Gespräch zwischen Pfarrer i. R. Alfons Vogt und Wolfgang Bruch am 26.8.2005 in dessen Wohnung in Herne-Holthausen

Herr Pfarrer i. R. Vogt, erinnern Sie sich daran, wie Sie seinerzeit zur Herz-Jesu-Gemeinde gekommen sind?

Ich hatte das Ruhrgebiet in der Zeit meiner Tätigkeit von 1947 bis 1952 in Gelsenkirchen kennen und schätzen gelernt. Ich wusste daher, dass die Bürger, die dort lebten und arbeiteten von ihrer Art her sehr ehrlich und offen waren. Als ich davon erfuhr, dass in Herne eine Pfarrstelle in Herz Jesu frei war, habe ich mich darauf gemeldet. Im März 1961 habe ich über das Generalvikariat in Paderborn die Nachricht erhalten, dass ich von meiner damaligen Pfarrvikariegemeinde Neheim-Hüsten nach Herne auf die genannte Pfarrstelle versetzt werden würde. Ich bin daher mit einer guten Erwartungshaltung nach Herne gekommen. Am zweiten Pfingsttag des Jahres 1961 gab es eine Einführungsfeier in der Herz-Jesu-Kirche, an die ich mich noch gut erinnere, insbesondere deswegen, weil die Kirche sehr schön geschmückt war. Ich hatte daher das Gefühl, dass mich die Gemeinde mit offenen Armen erwartete. In den ersten Tagen meiner Tätigkeit lernte ich den Kirchenvorstand, die Vorsitzenden der Gemeinschaften sowie die übrigen verantwortlichen Personen, die in der Kirche mitarbeiteten, kennen.

Von Anbeginn meiner Tätigkeit war der Zuspruch der Gemeinde gut, d. h. die Messen waren voll, auch die sonstige Mitarbeit in den kirchlichen Gremien funktionierte bestens. Meinen Vorgänger, Pfarrer Dr. von Haehling habe ich noch persönlich kennen gelernt. Insgesamt bin ich dreimal bei ihm in seiner neuen Pfarrstelle in Rheder/Dekanat Brakel gewesen. Neben mir waren noch zwei Vikare in der Gemeinde tätig, Vikar Grabenstroer und Vikar Spiske. In den ersten Jahren war neben dem Kirchenküster noch ein Kirchenschweizer tätig. Zu diesem möchte ich erläutern, dass er bei verschiedenen kirchlichen Veranstaltungen in der Kirche für die Ordnung zuständig war. In den 1970er-Jahren ist diese Funktion dann ersatzlos entfallen. Frau Erika Künne, deren Berufsbezeichnung damals noch Seelsorgehelferin war, hatte bereits bei Dechant Düwell und Pfr. Dr. von Haehling gearbeitet. Sie war mir von Anbeginn meiner Tätigkeit eine wertvolle Stütze.

Welche Neuerungen/Veränderungen haben Sie in die Gemeinde eingebracht?

Da es die Zeit der Motorisierung war, habe ich als erstes eine so genannte „Fahrzeugsegnung” eingeführt. Dies habe ich an einem Samstag oder an einem Sonntag vor den großen Ferien gemacht; die Fahrzeuge der Gemeindemitglieder wurden auf dem Parkplatz des Kinderheimes an der Düngelstraße aufgestellt und von mir für die bevorstehenden Ferienfahrten gesegnet.

Ich erinnere mich ferner daran, dass ich in der Adventszeit, d. h. am Vorabend des ersten Adventssonntages, eine Adventskranzsegnung durchgeführt habe. Dabei trugen die Kinder die Adventskränze in einer Prozession durch die Kirche, unter großer Anteilnahme der Gemeinde.

Haben Sie einen Zuwachs bei den Kirchgängern von Ihrem Amtsantritt bis zu Ihrer Pensionierung festgestellt?

Ich musste leider entsprechend dem allgemeinen Trend in der Gesellschaft feststellen, dass im Laufe der 1970er- und 1980er-Jahre – trotz aller Bemühungen – die Anzahl der Kirchgänger rückläufig war. Dies kann man in der Kirchenchronik nachvollziehen, denn es gibt jedes Jahr zwei Kirchgängerzählungen.

