Die Kreisfreiheit

„Unsere Stadt zählt jetzt 28.000 Seelen, sodass also in absehbarer Zeit die Frage wegen Ausscheidens aus dem Kreisverband aufgerollt wird. […] Ich bitte nun um gefällige vertrauliche Mittheilung, ob bei dem dortigen Ausscheiden aus dem Kreisverbande die Seelenzahl der letzten Volkszählung oder der letzten Personenstandsaufnahme gewesen ist.“ Es ging um Hernes Kreisfreiheit.

Die Anfrage richtete der ehrgeizige und umtriebige Bürgermeister Hermann Schaefer am 04. Juli 1901 an die kreisfrei gewordene Stadt Witten an der Ruhr. Ähnliche Anfragen gingen an die ausgekreisten Städte Ratibor, Oppeln und Kattowitz sowie den Landkreis Bochum. Einmütige Antwort: Volkszählung. So kam es, dass Herne die amtliche Volkszählung vom 01. Dezember 1904 abwarten musste, bevor ein Antrag auf Kreisfreiheit gestellt werden durfte, obgleich die Stadt bereits zum Jahreswechsel 1903/1904 die geforderte Anzahl von 30.000 Einwohnerinnen und Einwohnern für eine Auskreisung überschritten hatte.

Anfrage betr. Kreisfreiheit an die Stadt Witten, Foto Stadtarchiv Herne

Die Auswertung der Volkszählung bestätigte mit gezählten 32.000 Menschen das Ergebnis der Herner Personenstandsaufnahme. Daraufhin beschloss der Magistrat am 18. April 1905 und die Stadtverordnetenversammlung am 18. Mai 1905 die Kreisfreiheit zu beantragen, die am 1. April 1906 wirksam werden sollte.

Nachdem die Stadt Herne und der Landkreis Bochum sich über die Vermögensauseinandersetzung geeinigt hatten, wurde die Angelegenheit an den Minister des Inneren zur Entscheidung weitergeleitet. Mit Erlass vom 26. Juni 1906 genehmigte Innenminister Theobald von Bethmann Hollweg den Antrag. Mit dreimonatiger Verspätung, am 1. Juli 1906, wurde Herne kreisfreie Stadt. In einem Schreiben stellte von Bethmann Hollweg fest, „daß es ein Unikum in der preußischen Städtegeschichte ist, daß Herne so schnell nach Verleihung der Stadtrechte ein Stadtkreis geworden ist.“

Wieder gab es im Schlenkhoffschen Saal ein Festbankett. Der Landrat Karl Gerstein nahm den Verlust Hernes aus dem Bochumer Landkreis sportlich. „[…] und gebe Ihnen das Gelöbnis, daß ich die Stadt Herne niemals vergessen werde. Ich bitte Sie, mit mir einzustimmen in den Ruf, die Stadt Herne und ihr Erster Bürgermeister, sie leben hoch, hoch, hoch!“. Mit diesem Toast verabschiedete sich Gerstein auf dem Festbankett am 21. Juli 1906 von Herne. Es folgten viele weitere Reden. Der Chronist notierte, „daß sich schon der Himmel im Osten rötete, als die letzten Gäste das Hotel Schlenkhoff verließen” Er fügte an: „Möge diese Morgenröte für Herne und seine Entwicklung eine gute Vorbedeutung sein“.

Herner Ehrenbürgerurkunde für Hermann Schaefer, 31.08.1907, Foto Stadtarchiv Herne

Für Hermann Schaefer war die Kreisfreiheit die Krönung seines Wirkens. Als erster Oberbürgermeister von Herne ging er im September 1907 in den Ruhestand. In Anerkennung seiner Verdienste verlieh ihm die Stadt am 31. August 1907 die Ehrenbürgerschaft. Auch hier war Schaefer der erste. Von seinem Alterswohnsitz Darmstadt aus verfolgte er die Geschicke „seiner“ Stadt weiter.

Jürgen Hagen, Erstveröffentlichung des ursprünglichen Textes: „125 Jahre (Alt-)Herner Stadtwerdung“. Jürgen Hagen. In: „Der Emscherbrücher“ Band 19 (2023/24). Seiten 7 bis 36 . Herausgegeben von der Gesellschaft für Heimatkunde Wanne-Eickel e. V. Herne 2023.