Oberkettenbahn der Zechen Julia und Recklinghausen

Die Baukauer „Teckelbahn“

In seinem 1977 erschienenen Band „Herne in alten Ansichten“ und in einem Zeitungsartikel aus dem Jahr 1967 beschrieb der Schriftsteller Robert Grabski die Oberkettenbahn, die die Zechen Julia und Recklinghausen miteinander verband und laut Grabski wegen ihrer ständig klopfenden Geräusche und des fortwährenden Betriebsgeklappers im Volksmund schnell „Teckelbahn“ genannt wurde.1)Ulrich Langosch hat eine andere Erklärung. In einer E-Mail an das Stadtarchiv und in einem Telefongespräch berichtete er, dass „Teckel“ schlicht und einfach für einen Kohleförderwagen steht. Als Teckel bezeichnet man im Bergbau zwar grundsätzlich einen Sonderwagen für die Materialförderung, mit dem Grubenholz oder anderes Langmaterial gefördert werden kann. Doch regional stand „Teckel“ eben für Kohleförderwagen, wie z. B. auf der Zeche Gneiseanu in Dortmund, wie sich Ulrich Langosch erinnert. Eine ebenso gute, wenn nicht sogar eine bessere Erklärung für die Bezeichnung „Teckelbahn“. Die Geschichtsgruppe „Die Vier!“ bedankt sich bei Ulrich Langosch für den Hinweis.

Mitte der 1920er Jahre hatte der Ruhrbergbau mit der ersten großen Krise zu kämpfen. Es wurde auf Halde produziert, Kohle musste günstiger angeboten werden. Die Harpener Bergbau AG, zu der die Zechen Julia, Von der Heydt und Recklinghausen gehörten, begegnete der Bergbaukrise mit Rationalisierungen, Zusammenlegungen von Anlagen und Stilllegungen. So wurde 1928 die Baukauer Zeche Von der Heydt stillgelegt und der Tagebetrieb aufgegeben.2)Auf Herner und Wanne-Eickeler Gebiet wurden auch die Zechen Teutoburgia und Unser Fritz Opfer der Bergbaukrise. Die beiden Schächte dienten nur noch zur Bewetterung der ebenfalls in Baukau ansässigen Zeche Julia. Doch die Absatzkrise der geförderten Kohle nahm kein Ende, es kam zu einem weiteren Personalabbau. Durch Zentralisierung und Modernisierung versuchte die Harpener Bergbau AG nun auf die wirtschaftliche Zwangslage zu reagieren. Es kam  zum Betriebszusammenschluss der Bergwerke Julia und Recklinghausen. Nördlich des Rhein-Herne-Kanals wurde in den Jahren 1930 und 1931 eine gemeinsame Aufbereitungsanlage gebaut. In direkter Nähe legten die beiden Zechen den „Julia-Hafen“ an, ausgestattet mit den für die Zeit modernsten Verladeeinrichtungen. In der Zentralaufbereitungsanlage wurden täglich bis zu 5.000 Tonnen Kohle „gewaschen“, sprich von Fremdmaterial wie etwa Gestein befreit und nach Größe und Qualität sortiert. Eine moderne Aufbereitungsanlage sowie ein eigener Hafen waren ein enormer Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Zechenbetrieben.

Um die auf Julia und Recklinghausen geförderte Kohle zur Zentralwäsche zu bringen, hatten die Verantwortlichen die Idee, einen Zentralförderschacht abzuteufen. Aus Zeitgründen wurde dieser Gedanke aber verworfen.

Vielmehr begann die Harpener Bergbau AG mit dem Bau einer Oberkettenbahn, die später von vielen nur noch „Teckelbahn“ genannt werden sollte. Sie galt nach Fertigstellung als längste Transportbrücke dieser Art in Europa. So war der Teil von Julia bis zur Aufbereitungsanlage in Recklinghausen-Hochlarmark etwa 1.600 Meter lang, von Recklinghausen II bis dorthin ca. 800 Meter. Die Gesamtlänge der elektrisch betriebenen Bahn betrug genau 2.394 Meter. Die Förderwagen wurden in den Schächten beladen und mittels der endlos laufenden Gliederkette auf die Oberkettenbahn gezogen, zur Aufbereitungsanlage gebracht und leer wieder zu den Schächten geführt. Laut Robert Grabski betrug die Kettengeschwindigkeit 1,2 Meter pro Sekunde. Die ganze, nach außen verkleidete Anlage wog einschließlich der Schutzbrücken über der (alten) La-Roche-Straße, der Rottstraße, dem Kanal und der Emscher ganze 1.500 Tonnen, wie Grabski weiter ausführte.

Im Zweiten Weltkrieg beschädigte ein Bombentreffer die „Teckelbahn“ östlich der Bahnstrecke Wanne-Recklinghausen bzw. westlich der Strecke Recklinghausen-Herne. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges nahm die wiederhergestellte Bahn ihren Betrieb erneut auf.

Im Juni 1961 wurden die Tagesanlagen der Zeche Julia stillgelegt. Die Kohlenförderung erfolgte nur noch in Recklinghausen. Die Schächte von Julia und Von der Heydt wurden bis 1965 verfüllt.  

Damit war auch das Schicksal der „Teckelbahn“ besiegelt. Die Herner Zeitung berichtete am 01. August 1962, „dass die längste Kettenbahn Europas auf eine Länge von 1.600 Metern abgerissen werden sollte“, also der „Julia-Anteil“ an der Bahn. Doch noch 1967 fanden sich Reste von der ehemals stolzen Kettenbahn in Baukau. Robert Grabski beklagte sich in der Westfälischen Rundschau vom 09. Dezember 1967 darüber, dass „das alte Baukauer Wahrzeichen einer ungewissen Zukunft entgegenrostet“. Fast poetisch schloss er: „Der Rest von mehreren tausend Tonnen Eisen steht heute noch als nutzlose Brücke und reckt gelangweilt seine riesige Spannweite über den Kanal und dem Emscherfluss“.

Heute ist die „Teckelbahn“ als Baukauer Landmarke verschwunden, vergessen ist sie aber nicht.3)Der Text wurde – redaktionell bearbeitet – in der Reihe Herne historisch von der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung am 09. März 2020 veröffentlicht.

Gerd Biedermann, Jürgen Hagen

Quellen:

Stadtarchiv Herne:

  • Abteilung Bergbau, Zechen Julia, Von der Heydt, Teutoburgia, Unser Fritz
  • Fotosammlung, u. a. Sammlung Friedrich Nolte
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