Alfons Vogt im Interview mit Wolfgang Bruch. Repro Stadtarchiv Herne

Welche wichtigen baulichen Veränderungen gab es innerhalb Ihrer Amtszeit?

Während meiner aktiven Tätigkeit gab es einige bauliche Veränderungen, die ich nur kurz skizzieren möchte:

Innerhalb der Kirche sind mehrere bauliche Veränderungen, Anstriche und Installationen erfolgt, es gab eine Außensanierung der Kirche sowie eine Kirchplatzumgestaltung. Das Vereinshaus (auch Ledigenheim genannt), welches sich an der Düngelstraße befand, war sanierungsbedürftig und ist abgerissen worden. Viele werden sich noch daran erinnern, dass es in diesem Vereinshaus eine öffentliche Gaststätte gab. Als das Vereinshaus abgerissen wurde, haben wir eine zeitlang in der Nähe befindlichen Gaststätte Borgmann getagt (Düngelstraße, Ecke Altenhöfener Straße). Parallel hierzu wurde mit dem Bau eines Gemeindezentrums begonnen, und zwar an der Stelle, wo es sich heute befindet. Als dieses fertig war, sind sämtliche Sitzungen dorthin verlegt worden. Ebenso ist der St. Anna-Kindergarten an der Franz-Düwell-Straße neu errichtet
worden.

Seinerzeit hatten wir uns auch entschlossen, neue Glocken anzuschaffen. Hierzu muss ich anmerken, dass der rechte Turm der Herz-Jesu-Kirche, der im Krieg bei einem Bombenangriff beschädigt wurde, nicht mehr funktionsfähig ist. Die Glocke hing noch im Turm, sie durfte allerdings nicht geläutet werden. Bei der Sanierung ist die Glocke heruntergenommen worden. Sie stand eine zeitlang im Garten des Pfarrhauses, heute steht sie vor dem Gemeindezentrum. Der eben angesprochene Turm ist nochmals saniert worden, weil er seinerzeit keinen Turmhelm hatte. Wir haben eine neue Bedachung angeschafft, und ein Kreuz mit einem Marienzeichen aufgesetzt. Dieses M als Marienzeichen deutet darauf hin, dass unmittelbar unterhalb des Turmes eine kleine Mariennische vorhanden ist.

Abschließend möchte ich noch erwähnen, dass eine Hauptsanierung des Innenbereiches der Herz-Jesu-Kirche im Jahre 1970 erfolgt ist, wobei die Richtlinien des II. Vatikanischen Konzils berücksichtigt wurden. Die Kirche wurde für ein Dreivierteljahr geschlossen. In dieser Zeit haben wir die hl. Messen an den Sonntagen in der Aula der Schule an der Flottmannstraße durchgeführt, werktags in der Kapelle des Kinderheimes an der Düngelstraße oder auch in der Kapelle des Marienhospitals. Weihnachten 1970 konnten wir wieder einziehen. Die Kirche war im Innenraum stark umgestaltet worden, d. h. der Altar wurde in Tischform zur Gemeinde hin aufgestellt, die Kanzel war entfernt worden, stattdessen wurde im Chorraum ein Ambo aufgestellt.

Hatte die Liberalisierung der Gesellschaft ab Ende der 1960er-Jahre Einflüsse auf das religiöse Leben innerhalb der Gemeinde?

Eigentlich möchte ich dazu festhalten, dass die typischen Studentenbewegungen der 68er-Generation in Herne nicht festzustellen waren, jedenfalls nicht in unserer Gemeinde. Ich habe davon natürlich Kenntnis erhalten aus den Medien. Ein echtes Problem ergab sich in der Folgezeit in unserer Gemeindetätigkeit nicht. Allerdings musste ich zwangsläufig feststellen, dass eine allgemeine Liberalisierung der Gesellschaft am Ende der 1960er-Jahre eingetreten war. Es bildeten sich plötzlich Strömungen, die meinten, von Außen Einfluss auf das religiöse Leben nehmen zu können.

