Ruben (MSPD) legte schon am 22. Januar 1919 sein Amt nieder und wurde durch den polnischen Kommunisten Dr. Julian Marchlewski , auch kurz Karski genannt, ersetzt.

 

 

Die ablehnende Haltung der Regierung zur Sozialisierung fand auf der am 6. Februar 1919 stattfindenden Konferenz ihren Widerhall. Auf dieser Konferenz waren von den Räten aus dem Raum Herne/Wanne-Eickel anwesend: aus dem Amt Eickel Michels, Vieth und Nieblich, aus dem Amt Wanne Woroschinski und aus der Gemeinde Röhlinghausen Anton Wandzioch. (STAM, Büro Kölpin, Nr. 163)

Aus der Stadt Herne nahmen teil: Julius Benz als Mitglied der „Neunerkommission“, Karl Hölkeskamp und ein gewisser Balke. Aus dem Amt Sodingen reisten Benthaus und Trzosowski nach Essen an. Diese Konferenz der Vertreter  der Bergarbeiter stellte sich in einer Resolution gegen die Reichsregierung. „Das Ergebnis war, dass man von der Regierung die Anerkennung der Neunerkommission forderte und ihr durch Vollmachten die Durchführung des Rätesystems und die Kontrolle der Bergwerke übertrage.“ (STAM, Büro Kölpin, Nr. 163)

Diese Forderungen hatten ultimativen Charakter und sollten im Falle der Ablehnung am 15. Februar 1919 durch den Generalstreik beantwortet werden. Die Regierung vertrat weiterhin ihre grundsätzliche Position in der Sozialisierungsfrage und begann ihrerseits, Maßnahmen gegen den Generalstreik einzuleiten. „Die Regierung lehnte es abermals ab, das Rätesystem und die  Neunerkommission anzuerkennen, und traf zugleich alle Vorbereitungen für ein militärisches Eingreifen im Revier.“ (Peter von Oertzen: S. 189)

Das sah so aus, dass Ende Januar der SPD-Reichswehrminister Noske einen neuen Mann auf den Posten des Kommandierenden Generals in Münster gesetzt hat, und zwar Generalleutnant Oskar Freiherr von Watter, ein ausgesprochener Anhänger der Monarchie und Vertreter des preußischen Militarismus. Zum Bereich des VII-Armee-Korps gehörte auch das Ruhrgebiet.

Die Gewerkschaften, die auf der Konferenz am 6. Februar 1919 kein Stimmrecht hatten, versuchten frühzeitig, gegen den geplanten Generalstreik aufzutreten und verfassten gemeinsam mit den Zechenunternehmern einen Aufruf, der vor wilden Streiks warnte und zur Ruhe mahnte. Dabei wurde auch gleichzeitig an die Regierung appelliert, alle möglichen Schritte zur Aufrechterhaltung der Kohleförderung in die Wege zu leiten. Die Gewerkschaften sprachen sich explizit nicht gegen ein militärisches Eingreifen aus. (Aufruf Bochumer Volksblatt vom 9. Februar 1919, Nr. 33)

Dem Generalstreik vom Februar 1919 gingen zwei Ereignisse direkt voraus, die die enorme Streikbewegung auslösten. Am 10. Februar 1919 wurde in Hervest-Dorsten der Bürovorsteher der Zeche Fürst Leopold, Otto Kohlmann, erschossen. Die Regierung benutzte diese Mord, um in Hervest-Dorsten militärisch einzugreifen. Um das militärische Eingreifen sicherzustellen, wurde der als radikal geltende Generalsoldatenrat in Münster am 11. Februar 1919 in Münster verhaftet und der Rat für aufgelöst erklärt. Per Telegramm unterstützte der Reichswehrminister Noske diese Maßnahme von General von Watter. (Telegramm abgedruckt in: Bochumer Volksblatt vom 18.2.1919, Nr. 43)

 

