Das alte Amtsgericht Herne

Die wechselvolle Geschichte des Gebäudes an der Bahnhofstraße 7 c

Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden König von Preußen verordnen, unter Zustimmung der beiden Häuser des Landtages Unserer Monarchie, was folgt:

§ 1
In der Gemeinde Herne, im Landkreise Bochum, wird ein Amtsgericht errichtet. Demselben werden zugelegt, unter Abtrennung vom Bezirke des Amtsgerichts zu Bochum:

1) aus dem Landkreise Bochum:
die Gemeinden Herne, Horsthausen, Baukau und Hiltrop des Amtes Herne;

2) aus dem Kreise Gelsenkirchen: die Gemeinde Holsterhausen des Amtes Wanne.

Gegeben im Schloß zu Berlin, den 20. März 1889.

Ursprünglich gehörte Herne zum Gerichtsbezirk Strünkede. Durch Patent vom 09. September 1814 wurde in Bochum das Stadt- und Landgericht eingerichtet. In seinem Amtsbezirk lag auch Herne. Eröffnet wurde diese Justizeinrichtung am 24. April 1815.
Von 1849 bis 1879 war das „Kreisgericht Bochum“, anschließend das „Amtsgericht Bochum“ für Herner Rechtsstreitigkeiten in erster Instanz zuständig.

Das oben zitierte „Gesetz, betreffend die Errichtung eines Amtsgerichts in Herne“ vom 20. März 1889 war der erfolgreiche Schlusspunkt, den Hernes Amtmann Hermann Schaefer unter jahrelange zähe Verhandlungen setzen konnte. Das Haus an der Bahnhofstraße wurde errichtet, von vornherein zu klein, wie Herner Stadtväter meinten.

Das Königliche Amtsgericht als Postkartenmotiv, Repro Stadtarchiv Herne

Es diente vier Richtern als Amtssitz und war nicht anbaufähig, eine Tatsache, die bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts Gedanken an einen Neubau aufkommen ließ. Doch zunächst wurde das „Königliche Amtsgericht“ an der Bahnhofstraße am 01. Oktober 1892 seiner Bestimmung übergeben. Die ersten Richter in Herne waren Amtsrichter August Jost und Assessor Schmitz. Im Jahre 1904 mussten zur Behebung des Raummangels Amtsräume in Privathäusern angemietet werden. Am 27. Mai 1907 trafen sich im Schöffengerichtssaal Hernes Erster Bürgermeister Schaefer mit einem Vertreter des Justizministeriums, des Ministeriums für öffentliche Arbeiten und des Amtsgerichts sowie mit dem Kreisbauinspektor.

Alle Herren waren übereinstimmend davon überzeugt, dass das Amtsgerichtsgebäude zu klein sei und wegen der geplanten Neuorganisation der Justiz-Verwaltung dieser unhaltbare Zustand doch schlimmer werde, da mit einer Erweiterung der Zuständigkeiten von Amtsgerichten und deshalb mit einer „Vermehrung der Amtsrichter“ zu rechnen sei.

Bereits bei diesem Gespräch wurde das Grundstück der Erben Bergelmann als eine der vier Standortmöglichkeiten für den beabsichtigten Neubau genannt. In räumlicher Enge amtierten Ende 1912 sechs Amtsrichter, nämlich der aufsichtführende Paul van Hengel und die Herren Adalbert Jonas, Dr. Kurt Melcher, Ludwig Middelanis, Johann Heinrich Plaß und Hermann Stahl. Auch zehn „Kriegsgebote“ konnten im Ersten Weltkrieg den allgemein zu verzeichnenden Anstieg der Anzahl von Rechtsstreitigkeiten nicht eindämmen.

Man begann mit den Planungsarbeiten für einen Neubau. Bereits 1910 machte Rathausbaumeister Professor Wilhelm Kreis aus Düsseldorf konkrete Vorschläge zur Gestaltung des Platzes vor dem neuen Verwaltungszentrum Hernes. In seine Überlegungen von einem Behördenzentrum bezog er den geplanten Amtsgerichtsneubau ein. Die Gerichtsneubauten wurden im Spätherbst 1915 begonnen; zunächst wurde das Gefängnisgebäude errichtet. Der Krieg verzögerte die Fertigstellung der Bauten ganz erheblich und schließlich musste im Herbst 1917 wegen des Mangels an Arbeitskräften und Baustoffen die Bautätigkeit ganz eingestellt werden.

Nur das Gefängnisgebäude wurde schließlich doch zu Ende geführt und in November 1918 seiner Bestimmung übergeben. Erst im Hochsommer 1919 wurden die Arbeiten am Amtsgerichtsneubau wieder aufgenommen. Dieser wurde am Montag, dem 24. Oktober 1921, eröffnet.