Wie kam das erste Pfarrfest im Jahre 1970 zustande?

Wo die Idee genau herkam, weiß ich heute nicht mehr. Dieser Gedanke kursierte jedoch in vielen Gemeinden. Ich meine heute sogar, dass wir in Herne die ersten waren, die ein solches Fest organisiert haben. Vikar Schnütgen hat sich damals sehr um diese Veranstaltung bemüht. Die von ihm vorgeschlagene Idee wurde von den Gemeinschaften der Gemeinde verwirklicht. Es gab verschiedene Getränke- und Imbissstände rund um die Kirche, es gab Spiele, eine Verlosung sowie Musikdarbietungen. Ich habe festgestellt, dass das Gemeindefest von Jahr zu Jahr beliebter wurde, immer wieder neue Ideen eingebracht wurden, so dass es jetzt durchaus Volksfestcharakter hat.

Welches Ereignis würden Sie als wichtig innerhalb Ihrer Tätigkeit als Pfarrer in der Herz-Jesu-Gemeinde bis zu Ihrem Ausscheiden 1992 ansehen?

Als ein wichtiges Ereignis innerhalb meiner Tätigkeit möchte ich hervorheben, dass jedes Jahr in der Weihnachtszeit Herr Bischof GOTTAU aus Argentinien zu uns kam. Er betreute eine der ärmsten Diözese des Landes in Anatuya. Er kam zu uns, um über seine Tätigkeit dort zu berichten. Ich habe ihn immer humorvoll mit folgenden Worten begrüßt: „Herr Bischof, Sie gehören in unserer Gemeinde zum Mobiliar der Weihnachtszeit.” Selbst bei einer sehr starken Adveniatkollekte, die 14 Tage vorher stattgefunden hatte, konnte er nochmals über eine ganz erhebliche Spende verfügen. Er ist während meiner ganzen Tätigkeit nach Herne gekommen, bis Anfang der 1990er-Jahre. Inzwischen ist er verstorben.

Ich möchte auch die jährliche Pilgerfahrt nach Flüeli/Schweiz erwähnen. Durch meine Tätigkeit in der katholischen Männerbewegung lernte ich den HI. Klaus von Flüe kennen der nach dem Zweiten Weltkrieg 1947 heilig gesprochen wurde, weil er sich sehr stark für den Frieden eingesetzt hatte. Ich bin dann in jedem Jahr mit einer Gruppe von ca. 50 bis 70 Gläubigen in die Schweiz gefahren. Im Rückblick kann ich feststellen, dass diese Fahrten für die Seelsorge großen Segen gebracht haben.

Welchen Rat würden Sie aufgrund Ihrer langen seelsorgerischen Tätigkeit der heutigen jungen Generation mit auf dem Weg geben?

Ich möchte nur kurz sagen, dass sich die junge Generation nicht betören lassen möge von dem Zeitgeist und der teilweise verbreiteten Glaubenslosigkeit. Sie möge im Vertrauen zur Kirche und zum Glauben ihren Lebensweg gehen. Wenn es um das Heil des Menschen geht, kann man an Jesus nicht vorbeigehen.

Ist Ihnen der Eintritt in den Ruhestand im Jahre 1992 schwer gefallen?