Aufruf des Essener Arbeiter- und Soldatenrates, 15.01.1919, Repro Norbert Kozicki
Aufruf des Essener Arbeiter- und Soldatenrates, 15.01.1919, Repro Norbert Kozicki

 

Nach der Einnahme durch das Freikorps des Hauptmanns Lichtschlag – man setzte sogar Geschütze ein – setzte eine Verhaftungswelle ein. Die Gefangenen wurden brutal geschlagen, zwei wurden getötet, darunter der KPD-Vorsitzende des Ortes. In Hervest-Dorsten begann die blutige Spur des Freikorps Lichtschlag durch viele Orte des Reviers, die der Truppe im Volksmund den Namen „Freikorps Totschlag“ eintrug. Die gesamte Arbeiterschaft im Ruhrgebiet geriet in große Aufregung.  Die Arbeiter bekamen den Eindruck, dass durch das Militär die Errungenschaften der Novemberrevolution beseitigt werden sollten.

In dieser Situation fand am 14. Februar 1919 in Essen eine weitere Konferenz statt. Dort wurde mehrheitlich der Beschluss gefasst, den Generalstreik auszurufen und gegen die Freikorps bewaffnet zu kämpfen. Diese Versammlung der Arbeiter- und Soldatenräte fasste folgenden Beschluss: „Zieht die Regierung nicht bis Montag, den 17. Februar, die Truppen zurück, wird der Generalstreik ausgerufen.“ ( Heinrich Teuber: Für die Sozialisierung des Ruhrbergbaus, Frankfurt a.M. 1973, S. 58)

Weiterhin verständigten sich die Räte für den 18. Februar 1919 eine erneute Konferenz einzuberufen.

Unter dem Eindruck des militärischen Eingreifens in Hervest-Dorsten meinten die radikalen Kräfte, eine Konferenz frühzeitiger durchzuführen. In Mülheim tagten die radikalen Kräfte unter sich und fassten ohne Abstimmung mit großen Teilen der Bergarbeiterschaft folgende Beschlüsse:

„1. Die Vertreter der revolutionären Arbeiterschaft beschlossen, ab Montag, den 17. Februar, in den Generalstreik zu treten und verpflichten sich, in den einzelnen Bezirken des Ruhrreviers bei der Stilllegung sämtlicher Betriebe tatkräftig zu unterstützen.

  1. Die heutige Konferenz erblickt in dem Generalstreik die einzige Waffe gegen die Militärdiktatur und Konterrevolution. Wer den Streik nicht mitmacht, ist als Gegenrevolutionär zu betrachten.
  2. Ferner bestimmt die Konferenz die Sperrung der Steuern für den Staat, Lossagung von Berlin. Gleichzeitige Proklamation mit dem Generalstreik der Westdeutschen Republik.“ (Bochumer Volksblatt vom 18.2.1919, Nr. 41)

Zeitzeuge Heinrich Teuber berichtete: „ Am 16. Februar, also zwei Tage vor der entscheidenden Konferenz der Arbeiter- und Soldatenräte, fand sich ein Trüppchen Schwachköpfe in Mülheim zusammen, die auf eigene Faust Weltgeschichte machen wollten. Ein Dutzend angeblicher Revolutionäre – in Wahrheit waren es nur unzurechnungsfähige Tollhänse – nahmen sich das Recht heraus, den Generalstreik zu proklamieren… Für die Saboteure der Sozialisierung und der Neunerkommission war das ein gefundenes Fressen. Die am 18. Februar zusammentretende Konferenz der Arbeiter- und Soldatenräte hätte ohne diesen blöden Mülheimer Streich bestimmt den Generalstreik beschlossen, denn die Regierungstruppen waren nicht zurück-, sondern vorgegangen… Angesichts des Mülheimer Putsches war es ihnen leicht, die Konferenz zu sprengen und einen gemeinsamen Beschluss aller Arbeiter- und Soldatenräte zu vereiteln.“

Auch der gewählte Volkskommissar Julian Marchlewski („Karski“) als Berater der „Neunerkommission“, der im Auftrag der Berliner KPD-Zentrale zur Unterstützung der Sozialisierungsbewegung ins Ruhrgebiet geschickt wurde, kritisierte  diesen „voreiligen und verfehlten Beschluss“ scharf. In seiner Positionierung wird deutlich, dass diese Konferenz in Mülheim nicht im Interesse der KPD stattfand.

