Das war mein Leben – Erinnerungen eines Baukauers

Wir Baukauer hatten damals schon die erste Fußgängerzone in Baukau, es war die Baukauer Straße in den alten Höfen. Dort standen noch die alten Bauernhöfe von Grüter, Trösken, Arndt und Lackmann. Eingebettet von wogenden Kornfeldern. Auf den sattgrünen Wiesen weideten Pferde, Kühe und Schweine. Hier gingen die Baukauer Bürger durch die dörfliche Idylle gerne spazieren. Weit und breit kein Auto, dafür frische, gesunde Landluft. Am Abend das beruhigende Quaken von Hunderten von Fröschen in den naheliegenden Teichen. Im Frühjahr das Überfliegen von heimkehrenden Störchen und vielen Gänsen aus dem Süden und im Herbst das Zurückfliegen in den Süden.

In den Höfen – Baukauer Straße, Baukau 1926, Repro Stadtarchiv Herne

Die städtische Müllabfuhr fand zweimal im Monat statt, gemütlich ziehende Ochsenkarren.

Baukauer Straße, Richtung Forellstraße, links Hülsmann, in der Mitte Schuhmacher mit Backhaus, rechts Arndt, Foto Josef Sattler

Als viertes Kind der Eheleute Anton und Agnes H. kam ich an einem sehr heißen Sommertag 1905 in Baukau auf diese Welt. Ostern 1911 wurde ich in die Schule Bismarckstraße eingeschult. Ich ging gerne zur Schule.

Die Eltern waren streng religiös und lebten nach der Devise „arbeite und bete“. Im Kreise von 7 Geschwistern verlebte ich eine schöne, glückliche Jugend, und ich denke oft und gerne an diese Zeit zurück.

Katholische Volksschule, später Hauptschule an der Bismarckstraße, Repro Stadtarchiv Herne

Die Sommertage waren heiß, wir liefen alle barfuß herum. Bei nächtlichen schweren Gewittern wurden wir Kinder geweckt und angezogen, eine Kerze wurde angezündet und gebetet. Mit frommer Miene und Weihwasser segnete die Großmutter die Wohnung. Nach vorübergezogenem Gewitter durften wir Kinder mit einem Dankgebet wieder ins Bett.

Wir Jungen in Baukau konnten alle schwimmen, die Gelegenheit hatten wir durch die Teiche und den Kanal. Eine Badehose hatte keiner von uns. Im Sommer haben wir zum Kahnrudern Gelegenheit auf dem Schlossteich gehabt.

Grüter-Neweling Teich, Cranger Str. 38, im Hintergrund Zeche Julia, 1965, Foto Robert Grabski

Im Winter schmückten wochenlang die schönsten Eisblumen die Fenster. Klassenweise ging es mit den Lehrpersonen zum Schlittschuhlaufen. Am Schloss Strünkede spielte eine Blaskapelle zum Eislaufen. Es gab heiße Würstchen und warme Getränke zu kaufen. Und wenn draußen Schneestürme tobten und im Zimmer der Kanonenofen brannte, machten die größeren Geschwister bei einer Petroleumlampe die Schulaufgaben. Und die Kleineren hörten Großmutters gruseligen Gespenstergeschichten zu.

Glücklich und zufrieden saß unsere Mutter unter uns und strickte fleißig Strümpfe und Handschuhe für die Älteren als Weihnachtsgeschenke. Die Kleineren bekamen Bleistifte, Griffel, Radiergummi oder ein Bilderbuch. Irgendwie waren wir alle wie verzaubert vom natürlichen Glanz, den das Weihnachtsfest ausstrahlte.

Einen Rummel wie heute gab es damals noch nicht. Mein Patenonkel bescherte mich ganz besonders gut mit einem Schaukelpferd, Husarenuniform, Fahne und Mütze. Das schönste aber war die Zeit, wenn unser Vater die Ziehharmonika spielte und sang dazu die alten Weihnachtslieder.

Ein guter Freund von mir war ein zugelaufener Hund, er begleitete mich zur Schule und wartete auf mich, bis ich wieder zurück kam.

Wir Brüder hatten ein paar Schlittschuhe und ein klappriges Fahrrad. Da wir immer alle zur gleichen Zeit fahren wollten, gab es oft Reibereien unter uns Brüdern.

In bestimmten Abständen zogen Scherenschleifer, Kesselflicker, Bärentreiber mit tanzenden Bären und Leierkasten durch die Straßen und sorgten für angenehme Abwechslung. Die Lieblinge waren die kleinen Äffchen. Sie saßen auf dem Leierkasten und machten ihr Späßken.