Alfons Vogt lacht und erklärt: Das möchte ich etwas erläutern, denn normalerweise hört ein Pfarrer in der Gemeinde mit 70 Jahren auf. Dies hätte zur Folge gehabt, dass ich im Jahre 1984 schon in Ruhestand hätte treten können. Ich habe aber weitergemacht, denn ich bin auch nicht zu einer Pensionierung befragt worden. Auf einer Jubiläumsfeier in Bad Westernkotten traf ich den Erzbischof Degenhardt aus Paderborn. Ich habe ihn gefragt: „Herr Erzbischof, wann darf, kann oder muss ein Pfarrer in den Ruhestand gehen?” Dieser antwortete mir: „Mit 70 Jahren.” Ich äußerte sodann: „Das bin ich ja.” Daraufhin entgegnete der Bischof: „ Das weiß ich, das sieht man Ihnen aber nicht an. Ich würde wünschen, dass Sie weitermachen. Damit können Sie der Diözese und mir einen guten Dienst erweisen.” Ich habe also weitergemacht. Als ich dann 78 Jahre alt war, war ich allerdings der Meinung, dass es besser sei, jetzt den Ruhestand einzuleiten. Ich habe um meine Pensionierung nachgesucht, obwohl dieser Schritt nicht spurlos an mir vorübergegangen ist. Es war schließlich ein Einschnitt in meinem Leben. Ich fand eine sehr schöne, ruhig gelegene Wohnung im Vikariehaus der Dreifaltigkeits-Gemeinde in Herne-Holthausen. Dort gefällt es mir sehr gut und ich muss heute sagen, dass ich mit dieser Veränderung in meinem Leben bestens fertig geworden bin.

Haben Sie heute noch persönliche Beziehungen zur Herz-Jesu-Gemeinde, zu Ihrem Nachfolger Pfarrer Plümpe oder zu ehemaligen Vikaren?

Meine heutigen Beziehungen zur Herz-Jesu-Gemeinde und meinem Nachfolger Pfarrer Plümpe sind sehr gut. Allerdings war mein Standpunkt bei meiner Pensionierung: „Misch dich in nichts mehr ein, mach deinen Ruhestand nicht zum Unruhestand.”

Ich glaube heute, dass diese Einstellung richtig war.

Auch zu ehemaligen Vikaren habe ich guten Kontakt. Es sind während meiner Berufstätigkeit viele freundschaftliche Verbindungen zustande gekommen, die bis heute existieren. Mit Dankbarkeit möchte ich bei dieser Gelegenheit noch Folgendes sagen: Als ich mein 90. Lebensjahr vollendete, hat mich die Herz-Jesu-Gemeinde zu einer Geburtstagsfeier eingeladen; in einem feierlichen Hochamt in der Kirche und in einer familiären Feier im Gemeindezentrum ist mir ein schöner Tag beschert worden. Das hat mich außerordentlich gefreut.

Alfons Vogt am Rednerpult, 1980. Repro Stadtarchiv Herne

Herr Pfarrer i. R. Vogt, wissen Sie, wofür Sie in Herne und in der Gemeinde Herz- Jesu besonders bekannt waren?

Alfons Vogt reagiert zunächst etwas zögernd.

Wolfgang Bruch: “Wegen Ihrer Predigten!”

Alfons Vogt: Ja, das habe ich schon mal gehört. Mein Heimatpfarrer hatte mir das so beigebracht. Er sagte: „Predige nicht über den Kopf der Menschen hinweg.” Das habe ich beherzigt, d. h., ich habe immer möglichst „nah am Volk” gepredigt und nicht doziert. Ich denke, deswegen bin ich inhaltlich immer gut verstanden worden.

Herr Pfarrer i. R. Vogt, ich danke Ihnen für dieses Gespräch. Ich wünsche Ihnen noch beste Gesundheit für Ihr weiteres Leben. Ad multos annos!

Wolfgang Bruch1)Erstveröffentlichung des Textes in: „100 Jahre Katholische Kirchengemeinde Herz Jesu“. Seiten 76 bis 79. Schürmann + Klagges Verlag, Bochum 2006. Veröffentlichung von Text und Bildern auf dieser Seite mit freundlicher Genehmigung des Autors.2)Siehe auch: Alfons Vogt (Pfarrer).

Print Friendly, PDF & Email

Anmerkungen

Anmerkungen
1 Erstveröffentlichung des Textes in: „100 Jahre Katholische Kirchengemeinde Herz Jesu“. Seiten 76 bis 79. Schürmann + Klagges Verlag, Bochum 2006. Veröffentlichung von Text und Bildern auf dieser Seite mit freundlicher Genehmigung des Autors.
2 Siehe auch: Alfons Vogt (Pfarrer).