Die Sozialdemokraten verließen daraufhin die Neunerkommission und die Gewerkschaften bezogen gegen diese Beschlüsse Position. Aus dem verkündeten Generalstreik wurde nicht mehr viel. Nach den vorliegenden Statistiken beteiligten sich im Höchstfall rund 52% aller Bergarbeiter kurzfristig am „Generalstreik“, der damit keiner war. Am 20. Februar 1919 beteiligten sich die meisten Bergleute an den Streiks von einer Gesamtbelegschaft von 353.000 Mann streikten rund 184.000 Bergarbeiter. In den Tagen danach bis zum 26. Februar 1919 ging die Zahl der Streikenden auf rund 20.000 Mann zurück (5,2%).

„Damit waren auch im Ruhrgebiet der rechte und der linke Flügel der Arbeiterbewegung endgültig auseinandergebrochen. Die SPD nahm Anschluss an den Kurs der Regierung“, so die Einschätzung von Erhard Lucas. (Erhard Lucas: Märzrevolution 1920, Band 1, Frankfurt a.M. 1974, S. 43)

Diese Rumpfkonferenz beschloss zwar den Generalstreik, aber nach dem Auszug der Sozialdemokraten war das nur noch ein „Akt der Verzweifelung“, so Erhard Lucas. Die Streikbewegung war von vornherein zum Scheitern verurteilt. Die Anwendung von Gewalt auf den Zechen vertiefte nur die Gräben in der Arbeiterschaft.

 

Erklärung der Reichsregierung, Repro Norbert Kozicki
Erklärung der Reichsregierung, Repro Norbert Kozicki

 

Am 18. Februar 1919 wurden im Amt Wanne in „… einer Massenversammlung unter freiem Himmel…“ (Wanner Zeitung vom 19.2.1919, Nr. 42) die Streikziele von einem Gelsenkirchener Funktionär der KPD verkündet. Von der Versammlung wurde folgende Entschließung angenommen: „Abschaffung des Militärs, Sturz der Regierung, keine Kohlenlieferung an die zur Regierung stehenden Kreise und Bezirke, Gründung einer westdeutschen Republik. Ferner wird verlangt: Die bürgerlichen Zeitungen sollen für die Dauer des Streiks verboten werden. Notstandsarbeiten sollen in ausgedehntem Maße ausgeführt werden. Die Steuern sollen der gegenwärtigen Regierung verweigert werden.“

Der Streikaufruf wurde jedoch nicht auf allen Zechen befolgt. Am 17. und 18. Februar streikten die Bergleute auf den Zechen Pluto Schacht Wilhelm und Unser Fritz. „Dort sollen bewaffnete Spartakisten die Bergleute an der Einfahrt gehindert haben.“ (STAM, Opräs., Nr. 5844, Bl.227)

Auf der Zeche Hannibal wurde am 18. Februar ebenfalls gestreikt. Insgesamt streikten auf der Zeche Hannibal über 480 Bergleute und zwar für folgende Forderungen: Zurückziehung der Regierungstruppen, Anerkennung der Neunerkommission durch die Regierung und Neuregelung der Lebensmittelversorgung.

Auf der Zeche Königsgrube wurde am 16. Februar der Direktor Daniel Bonacker erneut durch eine Abstimmung in der Belegschaft abgesetzt, nachdem er bereits am 15. Dezember 1918 schon einmal durch die Bergleute abgesetzt wurde. Damals musste er sogar mit seiner Familie die Gemeinde Röhlinghausen verlassen, weil für die Sicherheit des unbeliebten Zechendirektors nicht garantiert werden konnte. Ebenso wurde Betriebsführer Zölzer seines Postens enthoben. Die Betriebsleitung sollte dem neugewählten Zechenrat übertragen werden. (Bochumer Zeitung vom 20.2.1919, Nr. 43) In der Nacht vom 16. auf den 17. Februar 1919 wurde die Villa des Direktors von 4 bis 8 Uhr belagert. Bonacker durfte sechszehn Tage lang die Zeche nicht mehr betreten, dann wurde ihm am 2. März 1919 ein Ultimatum in Form eines Belegschaftsbeschlusses zugestellt, in zwölf Tagen seine Wohnung zu räumen.