Neben unserem Haus befand sich die Postnebenstelle im Haus des Schneidermeisters Paul. Jeden Tag kam die Postkutsche und brachte die Post zur Hauptpost. Der Kutscher mit Zylinder saß hoch auf dem Bock und blies auf der Trompete sein „Trara, Trara, die Post ist da“. Unvergesslich diese Romantik.

Es gab viel Ärger mit den Nachbarn und Hiebe für uns, weil wir es nicht lassen konnten, in Nachbars Garten Birnen zu plündern.

Unsere Mutter schnitt uns Jungen die Haare, und der Frisör Viehmeyer zog uns die Zähne. Im Mai und im Oktober wurde jeden Abend der Rosenkranz gebetet. Die ganze Familie – groß und klein – kniete vor der Kommode. Die geschmückt war mit dem Bild der heiligen Familie, brennenden Kerzen und Papierblumen, die an langen Winterabenden von allen gebastelt wurden. Dieses alles hat uns Kinder sehr beeindruckt. Von Nestwärme wurde nie geredet, sie war einfach da!

Unsere Eltern waren uns Kindern in jeder Hinsicht ein Vorbild. Es war gar nicht so einfach für sie, 8 Kinder und eine Menge Kleinvieh satt zu kriegen.

Zu jeder Wohnung gehörte ein Schweinestall. Das gab sehr viel Arbeit, aber keinen Staubsauger, keine Waschmaschine, viel Garten und wir großen mussten fleißig mithelfen. Wir waren alle gesund, ein Arzt in Baukau hatte nicht viel zu tun.

Die Fastenzeit wurde streng eingehalten. Fleisch essen war eine große Sünde. Zu Ostern wurden 2 große Platten Streuselkuchen zum Bäcker gebracht. Ostereier im Garten gesucht und gefunden. Ei, war das ein Gaudi, wie das alles geschmeckt hat in einer armen aber kinderreichen Familie.

Viel Aufregung und Spannung gab es zur Zeit der Cranger Kirmes, Tag und Nacht zogen die Pferdehändler mit ihren Pferden nach Crange und oft zogen wir trotz strengen Verbots heimlich mit. Für uns war es eine Sensation voller knisterner Spannung. Da waren die Zigeuner, Wahrsager, Seiltänzer, Bärenführer, Kasperltheater und die Moritatensänger.

An langen heißen Sommertagen durften wir Kinder etwas länger aufbleiben und den Älteren zuhören. Sie unterhielten sich übers Wetter, Kinder und die Männer aus ihrer Militärzeit und Krieg. Ja und auf einmal war es so weit. Ich kann mich noch sehr gut an den Ersten Weltkrieg erinnern, August 1914. Mit Marschmusik und viel Hurrapatriotismus zogen die Soldaten singend nach Frankreich. Es war eine schwere Zeit, eine große Hungersnot begann. Steckrüben gab es dreimal am Tag. Durch die Kinderlandverschickung kam ich als 12-jähriger in die Provinz Posen. Es war eine schöne aber harte Zeit für mich.

Ich lernte fast alle landwirtschaftlichen Arbeiten, pflügen, dreschen, mähen, die Männer waren eingezogen. Nach genau 2 Jahren holten mich meine Eltern zurück, der Krieg war aus, der Kaiser geflohen, Deutschland wurde eine Republik, November 1918.

Ich fing bei der Maschinenfabrik Baum als Werkzeugmacherlehrling an. Musste vier Jahre in die Lehre gehen. Die Arbeitszeit ging von 6 bis 6, also 12 Stunden. 2 mal in der Woche ging es noch in die Berufsschule. Am Abend um 8 Uhr.

Die Preise stiegen stündlich, die Inflation hatte bald ihren Höhepunkt erreicht. Ein Pfund Margarine kostete 30.000 Mark, anderntags das Doppelte. Ein Anzug 50 Millionen.

Am 27.07.1923 Lehrzeit beendet. Nach der Gesellenprüfung arbeitete ich ein Jahr bei Baum als Geselle. Und ging dann auf Wanderschaft. Ich habe das nicht bereut, zu zweien zogen wir zu Fuß durchs Sauerland, Siegerland, Rheinland-Pfalz, Schwaben, Saargebiet, Württemberg, Harz, Hamburg. Ich lernte Deutschland kennen. Es war eine sehr schöne Zeit. Alles zu Fuß, wir schliefen in Jugendherbergen oder bei Mutter Grün.

Januar 1925 wieder bei Baum angefangen, Stundenlohn 81 Pfennige. Ich verdiente sehr gut. Erstemal am 25.11.1925 ins Operettentheater gegangen. 1927 Blinddarm operiert und Besuch Vergnügungspark Fredenbaum in Dortmund, später Bochum Meistersinger.