Luftbildaufnahme des neuen Amtsgerichts, Anfang 1920er Jahre, Repro Stadtarchiv Herne

Nachdem nun die Gerichtsverwaltung ihr altes Domizil verlassen hatte, wurde das Gebäude Bahnhofstraße 7 c zwecks Unterbringung der Polizeiverwaltung umgebaut. So wurden unter anderem die ehemaligen Zellen zu Diensträumen hergerichtet, neue Zellen im Kellergeschoß gebaut, Wachräume eingerichtet. Schließlich konnte das Staats-Hochbauamt Dortmund dem Regierungs-Präsidenten in Arnsberg mit Schreiben vom 22. Juli 1922 berichten, dass die Umbauarbeiten am alten Amtsgerichtsgebäude fertiggestellt seien und „die noch auszuführenden Arbeiten das Gebäude nicht wesentlich verändern“, sondern „wie die bereits ausgeführten Arbeiten eine Verbesserung der Gebäude“ darstellen.

Das alte Amtsgerichtsgebäude erlebte 1929 das Ende eines weiteren Abschnitts seiner Geschichte: Die Polizeiverwaltung zog in das am 31. Mai 1929 eingeweihte Polizeiamtsgebäude ein, das wie schon der Amtsgerichtneubau einen Teil des von Professor Kreis geplanten Behördenzentrums darstellt.

Und erneut musste über eine Nutzung des Hauses Bahnhofstraße 7 c nachgedacht werden. In seiner Sitzung am 12. Juli 1929 beschloss der Magistrat, im alten Amtsgericht solle das Katasteramt nach durchgeführten Ausbesserungsarbeiten, die etwa 10.000 Reichsmark (RM) kosteten, untergebracht werden, und zwar zu einem Mietpreis von 3.700 RM jährlich für die benutzte Fläche von etwa 160 Quadratmetern. Weiter heißt es, die übrigen Räume sollen Verwendung finden für Bücherei und Museum.

Die städtische Bücherei im ehemaligen Amtsgerichtsgebäude, Repro Gerd Biedermann

Am 14. Januar 1930 konnte dann die Wiedereröffnung der städtischen Bücherei gefeiert werden. Seit 1912 war diese kulturelle Einrichtung der Stadt Herne im Rathauskeller untergebracht. Der Herner Anzeiger vom 15. Januar 1930 berichtet, dass am ersten Tag eine Viertelstunde vor der Eröffnung sich bereits eine Schlange von Lesern gebildet hatte, um neuen Lesestoff zu erstehen, ein Beweis dafür, „wie sehr die Bücherei einem Bedürfnis entspricht. Selbst von den entlegendsten Grenzen der Stadt wird sie in Anspruch genommen…“. Der Bücherbestand stieg zwischen 1912 und 1929 von 2.600 auf 8.200 Bände und die Zahl der jährlichen Ausleihen von 17.000 auf 45.300 an.

Am 23. Februar 1930 bezog dann auch das städtische Museum mit seinen Sammlungen im Hause Bahnhofstraße 7 c vierzehn Räume in zwei Etagen und in den früheren Gefängniszellen. Dort war es etwas mehr als sieben Jahre untergebracht. Museumsdirektor Karl Brandt organisierte neben seiner Arbeit zur Erweiterung dieser kulturellen Einrichtung und neben seiner Grabungstätigkeit Sonderausstellungen zu Themen wie die Ruhrbesetzung 1923/24, „Neuzeitliche Töpferkunst“ (1933), „Nationaler Kitsch“ (1936), „Westfälische Kunst der Gegenwart“ (1936), „Flachs und seine Bearbeitung in alter und neuer Zeit“ (1936) sowie eine Bilderausstellung „Berühmte Westfalen“. Das am 26. Februar 1937 in Emschertal-Museum umbenannte Museum schloß am 01. Juli 1937 seine Pforten und zog ins Obergeschoß von Schloss Strünkede um, wo es am 15. September 1938 feierlich wiedereröffnet werden konnte.

Tagesordnungspunkt 8 der Dezernentenbesprechung vom 14. Dezember 1936 verrät den Hintergrund für die Notwendigkeit dieser Schließungen: „Die 4 Zimmer im Hause Bahnhofstraße 7 c sollen der SA Standarte 457 Herne zur Benutzung als Standartengeschäftszimmer zu einem Mietpreis von monatlich 50,00 RM überlassen werden…“. Die Nazis hielten Einzug und machten Hernes altes Amtsgericht für acht Jahre zu einem der Zentren ihrer örtlichen Machtentfaltung.