„Der Herr Direktor hat bis Montag, den 3. d. Mts., 12 Uhr, eine schriftliche Erklärung an den Arbeiterausschuß abzugeben, ob er freiwillig von der Verwaltung zurücktreten wolle oder nicht und seine Wohnung bis zum 15. d. Mts. zu räumen. Röhlinghausen, 2. März 1919. Der Arbeiterausschuß der Zeche Königsgrube: Franz Pawlak, Thomas Mackowiak, Hermann Mahler.“ (zitiert nach: Hans Spethmann: Zwölf Jahre Ruhrbergbau. 1914 bis 1925, Berlin 1928, S. 245 f)

In dieser Situation verlangte Bonacker von der Belegschaft die Zurücknahme der gefassten Beschlüsse. Dieses Verhalten empörte die Bergarbeiter so, dass der Arbeiter- und Soldatenrat nicht für seine Sicherheit garantieren konnte. Bonacker musste seine Villa erneut verlassen. Die kaufmännischen und anderen Verwaltungsbeamten erklärten sich solidarisch mit Bonacker und wollten ihrerseits in den Streik treten. Doch die Belegschaft kam ihnen zuvor. Am 18. Februar 1919 traten die Bergleute der Zeche Königsgrube in den Streik.

In der Sache Bonacker liefen am 1. März 1919 Verhandlungen, um den Konflikt möglicherweise zu lösen. Beteiligte waren der Arbeiterrat, der Arbeiterausschuss und Bonacker sowie der Reichskohlenkommissar Röhrig und ein Mitglied der Essener Neunerkommission. Die Verhandlungen erbrachten viele Beweise für die entwürdigenden Handlungen des Zechendirektors und brachten keine Annäherung der Standpunkte. Bonacker weigerte sich das oben zitierte Ultimatum anzunehmen.

In der Stadt Herne entwickelten sich die Vorgänge etwas anders als im Raum Wanne/Eickel/Röhlinghausen. Bereits am 16. Februar 1919, also zwei Tage vor der Spaltung der Bergarbeiterbewegung im Ruhrgebiet, veröffentlichte der Herner Arbeiter- und Soldatenrat folgende Bekanntmachung: „Im Interesse der öffentlichen Sicherheit werden nächtliche Ansammlungen auf öffentlichen Plätzen und Straßen und nächtliche Umzüge jeder Arbeit untersagt.“ (Herner Anzeiger vom 17. 2.1919)

Drei Tage später, einen Tag nach der Essener Konferenz der Räte mit dem Auszug der Sozialdemokraten aus der Neunerkommission, rief der Herner Arbeiter- und Soldatenrat die Bergleute auf, dem Aufruf zum Generalstreik nicht zu folgen.

„An die Arbeiter! Die Spartakisten und Kommunisten haben gestern in einer Konferenz in Essen den Generalstreik beschlossen. In einem von den Kommunisten verbreiteten Flugblatt wird behauptet, dieser Beschluss sei von allen drei sozialistischen Parteien gefasst. Das ist eine Lüge! Die in der Konferenz anwesenden Delegierten der Mehrheitspartei und des Verbandes haben erklärt, die Verantwortung für solche geradezu verbrecherischen Beschlüsse ablehnen zu müssen… Herner Bergarbeiter! Kameraden! Für euch gilt die Parole, der Organisationen und die lautet: Nicht streiken! Was wird die Folge eines Generalstreiks sein?… Not, Elend, Raub, Plünderung und Bürgerkrieg. Wir lehnen die Verantwortung für das Elend ab… Kameraden greift zur Selbsthilfe, diesen Menschen gegenüber, welche euch ins Elend stürzen wollen, ist jedes Mittel erlaubt. Kameraden fürchtet euch nicht. Der Arbeiter- und Soldatenrat steht mit der gesamten Schutzmannschaft hinter euch.“ (Herner Anzeiger vom 20.2.1919)