Die Drehorgel-Leierkastenmänner spielten das, was modern war, z. B. Püppchen, du bist mein Augenstern, Waldeslust, Bummelpetrus, In einer kleinen Konditorei, Mariechen saß weinend im Garten oder Ich liebte einst ein Mädchen.

Volkshochschule besucht 2 Semester Kunst und Literatur.

Ja, ich liebte auch ein Mädchen, sie hieß Maria und 1928 wurde geheiratet. Wir waren arm, jung, gesund und glücklich. Die Hochzeitsreise ging an einem schönen Sonntagnachmittag nach Blankenstein an der Ruhr.

Wir wohnten auf der Cranger Straße in 2 über den Flur geteilten Zimmern. Höhepunkte unseres Zusammenseins waren Ausflüge nach Hohensyburg, Grugapark Essen und Haltern. Wir hatten einen kleinen Garten. Im Gleichklang unserer Herzen und Harmonie unserer Seelen waren wir verliebt und sehr glücklich. Meine Frau war ein kostbares Kleinod.

1930 sind wir nach Wiesenstraße umgezogen. Erstemal 3 Tage Urlaub. Es gab Arbeitslose und Kurzarbeit.

1931 Tagesausflug nach Werden an der Ruhr und 2-Tage-Tour nach Haltern, 1932 14-Tage-Radtour über Münster, Osnabrück, Bremen, Hamburg, Cuxhafen und etwas später 3 Tage nach Waldbeeren ins Sauerland.

30.1.1933 – Hitler kommt an die Macht. Eine Schreckensherrschaft beginnt. Wer die Fahne nicht grüßte bekam Prügel.

Februar arbeitslos geworden und im Mai Vater, unsere Tochter Renate wurde geboren. August 1934 10 Tage Haft wegen Impfunterlassung bei der Tochter. 1935 wurde uns ein Knabe geschenkt, er starb 2 Jahre später an Zahnkrämpfen. Ich habe gerade 2 Wochen gearbeitet auf Julia. Es war alles so sinnlos, eine schwere Zeit für uns.

Bahnhofstraße zur Zeit des Nationalsozialismus, Repro Stadtarchiv Herne

1938 wurde unser drittes Kind geboren. Es war ein Sohn und wir tauften ihn auf den Namen Werner. Nun waren wir wieder 4 Personen. Ich hatte feste Arbeit, verdiente gut.

Wir hätten glücklich sein können. Da begann das große Völkermorden. Im November 1939 Einmarsch deutscher Truppen in Polen.

Im Sommer 1940 zogen wir in eine Neubauwohnung „Vor dem Hofe“ mit Bad und Toilette im Haus. Wir freuten uns sehr darüber, aber die Freude war überschattet von Fliegeralarm, Luftschutzlaufen und Bomben. Es war eine schreckliche Zeit, fast jeden Tag Fliegeralarm, auch nachts.

Im August 1943 wurde ich von Frau und Kindern getrennt. Sie wurden nach Pommern evakuiert. Nach viermonatlicher Trennung holte ich meine Familie zurück und brachte unsere Renate nach Anröchte ins Sauerland. Es fand kein Schulunterricht statt. Wir lebten mehr in Bunkern und Kellern wie in der Wohnung. Ganze Städte wurden zerstört.

Im März 1945 stand es fest, dass der Krieg verloren war. Am 10. April marschierten Amerikaner in Herne ein. Wir alle waren froh und glücklich, dass wir noch lebten. Nachts war Ausgehverbot und nur mit einer brennenden Laterne gestattet. Schwarzhandel blühte, ganz langsam normalisierte sich alles, wir brauchten nachts nicht mehr aus den Betten. Hamstern war ganz groß in, wer Tauschware hatte, fuhr aufs Land.

Amerikanische GIs nach der Besetzung Hernes. Vermutlich wurden die Fotos am Schloss Strünkede aufgenommen, wo die Amis ihr erstes Hauptquartier hatten. Foto Bildarchiv Herne
Amerikanische GIs nach der Besetzung Hernes. Vermutlich wurden die Fotos am Schloss Strünkede aufgenommen, dort hatten die Amerikaner ihr erstes Hauptquartier. Foto Bildarchiv Herne

Grünanlagen wurden umgegraben, überall Gemüse und Kartoffeln angebaut. Wir hatten ein Stück Garten mit Kleinvieh, das war unser Hobby. Es wurde Schnaps gebrannt, Rapsöl gemahlen. Alles was verboten war, wurde getan, um am Leben zu bleiben.

