Der Strukturwandel

Zu Zeiten des bundesrepublikanischen Wirtschaftswunders in den 1950er Jahren war der Kohlebergbau die Schlüsselindustrie für das Konjunkturhoch. 1956 war in Herne jeder zweite Arbeitsplatz in der Bergbauindustrie zu finden. Gleichzeitig feilte die Stadt an ihrem Image. Sie präsentierte sich als eine moderne Großstadt mit einem – 1959 eröffneten – prestigeträchtigem Hallenbad und gleich zwei Fußball-Vereinen in der Oberliga West. Unterfüttert wurde das Ganze mit der Produktion einer Reihe von Imagebroschüren. Es lief.

Doch der Lauf wurde abrupt gestoppt. Der billige Energieträger Erdöl lief der Kohle mehr und mehr den Rang ab. Den Anfang vom Ende der Herner Bergbauära machte die Zeche Julia, die 1961 den Betrieb einstellte. Im Oktober 1967 endete für Shamrock der Förderbetrieb. Die erste Herner Zeche war Geschichte, was blieb war das dreiblättrige Kleeblatt im Herner Stadtwappen – zumindest bis 1975.

Wappen der Stadt Herne vom 30. November 1937 bis Dezember 1974, Foto Bildarchiv Herne

Es folgte der Abbruch der Schachtgerüste 4/5 von Constantin. 1973 gingen die Zechen Friedrich der Große und Mont Cenis einen Verbund ein. 1978 hieß es aber auch hier: Schicht im Schacht. Herne hatte keine Zeche mehr. Mit den Zechenschließungen gerieten auch die Bergbauzulieferer wie Beien oder Halstrick in einen Abwartsstrudel. Nun rächte sich Hernes wirtschaftliche Monostruktur.

Nach dem Kohlebergbau träumten die Stadtväter von florierenden Gewerbeparks und Dienstleistungsbetrieben. Was zunächst gelang, war die Ansiedlung von Betrieben der Textil-, Bekleidungs- und Elektronikbranche. Die ehemals starre Wirtschaftsstruktur begann sich aufzulösen. Ein erstes Zeichen setzte die Karstadt AG, die 1961 in der Innenstadt ein neues Kaufhaus eröffnete. Es folgte der Bau des Steinkohlenkraftwerkes STEAG, das die Stadt nach Herne locken konnte.

Das neuerbaute Blaupunkt-Gebäude an der Forellstraße in Baukau, Foto Stadtarchiv Herne

Der Druck, der durch die Bergbaukrise auf Herne lastete, veranlasste Qberstadtdirektor Edwin Ostendorf 1965 die Wirtschaftsförderungsgesellschaft (WFG) – heute Herne Business – zu gründen. Mit der Ansiedlung von Wachstumsbranchen konnte die WFG erste Erfolge einfahren. Durch die enge Zusammenarbeit mit dem Elektrokonzern Bosch gelang mit der Ansiedlung von Blaupunkt ein profitabler Coup. Bevor Blaupunkt Mitte 1967 das neuerbaute Fabrikgebäude an der Forellstraße in Baukau bezog, firmierte das Unternehmen ab dem 1. Juni 1966 in der alten Turnhalle der Zeche Julia an der Cranger Straße. Zu Beginn wurden Bandfilter und Transformatoren für Rundfunk- und Fernsehgeräte gefertigt, später kam die Fertigung von Autolautsprechern dazu. Der US-Konzern Crane errichtete 1968 in Baukau einen Betrieb zur Herstellung von Armaturen. Hauptsächlich ehemalige Bergleute erhielten bei Crane einen Arbeitsplatz.

Als ein „weicher“ Standortfaktor wurde am 4. Juni 1970 der Revierpark Gysenberg eröffnet — der erste seiner Art. In einer Jubiläumsschrift wurde die Herner Einrichtung mit ihren Park-, Bade-, Spiel- und Sportzonen als ein Angebot definiert, „Freizeit freiheitlich im Freien zu gestalten“.

Gesamtansicht des Revierparks Gysenberg, Postkarte, 1970, Foto Stadtarchiv Herne

Bis 1970 investierte die Stadt 257 Millionen DM in den Ausbau der Infrastruktur. Hiervon fielen etwa 25 % auf den Schulbau. Gerade auf die Entwicklung des Schulwesens legte Edwin Ostendorf ein besonderes Gewicht. In der Bildung sah der Oberstadtdirektor einen essentiellen Faktor für die Zukunft der Stadt. Die von Ostendorf veranlassten Einrichtungen von Schulkindergärten und eines Wirtschaftsgymnasiums sowie die Einführung von Englischunterricht in den Volksschulen hatten Modellcharakter für die ganze Region.

Umfangreiche Investitionen flossen nun in die Aufbereitung von Grundstücken, Straßen und der Stadtsanierung.

Jürgen Hagen, Erstveröffentlichung des ursprünglichen Textes: „125 Jahre (Alt-)Herner Stadtwerdung“. Jürgen Hagen. In: „Der Emscherbrücher“ Band 19 (2023/24). Seiten 7 bis 36 . Herausgegeben von der Gesellschaft für Heimatkunde Wanne-Eickel e. V. Herne 2023.