 

Aufruf des Essener Arbeiter- und Soldatenrates zur Wiederaufnahme der Arbeit, Repro Norbert Kozicki
Aufruf des Essener Arbeiter- und Soldatenrates zur Wiederaufnahme der Arbeit, Repro Norbert Kozicki

 

Am 21. Februar 1919 organisierte die Herner KPD auf dem Neumarkt um 4 Uhr nachmittags eine öffentliche Veranstaltung, auf der sie für die Streikziele der Essener Konferenz warb. An der Kundgebung sollen 300 Menschen teilgenommen haben. Nach Abschluss der Veranstaltung zogen die Kundgebungsteilnehmer zur Zeche Shamrock. Dort war am frühen Morgen der KPD-Vorsitzende von Herne, Konieczny, von der „Shamrock Sicherheitswache“ (Herner Anzeiger) verhaftet worden. Eine Abordnung der Demonstranten verhandelte mit den Zechenverantwortlichen  und erreichte, dass Konieczny freigelassen wurde. Daraufhin löste sich die Demonstration auf. Am nächsten Tag kam es wieder auf dem Neumarkt zu einer erneuten Versammlung. Konieczny berichtete über seine Verhaftung und „Befreiung“. Weiterhin forderte er die Entfernung der vor dem Rathaus platzierten Maschinengewehre und die Absetzung der missliebigen Mitglieder der Sicherheitswehr. Die Versammlung beauftragte eine Abordnung, um die Forderungen dem Arbeiter- und Soldatenrat im Rathaus zu überbringen. Nach der Beendigung zogen rund 100 Kundgebungsteilnehmer in Richtung Rathaus. Wie die Lokalpresse berichtete, wurden mit einem der Maschinengewehre Warnschüsse abgegeben, woraufhin die Demonstranten den Rathausplatz verließen. Diese Aktion wiederholte sich am nächsten Tag. An diesem Tag sprach der Vorsitzende des Herner Arbeiter- und Soldatenrates Karl Hölkeskamp zu den Kundgebungsteilnehmern auf dem Neumarkt. Wegen andauernder Zwischenrufe und Unterbrechungen konnte er jedoch seine Rede nicht zu Ende führen.

Im Rahmen einer Sitzung des Arbeiter- und Soldatenrates am 27. Februar 1919 wies Karl Hölkeskamp daraufhin, dass Herne der „einzige Platz im Industriegebiet (war), an dem während der ganzen Streikunruhen ohne Unterlass Kohlen gefördert (wurden).“ (Herner Anzeiger vom 28.2.1919)

Die historischen Quellen bestätigen, dass auf keiner der 13 Herner Schachtanlagen während des ersten Generalstreiks des Jahres 1919 die Arbeit ruhte.

Im Amt Sodingen kam es am 4. Februar 1919 zu einem bemerkenswerten Vorgang: Die Mitglieder des Arbeiter- und Soldatenrates Geesmann und Schäfer (beide SPD) traten zur KPD über. Gleichzeitig brachten sie folgende Anträge in die Sitzung ein: „Die kommunistische Partei (Spartakusbund), Ortsgruppe Börnig-Sodingen, richten an den Arbeiter- und Soldatenrat des Amtes folgende Forderung: „Zurücktretung der beiden Obleute des Arbeiter- und Soldatenrates Hofmeyer und Schilla“. Der Antrag Hofmeyer betreffend, wurde im Verlauf der Sitzung damit begründet, dass er Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg beschimpft habe und gesagt haben soll, dass „diese Personen an die Mauer gestellt werden müssten“. Den Antrag gegen den ehemaligen Matrosen Schilla, der im Amt Sodingen die Novemberrevolution ausgelöst hatte, begründeten die neuen KPD-Mitglieder damit, dass er bei der Besetzung der Zeche Ickern eingegriffen habe und für „Unordnung“ bei der Besetzung gesorgt hätte. Der Antrag der KPD-Mitglieder wurde mehrheitlich abgelehnt. Hofmeyer und Schilla behielten ihre Mandate im Sodinger Arbeiter- und Soldatenrat.