1948 mussten wir unsere Tausender abgeben und bekamen pro Person 40 Deutsche Mark. Das Hamstern hörte auf, wir konnten wieder alles kaufen.

Im Mai 1953 feierten wir unsere Silberhochzeit.

Es ging uns gut. Alle Menschen hatten Arbeit. Wir konnten uns manches gestatten, wovon unsere Eltern nicht geträumt hatten. Werner machte eine kaufmännische Lehre, Renate hatte eine schöne Stelle bei Hibernia nach Absolvierung einer Handelsschule. Dort lernte sie ihren Mann kennen, mit dem sie Februar 1956 zum Standesamt ging. Und ein Jahr später wurden meine Frau und ich Großeltern.

Dezember 1959 wurde ich nach Zeche Recklinghausen verlegt und ging 1965 in Rente.

Im November 1967 heiratete Werner. Und wir waren wieder alleine zu zweit. Zuvor hatten wir schöne glückliche Jahre verlebt. Machten mehrere Male Urlaub. Freuten uns über selbstgezogenes Gemüse und Blumen aus unserem kleinen Garten.

Wir waren beide jung und glücklich. Alles geschah füreinander und miteinander was uns Freude machte. Wie schön kann eine alte Ehe im Alter sein. Wir haben die furchtbare Tyrannei und den Krieg überstanden. Krankheiten und die anfallenden Sorgen in der Familie überlebt. Und hofften einen geruhsamen herbstlichen Lebensabend zu genießen.

Es kam alles ganz anders. Seit Februar 1968 bin ich wieder alleine. Der plötzliche Tod meiner Lebensgefährtin machte mich unerwartet zum Witwer und ich war wieder alleine. Der Schrecken war groß, nach fast vierzigjähriger harmonischer Ehe. Die Hilfe, die von meinen Kindern kam, unterschätze ich nicht. Das muss ich dankbar anerkennen. Das Alleinsein musste ich üben und lernen. Meine Kinder halfen mir dabei.

Die beste Medizin war Arbeit, und die Erinnerungen. Schade, untröstlich schade, dass nun vorbei ist, was schön und gut war. Es ist schon schwer, alleine zu leben, noch schwerer ist es, zu zweit allein zu sein. Für ein Abenteuer fühlte ich mich zu alt.

Nach Enttäuschungen habe ich einen Menschen gefunden, mit dem ich mich freundschaftlich sehr verbunden fühle. Die Welt ist für mich wieder in Ordnung.

Oktober 1985 wurde ich für 60-jährige Gewerkschaftszugehörigkeit mit vielen schönen Glückwünschen und Geschenken feierlich geehrt.

1985 feierte ich im Kreise meiner Familie mit Geschwistern, Kindern und Enkelkindern im Eickeler Parkhaus meinen 80. Geburtstag. Es war eine gelungene Feier. Ich befand mich in einer guten körperlichen Verfassung.

Seit gut 5 Jahren lebe und führe ich mit Elli ein gutes, freundschaftliches, glückliches Leben. Wir machen Urlaub, besuchen gerne Konzerte und Theater, und besuchen gerne Grünanlagen, Westfalenpark Dortmund, Gruga Essen, Stadtgarten Bochum und Recklinghausen, lesen viel und gerne, spielen Schach, lösen Kreuzworträtsel, und alles auf gleicher Wellenlänge.

1990 feierten wir im kleinen Kreis meinen 85. Geburtstag in der Wohnung von Renate. Unter den Gratulanten befanden sich meine zwei Urenkel, die dem Urgroßvater gratulierten. Überschattet wurde diese Feier von der Krankheit meines Bruders Josef und meines Sohnes Werner.

Am 12. Mai 1991 haben wir den letzten von meinen 4 Brüdern zur letzten Ruhe getragen, das macht mich traurig und nachdenklich.

Meinen diesjährigen 86. Geburtstag verlebte ich „im Haus der offenen Tür“ bei Renate im immer kleiner werdenden Familienkreis.

Am 07. Oktober besuchte ich als alter Zirkusfreund mit meinen Urenkeln den Zirkus Sarrasani.

Dieser Text eines Baukauer Zeitzeugens wurde bei einer gemeinsamen Lesung mit der ehemaligen, zu früh verstorbenen, Bürgermeisterin Christel Mannke im September 2016 erstmalig der Öffentlichkeit vorgestellt. Der Text wurde, um die gewünschte Anonymität zu wahren, redaktionell bearbeitet. Auch wurde er an die neue Rechtschreibung angepasst. Die inhaltlichen Aussagen sind aber unberührt geblieben.

Jürgen Hagen

Quellen:

  • Stadtarchiv Herne, Dokumentationsbibliothek, Bestandt Stadtteile, Baukau
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