Nach dem Zweiten Weltkrieg zog das städtische Wirtschaftsamt in das ehemalige Amtsgericht ein. Zuvor mussten einige räumliche Probleme gelöst werden. In einem Brief des Leiters dieser Dienststelle an den Oberbürgermeister heißt es unter anderem, eine vorgenommene Besichtigung habe ergeben, dass die Räumlichkeiten im Erdgeschoss und die ehemaligen Gefängniszellen im Anbau wegen ihrer Größe völlig unzureichend seien. Nur zwei Zimmer mit den Maßen 5 mal 6 Meter bzw. 6 mal 6 Meter könnten als Ausgabestellen von Bezugsberechtigungen genutzt werden. Notwendig seien aber fünf große Räume, und zwar zur Unterbringung der drei Ausgabestellen für Spinnstoffwaren sowie je ein großes Dienstzimmer zur Ausgabe der Bezugsberechtigungen für Möbel, Haushaltswaren und die Abrechnung über Tabakwaren einerseits und für Kohle, Holz und Petroleum andererseits. Außerdem brauchte das Wirtschaftsamt Räume für die Sachgebiete:

  • Leder, Arbeitsschuhe, Fahrräder und Fahrradbereifung,
  • Seifenbewirtschaftung und Abrechnung für Seifenerzeugnisse sowie Punktverrechnung für den Einzelhandel,
  • Beschlagnahme von Nazi-Vermögen, Wehrmachtsgut u. a. gemäß Gesetz Nr. 52 der Militärregierung,
  • Statistische- und Rechnungsabteilung.

Nach einigen Umbauten aufgrund dieses Briefes vom 04. Januar 1946 konnte das Wirtschaftsamt in das Haus Bahnhofstraße 7 c einziehen.

Ende Februar 1950 kehrte die Städtische Bücherei in die vom Wirtschaftsamt verlassenen Räume, in denen sie ja bis zum 26. Juni 1936 schon einmal untergebracht war, wieder zurück. Die Herner Zeitung kündigte die Eröffnung am 23. März 1950 einen Tag vorher mit den Worten an „Städtische Bücherei – geräumig, hell und frisch“. Kulturamtsleiter Dr. Leo Reiners rühmt die wiedergeborene Kultureinrichtung in seinem Buch über Herne in den Jahren 1945 – 1950 mit den Worten: „Jetzt erst hat die Städtische Bücherei das ihrer hohen kulturellen Bedeutung entsprechende Heim erhalten“.

Auch die 1948 geschaffene „Bücherei des deutschen Ostens“, die mittlerweile unter dem Namen Martin-Opitz-Bibliothek firmiert, zunächst im Rathaus untergebracht, zog im April 1950 in zwei Räume im Obergeschoss des Hauses Bahnhofstraße 7 c ein. Am 05. Mai 1951 erhielt die Stadt auch die vom englischen Stadtkommandanten im alten Amtsgericht in Anspruch genommenen Räume zurück. Diese wurden von nun an ebenfalls von der Bücherei genutzt. In ihrem neuen Domizil verzeichnete die Bücherei einen großen Aufschwung. Der Buchbestand in der Hauptstelle war zwischen 1950 und 1968 von 13.655 auf über 49.000 und die Zahl der Ausleihen von 55.000 auf fast 112.000 gestiegen.

Das City Center ersetzt das alte Amtsgerichtsgebäude, Repro Stadtarchiv Herne

Aber bereits neunzehn Jahre nach der Wiedereröffnung war schon der nächste Umzug in vollem Gange. Über den Grund berichtet die Westdeutsche Allgemeine Zeitung in ihrer Ausgabe vom 15. April 1969: „Das alte Amtsgericht unter der Spitzhacke. Stadtsanierung hinterläßt kräftige Spuren“. Ein gutes Stück Herner Stadtgeschichte musste seinen Platz für das am 28. Februar 1973 eröffnete City Center räumen. Unter dem Motto „Hier soll der Kunde in erster Linie Mensch sein“ sollten über dreißig Geschäfte in dem neuen Vorzeigegebäude ihre Zelte aufschlagen.1)Stadtarchiv Herne, Dokumentationsbibliothek, Bestand Amtsgericht Herne und Wanne-Eickel, Amtsgericht Herne.2)Historie des Amtsgerichts Herne, letzter Zugriff: 22.02.2020.

Manfred Hildebrandt, Jürgen Hagen

Anmerkungen

1 Stadtarchiv Herne, Dokumentationsbibliothek, Bestand Amtsgericht Herne und Wanne-Eickel, Amtsgericht Herne.
2 Historie des Amtsgerichts Herne, letzter Zugriff: 22.02.2020.
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