Am 18. Februar 1919, dem Tag der Essener Konferenz der Arbeiter- und Soldatenräte, kam es in den Kauen der Zeche Mont Cenis zu lebhaften Diskussionen über die Durchführung des Generalstreiks. Danach fuhr die Belegschaft von Schacht 1/3 komplett an, während die überwiegende Mehrheit der Belegschaft von Schacht 2 nicht anfuhr. Am Nachmittag fand eine von der KPD einberufene Belegschaftsversammlung statt. An dieser Versammlung nahmen sehr viele Belegschaftsmitglieder teil. Es wurde beschlossen, sofort sämtliche Anlagen der Zeche Mont Cenis stillzusetzen. 1.500 Bergarbeiter zogen zum Schacht, wo die Kollegen eingefahren waren, und veranlassten die Ausfahrt der Kumpel. Ebenso zogen die Bergleute zur Kokerei, um den Betrieb dort einzustellen. Am gleichen Tag erklärten die beiden Vorsitzenden des Sodinger Arbeiter- und Soldatenrates ihren Rücktritt und begründeten diesen mit dem Vorgehen der KPD Sodingen. Bei den danach stattfindenden Neuwahlen wurden die Kommunisten Geesmann und Schäfer zu ersten und zweiten Vorsitzenden des Sodinger Arbeiterrates gewählt.

Trotz des Streikbeschlusses vom Vortag fuhr ein Teil der Belegschaft der Zeche Mont Cenis wieder an. Die streikbereiten Bergleute sorgten dafür, dass die Kumpel „aus der Grube geholt“ wurden. Um 10 Uhr fand eine Versammlung statt, in der erneut zum Generalstreik aufgefordert wurde. Danach beschloss man: „Sofortige Entwaffnung der Polizei und Gendamerie, Herausgabe der Waffen des Soldatenrates Sodingen zur Bewaffnung von 30 Spartakisten, die die Anlagen der Zeche Mont Cenis besetzten sollten.“ Gleichzeitig wurde für die beiden Zechen Mont Cenis und Teutoburgia eine gemeinsame Streikleitung gewählt.

Im Laufe des Tages besetzten radikale Bergarbeiter das Amtshaus von Sodingen, eigneten sich die dort lagernden Waffen an und verteilten sie an ihre „Anhänger“. Am Nachmittag des 19. Februar 1919 und am 20. Februar 1919 fanden auf der Zeche Mont Cenis Belegschaftsversammlungen statt, mit geheimen Abstimmungen über den Streik. Einmal stimmten 81% und ein zweites Mal 74% gegen den Streik.

In Sodingen demonstrierten die arbeitswilligen Bergleute mit 15 Zechenbeamten an der Spitze vor dem Rathaus und anschließend am Sodinger Denkmalplatz. Zwischenzeitlich hatte die KPD zu einer Belegschaftsversammlung beim Wirt Borgmann aufgerufen, in der erneut für den Generalstreik aufgerufen wurde. Nach Beendigung dieser Belegschaftsversammlung trafen sich beide Gruppen auf dem Denkmalplatz. Hier kam es zu Gewalttätigkeiten, mit der Folge eines Leicht- und eines Schwerverletzten. Die Sodinger Sicherheitswehr beendete diesen „Aufruhr von Sodingen“.

Damit endete der erste Generalstreik für die Sozialisierung des Ruhrbergbaus im Raum Herne/Wanne-Eickel.

Norbert Kozicki

 

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